APA-FOTO: HBF

Subjektives Sicherheitsgefühl

Warum das Burgenland wahrscheinlich kein Bundesheer braucht

von Moritz Gottsauner / 14.02.2016

Die burgenländische Bevölkerung sei verängstigt, sagt der Landeshauptmann, und will das Bundesheer aufmarschieren lassen. Lächerlich, könnte man mit Blick auf die Statistik meinen. Aber das „subjektive Unsicherheitsgefühl“ im Burgenland ist auch ein Warnsignal. 

Die Sonne brennt auf die Schilfdächer und auf die grünen Käppis der Rekruten. Zu zweit schlendern sie durch das Örtchen Pamhagen im Burgenland, vorbei am Supermarkt, an der kleinen Kirche. An festgelegten Stationen machen sie Pause, halten Wache. Vor einem Kaufhaus zum Beispiel. Die Soldaten warten darauf, dass etwas passiert. Ein Wohnungseinbruch, ein Autodiebstahl vielleicht. Möglicherweise ein Raub?

Warnwesten haben sie um, manchmal auch Sturmgewehre. Sie könnten die Polizei rufen, viel mehr aber nicht. Es kommt ohnehin selten vor, dass etwas passiert. Eher helfen die Soldaten alten Damen über die Straße, für den Lohn eines Lächelns oder einen Schluck Schnaps. So war das damals im Burgenland, ab 2007, als für mehrere Jahre das Militär patrouillierte. Nicht an der Grenze, Schengen galt ja bereits, sondern in grenznahen Dörfern.

Die Rückkehr des subjektiven Sicherheitsgefühls

Landeshauptmann Hans Niessl begründete den Aufwand mit dem „subjektiven Sicherheitsgefühl“, das verstärkt werden müsse. Die Menschen hätten sich vor Diebesbanden aus dem Osten gefürchtet. Der Bundesheereinsatz genoss große Popularität, bis es der Regierung in Wien 2011 zu bunt wurde und sie den Einsatz beendete.

Wenn es aber nach Niessl und seinem aktuellen Vize Johann Tschürtz (FPÖ) geht, dann können die Grundwehrdiener schon mal die Warnwesten entstauben. Denn die beiden fordern nicht nur einen neuen Assistenzeinsatz, sie wollen auch sogenannte „Sicherheitspartner“ einführen, private Dienstleister, die durch die Gemeinden patrouillieren, Einbrecher verjagen und auch einmal für die Einwohner einkaufen gehen.

Einen konkreten Anlass dafür aber blieben sie schuldig. Einbruchskriminalität ist ein wahrscheinlicher Kandidat. Und latent schwingt immer das Thema Flüchtlinge mit. Aber an der Kriminalstatistik für das Burgenland lassen sich einige bemerkenswerte Entwicklungen ablesen. Offenbar gibt es ein Problem, das über Einbrecher und Flüchtlinge hinausgeht.

Was die Zahlen sagen

Warum haben die Menschen also Angst? Wie gefährlich es wirklich im Burgenland zugeht, wissen derzeit wohl nur die Polizisten selbst. Einmal im Jahr gibt das Innenministerium den Sicherheitsbericht heraus, in dem die Zahl der Anzeigen zu Straftaten zusammengefasst sind. Der neuesten Daten stammen aus 2014. Jene für 2015 sollen im März publiziert werden. Langjährige Trends können aber Aufschluss darüber geben, was für 2015 unter normalen Umständen ohne Flüchtlingskrise zu erwarten gewesen wäre.

Die folgende Grafik zeigt die Anzahl der angezeigten Straftaten nach Bundesland pro 100.000 Einwohner. Wie immer bei Anzeigenstatistiken ist Vorsicht angebracht. Bei manchen Deliktgruppen, wie Diebstahl, erstatten Opfer eher Anzeige als etwa bei sexueller Gewalt. Größere Dunkelziffern in manchen Bereichen sind die Folge. Klar scheint aber, dass das Burgenland bisher das sicherste Bundesland war.

Das Ergebnis der Gesamtkriminalität ist nicht überraschend. Die Kriminalität ist in Ballungsräumen generell höher als im ländlichen Raum. Wien schwebt also weit über allen anderen Bundesländern, auch wenn der Trend nach unten geht.

Das Burgenland war seit 2002 immer jenes Bundesland mit den wenigsten Anzeigen pro Kopf. Und das auch noch mit beträchtlichem Abstand. Auch nach bedeutenden Deliktgruppen aufgeschlüsselt, ergibt sich ein ähnliches Bild.

Bei Gewaltdelikten liegt Wien zwar auch vorne, aber mit weit geringerem Abstand. Zeitweise gab es in Tirol sogar mehr. Das Burgenland aber rangiert wieder unter Ferner liefen. Auch bei Vermögensdelikten legt die Statistik nach, dass es kein sichereres Bundesland gibt.

Es ist das eine, weniger Straftaten zu verzeichnen. Das andere, was zum „subjektiven Sicherheitsgefühl“ beitragen kann, ist die Aufklärungsrate. Hier gilt die Faustregel: Gewalttaten werden sehr häufig aufgeklärt, Vermögensdelikte seltener.

Das Burgenland schneidet in allen drei Kategorien gut ab, geschlagen nur von Vorarlberg. Das westliche Burgenland lässt sich, was die Einwohnerzahl und die Abwesenheit von größeren Ballungszentren betrifft, noch am ehesten mit dem Burgenland vergleichen.

Die letzten zwei Grafiken betreffen jene Delikte, die für das subjektive Sicherheitsempfinden wohl am wichtigsten sind: Diebstahl und Einbruchsdiebstahl.

Die Zahl der Diebstähle und Einbrüche hat in den vergangenen Jahren stagniert. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich, dass das nicht für alle Arten von Einbrüchen gilt. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist im Burgenland auf gleichem Niveau geblieben, während Einbrüche in Häuser seit 2012 stark zugenommen haben. Wenn es einen rationalen Grund für das Unsicherheitsempfinden der Burgenländer gibt, dann womöglich die 337 Hauseinbrüche im Jahr 2014. Sollten sich die Fälle auch geografisch konzentriert haben, könnte es den Eindruck einer Einbruchswelle noch verstärkt haben. Im Vergleich zu den anderen Bundesländern reichten die Haus- und Wohnungseinbrüche aber nur für einen Platz im guten Mittelfeld, wie folgende Grafik zeigt.

Nichts zu fürchten …

Was Einbrüche betrifft, war 2014 neben Wien also vor allem Niederösterreich belastet. Alles in allem scheint die Angst der Burgenländer, so sie überhaupt im von Hans Niessl behaupteten Ausmaß existiert, nur zu einem Teil in der Realität begründet. Das Burgenland verzeichnete mit Abstand die wenigsten Anzeigen pro Kopf in Österreich. Alleine im 2. Wiener Gemeindebezirk gab es fast doppelt so viele Straftaten. Im gesamten Jahr 2014 gab es im Burgenland zum Beispiel nur einen einzigen Fall von Raub. Gewaltdelikte waren kaum ein Thema. Abgesehen vom Anstieg bei Häusern stagnieren die Einbrüche insgesamt. Und trotzdem ruft ausgerechnet der Landeshauptmann dieses Bundeslandes nach Sicherheitsdiensten und einem Bundesheereinsatz.

… außer die Furcht selbst?

Ob die Forderung gerechtfertigt ist, kann jedoch erst beurteilt werden, wenn die Zahlen von 2015 publiziert werden. Die Einführung der Sicherheitspartner würde jedenfalls eine bemerkenswerte Entwicklung in Österreich markieren: Eine Untersuchung des kriminologischen Instituts der Universität Wien hat ergeben, dass der private Sicherheitssektor in jenen Ländern besonders ausgeprägt ist, wo das Vertrauen in die Effektivität des Staats in dieser Frage schwach ist. In Österreich war es im europäischen Vergleich bisher noch relativ groß.

Das subjektive Unsicherheitsgefühl, so rational oder irrational es sein mag, führt auch zu problematischen realen Konsequenzen, die seit langem Thema kriminologischer Untersuchungen sind. Wer sich vor Kriminalität fürchtet, ändert seine Verhaltensweisen. Gewisse Orte werden nicht mehr frequentiert, das Misstrauen gegenüber anderen Menschen wächst, heißt es in einem vom deutschen Bundeskriminalamt publizierten Artikel von Helmut Hirtenlehner, dem Leiter des Zentrums für Kriminologie an der Linzer Johannes Kepler-Universität. Gesellschaftliches Engagement geht zurück und am Ende auch die Lebenszufriedenheit und Lebensqualität.

Es sind insbesondere diese Folgen, die sich auf die Stimmung in der Bevölkerung auswirken können und sich in der politischen Debatte niederschlagen. Es spricht einiges dafür, dass das subjektive Unsicherheitsgefühl ernst genommen werden sollte. Nur woher genau die Angst kommt, ist oft noch ein Rätsel. Es ist die alte Henne-Ei Frage: Was war zuerst da, die Angst in der Bevölkerung oder die Politik mit der Angst?