Geschlechter

Warum sich Behörden mit Intersexualität so schwer tun

von Wolfgang Rössler / 10.07.2016

Alex Jürgen kämpft vor Gericht um das Recht, weder Mann noch Frau zu sein. Dass die Behörden von einem dritten Geschlecht nichts wissen wollen, hat weniger mit Weltanschauung zu tun. Die Gründe sind pragmatischer Natur. Mitarbeit: Lisa Rieger

Als Alex Jürgen vor einigen Jahren wegen einer Chemotherapie ins Krankenhaus kam, wurde ein Bett im Männerzimmer freigemacht. Bald musste Jürgen auf die Toilette und klingelte nach einer Krankenschwester. Die fand heraus, dass der Patient eine Vagina hatte. Alle im Zimmer erfuhren davon. Einmal mehr gab es hochnotpeinlichen Erklärungsbedarf. Denn viele wissen gar nicht, dass es das gibt: Menschen, die weder Mann noch Frau sind. Auch Ämter und Behörden sind damit manchmal überfordert.

Das Verwaltungsgericht in Linz muss in diesen Wochen über eine Frage entscheiden, die das gängige Verständnis von Geschlechtlichkeit sprengen könnte. Jürgen kämpft um das Recht auf sexuelle Uneindeutigkeit vor dem Gesetz. Geben die Verwaltungsrichter dem Einspruch statt, dann wäre das der erste Schritt zur Etablierung eines dritten Geschlechts. Österreich würde dann dem Beispiel anderer Länder wie Deutschland, Australien oder Nepal folgen, in denen sich intersexuelle Staatsbürger nicht festlegen müssen, ob sie männlich oder weiblich sind.

Genetisch gibt es nur zwei Geschlechter

Für die Behörden würde eine solche Weichenstellung vor allem Mehraufwand bedeuten. Die Unterscheidung in Mann oder Frau gehört zu den wichtigsten Kategorien der Personenstandsfeststellung. Aus Sicht des Gesetzgebers ist die Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter wichtiger Bestandteil der Identität eines Staatsbürgers. Die Verwaltung braucht Schubladen. Im Innenministerium – das für diese Fragen zuständig ist – verweist man auf die harten Fakten. Rein genetisch betrachtet hat jeder Mensch eine eindeutige sexuelle Zuordnung. Wer zwei X-Chromosomen hat, ist weiblich. Männer haben ein X und ein Y.

Daher wird Jürgen zum Mann gemacht, auch wenn er statt eines Penis eine Vagina hat. Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Und auch die Behörden sind nicht ganz konsequent. Denn Jürgen war vor dem Gesetz bisher sowohl Mann als auch Frau.

„Bei meiner Geburt konnte man aufgrund meiner Geschlechtsteile nicht beurteilen, ob ich männlich oder weiblich bin“, erzählt Jürgen. „Nachdem es aber nur entweder oder gibt, wurde ich dem männlichen Geschlecht zugeordnet.“ Später entfernten Ärzte die Hoden, um die Krebsgefahr zu bannen. Sie empfahlen den Eltern, ihr Kind nicht darüber aufzuklären. „Ich habe gewusst, dass etwas nicht mit mir stimmt, weil ich ständig im Krankenhaus war. Mit zwölf Jahren habe ich im Biologieunterricht erfahren, wie die Geschlechter aussehen. Da wurde mir klar, was los ist.“

Eine Variation der Natur, keine Missgeburt

Jürgen wollte es geheim halten, hat versucht, das Mädchen zu spielen. Ab dem 15. Lebensjahr schluckte er Hormonpillen, ein Jahr später formten Ärzte eine künstliche Vagina. Diese Behandlung führte viele Jahre später zu einer Krebserkrankung. „Heute bin ich froh darüber“, sagt Jürgen. „Durch die Krankheit habe ich erkannt, dass man ist, wie man ist. Ich bin eine Variation der Natur und keine Missgeburt.“ Er beschloss, sein Leben als intersexuelle Person fortzuführen und ließ sich die hormongewachsenen Brüste amputieren. Offiziell ist Jürgen nun ein Mann.

Neben den Schwierigkeiten mit der Personenfeststellung würden sich bei der Einführung eines dritten Geschlechts eine Reihe andere Fragen stellen. Denn auch wenn in Österreich beide Geschlechter gleichgestellt sind, gelten unterschiedliche Regeln. So müssen Männer Präsenzdienst ableisten, Frauen hingegen nicht. Das Pensionsantrittsalter von Frauen wird zwar in den kommenden Jahren schrittweise angeglichen. Noch können sie aber früher in den Ruhestand gehen. Schwierigkeiten gebe es auch mit der Eheschließung – dazu muss man sich in Österreich für eines der beiden Geschlechter entscheiden. Keines dieser Probleme ist unlösbar. Aber eine Anpassung an die neue Rechtslage würde umfassende Gesetzesänderungen erfordern. Das Hauptargument gegen die Einführung eines dritten Geschlechts ist die damit verbundene Arbeit.

Dem gegenüber stehen die legitimen Bedürfnisse einer sehr kleinen Minderheit. Pro Jahr werden in Österreich rund 25 intersexuelle Kinder geboren. Dennoch zeigt sich der Freiheitsgrad einer Gesellschaft auch darin, wie sie mit Anliegen einiger weniger Betroffener umgeht. Ob 1.000 Menschen betroffen sind oder 100.000, sollte keine Rolle spielen.

Ein historischer Blick zurück zeigt, dass viele einst unumstößliche Gewissheiten umgestoßen wurden. Bis vor 50 Jahren galt Homosexualität als  Krankheit. Heute können Männer Männer ehelichen und Frauen Frauen. Und noch in den 1980er Jahren gab es in der Personenstandsfeststellung die Kategorie Rasse: Neben Alter und Geschlecht wurde auf amtlichen Formularen die Unterscheidung in weiß, negroid oder asiatisch vorgenommen.

Vielleicht wird es für künftige Generationen unvorstellbar sein, dass intersexuelle Menschen sich einst im Krankenbett peinigende Fragen über das Nichtvorhandensein eines Geschlechtsorgans stellen lassen mussten.