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#offensivevaterschaft

Warum Sigmar Gabriels Show nötig ist

Meinung / von Georg Renner / 10.02.2016

Sigmar Gabriel, der deutsche Vizekanzler, hat in den vergangenen Tagen eine Menge Häme eingefangen, und zwar hierfür:

Das sei doch für viele selbstverständlich, heißt es unter dem Hashtag #offensivevaterschaft, tausende Menschen täten so etwas ohne großes Aufheben täglich. Ganz normal, meinen viele, kein Grund, so etwas zu inszenieren.

Zu unrecht. Denn es ist eine wichtige Geste, die Herr Gabriel da setzt: Die Welt wird sich auch ein paar Tage ohne mich weiterdrehen.

Und weiß Gott, solche Zeichen sind mehr als notwendig. Denn gerade die Spitzenpolitik ist – auch in Österreich – eine völlig familienfeindliche Zone geworden: Das fängt bei Bällen, Reden, Bierzelteröffnungen und Parteiklausuren an, die Funktionäre um nichts in der Welt auslassen können, geht über Nationalratssitzungen, die bis in die frühen Morgenstunden dauern, und hört auf bei „Krisensitzungen“, die justament am Sonntag stattfinden müssen – obwohl es völlig irrelevant wäre, würde die entsprechende Einigung einen Tag früher oder später erzielt. Zu beobachten zuletzt vor der „Bildungsreform“.

Manchmal kann es natürlich sein, dass ein sofortiger Einsatz notwendig ist – bei vielen Gelegenheiten ist das auch der Unfähigkeit zur Planung geschuldet, noch öfter ist aber eine Inszenierung: Wir arbeiten rund um die Uhr, 24/7 für euch, sind immer da, immer verfügbar, immer abrufbar. Der Ausnahmezustand ist zum Regelfall geworden.

Das ist kein Lebensbild, das zu transportieren einer Gesellschaft auf Dauer gut tut – und in der Politik besonders verheerend, weil sie durch die permanente Beobachtung durch die und Präsenz in den Medien einen Ton für jene vorgibt, die sich selbst als Leistungsträger sehen. Und so ist es auch, dass das, was in der Politik zu beobachten ist, in den vergangenen Jahren tief in die Mitte der Gesellschaft eingesickert ist: War Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit und -Leistungsbereitschaft früher selbstausbeuterischen Unternehmern und Spitzenmanagern vorbehalten, so sind es heute oft schon Abteilungsleiter, Spezialisten, Facharbeiter, die den Eindruck vermitteln, Arbeit sei das ganze Leben und ohne ihren Einsatz bräche die Welt zusammen.

Das Üble daran: Mit weiteren Einschränkungen des Arbeitsrechts wird sich daran nichts ändern lassen. Denn diese Einstellung ist häufig nichts, was einem von bösen Arbeitgebern aufgezwungen wird, sondern kommt aus der eigenen Überzeugung, dem eigenen Weltbild, das wieder von anderen, auch medial transportierten, Vorbildern getragen wird.

Und genau deshalb ist es gut, dass da jemand einen Punkt macht und sagt: Genug, jetzt nicht, es gibt Wichtigeres auf der Welt. Das wird die Unkultur der permanenten Verfügbarkeit, der sich viele verpflichtet fühlen, natürlich nicht von heute auf morgen ändern – aber es ist ein wichtiges Signal, dass sogar die Nummer zwei einer der größten Industrienationen der Welt einige Tage lang sagen kann: Okay, wichtiger Job, aber meine Familie geht vor. Dass das schon Kolleginnen Gabriels, etwa Familienministerin Schwesig, vor ihm getan haben, wie Kollegin Henckel ausführt: Geschenkt – je mehr Menschen aufstehen und öffentlich neue Prioritäten zeigen, desto besser.

Nur ein kleiner Schritt, ja – aber ein Mosaik in einem neuen Bild vom Arbeitsleben.

 

Die andere Perspektive: Warum Sigmar Gabriels Show nervt