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#offensivevaterschaft

Warum Sigmar Gabriels Show nervt

Meinung / von Elisalex Henckel / 10.02.2016

Sigmar Gabriel hat sich also freigenommen, um seine an Scharlach erkrankte Tochter zu pflegen. Seine Frau – eine Zahnärztin – müsse ihre Praxis offen halten, sagte er am Montag laut Spiegel Online. Sie ertrage „den Spruch, dass ich immer ganz Wichtiges zu tun hätte, wenn’s zu Hause mal Probleme gibt, nur begrenzt“. Also kümmere er sich bis Mittwoch um die bald Vierjährige, danach würden die Großeltern einspringen.

„Es ist nicht das erste Mal, dass Gabriel offensiv mit seiner Vaterschaft umgeht“, heißt es in dem Bericht weiter. Seinem Image dürfte das „zumindest nicht schaden“.

Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die das anders sehen: Sie spotten derzeit unter dem Hashtag #offensivevaterschaft über die Schlagzeilen, die Gabriel mit seiner Ankündigung gemacht hat.

Wer selbstverständlich zu Hause bleibt, wenn sich das Kind wieder etwas eingefangen hat, und dafür sogar riskiert, vom Chef oder den Kollegen schief angesehen zu werden, hat nachvollziehbarerweise wenig Verständnis für Spitzenpolitiker, die es an die große Glocke hängen, wenn sie – wie das Handelsblatt am Dienstag präzisierte – einen Tag lang die Tochter hüten.

Aber wenn es dem guten Zweck dient?, könnte man einwenden, wie es der Kollege Renner getan hat. Könnte die „offensive Vaterschaft“ des deutschen Vizekanzlers nicht anderen Spitzenfunktionären als Vorbild dienen? Unsere Vorstellung von Rollenverteilung in der Familie verändern? Die Bedeutung von physischer Präsenz relativieren?

Klar, könnte sie das, möglich – und wünschenswert – ist viel. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie wahrscheinlich ist das? Der SPD-Chef thematisiert sein Engagement als Vater nicht erst seit gestern. Schon nach der Geburt seiner zweiten Tochter im Jahr 2012 legte er eine medial viel beachtete dreimonatige Babypause ein. Während Gabriel damals allenfalls dafür kritisiert wurde, zu präsent zu sein, muss sich seine Partei- und Kabinettskollegin Manuela Schwesig derzeit ganz andere Sachen anhören, weil sie versucht, ihr Amt als Familienministerin mit ihren Aufgaben als bald zweifache Mutter zu verbinden.

Schwesigs „familiär bedingte Abwesenheiten“ würden in ihrem Ministerium zu Konflikten führen, warf ihr Der Spiegel diese Woche in einem Artikel mit der Überschrift „Nicht erreichbar“ vor. Um das zu illustrieren, beschrieb er eine „typische Woche“ der Familienministerin: Montags und dienstags erledige sie Termine in der Hauptstadt. Mittwochs fahre sie meist direkt nach der Kabinettssitzung zurück nach Hause, um ihren Sohn von der Schule abzuholen. Den Donnerstag verbringe sie in Berlin, Termine für den Freitag aber würden wenn möglich nach Mecklenburg-Vorpommern gelegt. Am Wochenende sei Familienzeit, das Handy mache Schwesig aus, sie sei dann nur per Notnummer zu erreichen. Und nach der Geburt des zweiten Babys wolle sie sogar jeden Abend die gut zwei Stunden nach Schwerin fahren.

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern „wird die Vereinbarkeitsfrage in Deutschland bislang negativ beantwortet“, schreibt Der Spiegel und verweist auf Schwesigs Vorgängerin Kristina Schröder (CDU), die als erste deutsche Ministerin während ihrer Amtszeit Mutter wurde, aber nach einer Legislaturperiode aufgab, weil sie den Job mit einem zweiten Kind nicht für vereinbar hielt.

Vielleicht sollte auch Sigmar Gabriel einmal offen aussprechen, wie wenig Raum für Kinder der Alltag eines Spitzenpolitikers bietet. Er könnte aber natürlich auch dafür sorgen, dass dieser Raum in Zukunft irgendwann groß genug wird. Nur: Dazu wird es mehr brauchen als Symbolpolitik.

 

Die andere Perspektive: Warum Sigmar Gabriels Show nötig ist