Lukas Wagner

Patricia Kahane

Warum eine Mäzenin die Bürgermeister zum Flüchtlingsgipfel lädt

von Elisalex Henckel / 20.01.2016

16 Bürgermeister aus acht Ländern entlang der Fluchtrouten konferieren diese Woche auf Einladung der Karl Kahane Stiftung und des Kreisky Forums in Wien mit Flüchtlingen und Vertretern der Zivilgesellschaft. Stiftungspräsidentin Patricia Kahane erklärt, wieso sie die Suche nach neuen Strukturen und Strategien zur Integration der Schutzsuchenden nicht der Politik überlassen will.

Es muss ein Tag im vergangenen August gewesen sein. Patricia Kahane und ihr „jahrzehntelanger Seelenfreund“ André Heller waren nach drinnen geflüchtet, um der Hitze zu entkommen. Sie sprachen über die Flüchtlinge, die tagelang am Budapester Ostbahnhof festsaßen. Von denen viele gerade losmarschiert waren. Zu Fuß. Auf der Autobahn. Richtung Wien.

„Wir dachten an unsere gemeinsame Schicksalsgemeinschaftsabstammung“, sagt Kahane, „und überlegten, was mir machen können, damit unsere Enkel uns nicht irgendwann die Frage stellen, die wir unseren Großeltern gestellt haben: Warum habt ihr nichts getan? Ihr habt das doch kommen sehen.“

Patricia Kahane ist eine kleine, schmale Frau Anfang 60. Sie spricht leise, aber bestimmt. Öffentlich äußert sie sich nur selten, obwohl – oder vermutlich eher weil sie aus einer jüdischen Industriellenfamilie stammt, deren Vermögen das Magazin Trend zuletzt auf 2,1 MilliardenPatricia Kahane kommentiert die medial kolportierten Zahlen nicht. Sie sagt nur: „Wir haben gelernt, nicht alles, was in Magazinen steht, zu glauben.“ Euro beziffert hat. Sie sitzt in den Kontrollgremien mehrerer Familienunternehmen und leitet die nach ihrem Vater benannte Karl Kahane Stiftung. Das jüngste und bislang größte Einzelprojekt dieser Stiftung ist eine gemeinsam mit dem Kreisky Forum organisierte internationale Konferenz zum Thema Flüchtlinge, die diese Woche in Wien stattfindet.

Im Mittelpunkt stehen die Bürgermeister

Die simple Idee dahinter entstand in jenen Sommertagen vor fünf Monaten, in Gesprächen mit Heller und anderen: „Es sollte um die Menschen gehen“, sagt Kahane. Die, die schon da sind, und die, die neu dazugekommen sind. Und um die Frage, wie sie zusammenleben können. Und weil sich dieses Zusammenleben nunmal in erster Linie in den Kommunen abspiele, sollten zur Konferenz neben neuen und alten Bürgern, Experten und Nichtregierungsorganisationen vor allem jene Menschen kommen, die in Österreich so oft als Verhinderer aufgetreten sind, dass die Regierung ein neues Verfassungsgesetz geschaffen hat, um sich gegen sie durchsetzen zu können: die Bürgermeister.

„Bürgermeister sind nicht nur Verhinderer“, sagt Kahane. „Es gibt eine Fülle von Gemeinden, wo es den Bürgermeistern gelungen ist, die Stimmung zumindest neutral zu halten.“ Davon abgesehen ist sie der Meinung: Wenn man von Bürgermeistern nur Quartiere verlange, ohne ihnen die zur Betreuung von Flüchtlingen notwendigen Strategien und Strukturen zur Verfügung zu stellen, dürfe man sich nicht wundern, wenn sich die Ortschefs wehren würden.

Das Besondere an Kahanes Treffen ist aber etwas anderes: Die Bürgermeister kommen nicht nur aus Orten, die Flüchtlinge aufnehmen sollen, sondern auch aus Herkunftsregionen und Transitländern. Die großen Themen Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarkt würden doch alle Gemeinden entlang der Fluchtrouten beschäftigen, argumentiert Kahane. Wieso also nicht voneinander lernen?

Es geht um „beste nächste Schritte“

Patricia Kahane wird die Ortschefs am Donnerstag gemeinsam mit André Heller und dem Traiskirchener Bürgermeister Andreas Babler in einer ehemaligen Werkstättenhalle begrüßen, die die ÖBB zur Verfügung gestellt hat. Sie sollen dort mit Betroffenen und Vertretern der Zivilgesellschaft über „beste nächste Schritte“ diskutieren, sagt die Mäzenin. Wie viele es insgesamt sein werden, ist noch nicht ganz klar. Fix angemeldet haben sich – neben Babler als drittem Einladenden und Michael Häupl, der den Ehrenschutz übernommen hat – 14 Bürgermeister aus acht Ländern entlang der Flüchtlingsroute: Jordanien, Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Italien, Österreich und Deutschland.

Die ganze Teilnehmerliste finden Sie hier.

Zwei Tage lang wollen Kahane und ihre Mitstreiter den Konferenzteilnehmern vor allem „einen sicheren Rahmen geben, damit sie sich wirklich austauschen können“, sagt die Präsidentin der Kahane Stiftung. „Aber natürlich wäre es ein noch größerer Erfolg, wenn das geplante Schlussdokument konkrete Vorschläge enthält, die die Politik dazu anregen, institutionelle Strukturen neu zu denken.“

Dass dies auf dem offiziellen Asylgipfel, zu dem sich Vertreter von Bund und Ländern heute im Bundeskanzleramt treffen, geschehen wird, erwartet die Mäzenin nicht. „Man kann nur hoffen, dass ihnen etwas einfällt. Aber bisher herrscht Rat- und Hilfslosigkeit.“

Der Inkompetenz wenigstens bewusst

Überrascht habe sie das nicht, sagt Kahane und verweist auf ein Modell aus der Entwicklungspsychologie zur Beschreibung von Veränderungen: Auf eine Phase der „unbewussten Inkompetenz“ folge jene der „bewussten Inkompetenz – da stehen wir gerade“. Über Experimente und die Anwendung von Best-Practice-Modellen gelange man in die Phase „bewusster Kompetenz“, sobald die erworbenen Fähigkeiten selbstverständlich würden, handle es sich um „unbewusste Kompetenz“.

Patricia Kahane, deren Stiftung in der Vergangenheit unter anderem Projekte zur Ausbildung palästinensischer Ärzte oder marokkanischer Frauen mit Behinderungen unterstützt hat, ist immer noch tief beeindruckt von dem, was die Zivilgesellschaft in den vergangenen Monaten geleistet hat. „Zigtausende Menschen wollten nicht einfach gelähmt dastehen und warten, sondern haben den Schritt aus der Opferrolle hinaus gemacht und Verantwortung übernommen“, sagt sie. „Sie haben gefragt: Was kann ich tun? Und dann gehandelt.“

Eine Entwicklung macht Kahane aber Sorgen: „Es gibt auch Menschen, die auf die, die sich nicht so engagieren können oder wollen, herabschauen.“ Das hält sie für falsch – genauso wie den weit verbreiteten Reflex, alle Kritiker der „Willkommenskultur“ „als debil oder faschistisch zu pathologisieren“. Es sei doch kein Wunder, dass sich ein langzeitarbeitsloser Industriearbeiter aus Kapfenberg bedroht fühle, wenn beispielsweise mit Verweis auf die Flüchtlinge über eine Kürzung der Mindestsicherung diskutiert werde.

Kritiker ja, FPÖ nein

Als „sozial-demokratisch orientierter Menschen“ warnt die Mäzenin davor, die Ängste der Menschen nicht ernst zu nehmen. Damit überlasse man sie der FPÖ und anderen rechten Parteien, sagt Patricia Kahane, deren Vater Karl ein enger Vertrauter von Bruno Kreisky war. Die seien nämlich derzeit die Einzigen, die genau wüssten, was sie wollen. „Mauern, Zäune, Leute zurückschicken: Das sind konkrete Antworten. Sätze wie ‚Wir schaffen das‘ beschreiben eher eine Haltung als eine Handlungsanweisung.“

Trotzdem sind auf der Teilnehmerliste keine Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik Merkelscher Prägung zu finden – jedenfalls keine bekannten. Kahane sagt, ihr und André Heller sei es sehr wichtig gewesen, dass „Personen aus der Aufnahmegesellschaft, die jetzt an ihre Grenzen stoßen“ dabei sind. Es seien deshalb im vergangenen Monat mehrere Menschen nachgeladen worden: Zwei Damen von der Magistratsabteilung für Integration und Diversität hätten bereits zugesagt, Kahane hofft außerdem, dass ein bis zwei Vertreter der Arbeiterkammer kommen.

Eines steht aber schon fest: Freiheitliche Politiker werden nicht bei der Konferenz sein. „Wir wollten uns kein offenes Aggressionspotenzial hereinholen“, sagt Kahane. Das hätte die Arbeitsatmosphäre dann doch zu sehr gestört.

Die internationale Bürgermeister-Konferenz beginnt heute Abend mit einem Empfang im Kreisky Forum und dauert bis Freitag. Zu den Sponsoren zählen neben der Kahane Stiftung, die laut Angaben von Patricia Kahane rund 200.000 Euro investiert hat, der Verein Respekt.net, die ÖBB, Gerhard Zeiler und die Günter-Kerbler-Stiftung.