APA/EXPA/ JAKOB GRUBER

Kriminelle Asylwerber

Die Tücken und Lücken der Kriminalitätsstatistik

von Moritz Gottsauner / 17.03.2016

Am Donnerstag präsentiert das Innenministerium die neuesten Zahlen zur Kriminalität in Österreich. Doch die Frage, wie viele Asylwerber Straftaten begangen haben, bringt die Statistik an ihre Grenzen. Wird, wie Medien berichteten, „fast jeder zweite Asylwerber“ angezeigt? Nein. Aber wir wissen auch nicht genau, wie viele.

Es sind über 200 Seiten, dicht bedruckt mit Tabellen, Zahlen und Delikten, von Raub bis Förderungsmissbrauch. Die Präsentation der polizeilichen Kriminalstatistik zieht einmal im Jahr die Blicke all jener auf sich, die wissen wollen, wie es um die Sicherheit in Österreich bestellt ist. Sie listet penibel die Zahl der in Österreich begangenen Straftaten auf, nach Art oder Bundesland, und, nicht selten wichtiger: die Täter, nach Geschlecht, Alter – und wo sie herkommen.

Wenn der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit heute die Statistik für 2015 präsentiert, werden wieder aller Augen auf die Tabellen gerichtet sein. Doch das vergangene Jahr war keines wie jedes andere. Die Flüchtlingsbewegung hat in der Bevölkerung die Furcht vor einer Kriminalitätswelle angeheizt. Rund 90.000 Personen haben 2015 in Österreich um Asyl angesucht. Fast täglich erscheinen Berichte über Straftaten, für die Asylwerber verantwortlich gemacht werden. Laut Presse wird fast jeder zweite Asylwerber angezeigt. Doch stimmt das tatsächlich? Die Antwort ist, wie so oft, kompliziert – aber diesmal besonders. Denn die Kriminalitätsstatistik wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten liefert.

Tücken der Statistik

Wie Ö1 vorab berichtet, ist die Zahl der Straftaten, die Asylwerbern angelastet wurden, verhältnismäßig stark gesunken. Fiel 2014 noch auf „jeden Dritten“ eine Straftat, so sei es im Jahr 2015 nur noch „jeder Achte“ gewesen. In absoluten Zahlen bedeutet das: 11.500 statt 10.400 Straftaten, bei einer Verdreifachung der Asylanträge. Das klingt eindeutig, ist es aber nicht.

Denn die Kriminalstatistik erzeugt kein realitätsgetreues Abbild der Kriminalität in Österreich, so viel ist bekannt. Es handelt sich bei ihr nicht um eine Aufstellung aller Straftaten in Österreich, sondern lediglich von Anzeigen. Daraus ergibt sich bereits ein großes Dunkelfeld von Straftaten, die erst gar nicht angezeigt werden und somit nicht in die Statistik fallen.

Dann wiederum muss man zwischen zwei Arten von Anzeigen unterscheiden: jene, welche die Polizei von sich aus stellt, und jene, die aus der Bevölkerung stammen. Letztere machen den Großteil der Anzeigen aus. Aber in vielen Fällen wird die Polizei auch von sich aus tätig, beispielsweise im Rahmen einer Drogenrazzia, was zu einer Häufung von Anzeigen führen würde. Die Zahl der angezeigten Straftaten bildet also in einem gewissen Maß nicht das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen, sondern die Arbeit der Polizei ab.

Und nicht zuletzt sind Tatverdächtige in Anzeigen genau das: tatverdächtig. Ob sie auch Täter sind, entscheiden später die Gerichte. Die Zahl der Verurteilungen ist geringer als die Zahl der Anzeigen. Hinzu kommt, dass viele Straftaten nicht aufgeklärt werden, also auch der Täter unbekannt bleibt. Bei Diebstahlsdelikten ist die Aufklärungsquote zum Beispiel generell geringer. Von den wenigen gefassten Tatverdächtigen Rückschlüsse auf die große Zahl der unbekannten Täter zu ziehen, ist problematisch.

Soziale Unschärfen

So viel zu den klassischen Tücken der Kriminalstatistik. Es gibt aber auch subtilere Faktoren, die zur Verzerrung führen können. Da die meisten Anzeigen von den Opfern selbst aufgegeben werden, hängt die Zahl der Anzeigen auch von sozialen Voraussetzungen ab. Die Täter-Opfer-Beziehung kann zum Beispiel maßgeblich dafür sein, ob eine Straftat gemeldet wird oder nicht. Frei nach dem Motto: Was in der Familie passiert, bleibt in der Familie – etwa im Fall häuslicher Gewalt.

Auch mangelndes Vertrauen in die Staatsgewalt und das Rechtssystem kann dazu führen, dass Straftaten nicht gemeldet werden. Mitglieder einer ausländischen Community könnten etwa eher geneigt sein, Probleme unter sich zu lösen, als zur Polizei zu gehen. Auch ein geringeres Wissen über das hiesige Rechtssystem trägt zu diesem Phänomen bei. Im Umkehrschluss kann ein Anstieg von Anzeigen innerhalb einer Gruppe auch auf das Fortschreiten ihrer Integration in die Gesellschaft hindeuten, weil eine staatliche Institution häufiger genutzt wurde.

Zwar gibt es Opferstatistiken, doch die Datenlage zum sozialen Gefüge, in dem es zu einer Straftat kommt, ist in Österreich nach wie vor dünn. Auch deshalb sind Anzeigen als Messgröße für Kriminalität mit Vorsicht zu genießen.

Das Tatverdächtigen-Problem

Aber sind Asylwerber nun häufiger von Anzeigen betroffen? Unter den Tatverdächtigen wird im Kriminalitätsbericht sehr genau zwischen Aufenthaltstiteln unterschieden. So lässt sich relativ einfach ermitteln, wie viele Asylwerber wegen Straftaten angezeigt wurden. Die Presse hat vergangene Woche eine Recherche publiziert, die zu dem Schluss kommt, dass rund jeder zweite Asylwerber einer Straftat verdächtig wurde. Dafür wurden Daten aus den Jahren von 2003 bis 2014 analysiert.

An dieser Stelle kommt aber ein weiteres, schwerwiegendes Manko der Statistik zum Tragen. Gegenüber NZZ.at bestätigt das Bundeskriminalamt, dass Personen mehrfach gezählt werden, wenn sie mehrere über das Jahr verteilte Straftaten begehen. Der Ladendieb, der im Jänner geschnappt wird und im November erneut, scheint also zweimal als Tatverdächtiger auf. Theoretisch kann eine kleine Zahl von Verdächtigen für eine weitaus größere Zahl von Taten verantwortlich sein und damit die Statistik verzerren. Der Kriminologe Arno Pilgram vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie, der sich eingehend mit der Thematik befasst hat, geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Tatverdächtigen um ein Drittel geringer ist.

Wissen, dass man wenig weiß

Nicht nur Mehrfachzählungen, auch die polizeiliche Praxis kann die Tatverdächtigenzahlen verfälschen: Mitunter würden Tatverdächtige fälschlicherweise als Asylwerber klassifiziert, sagt Arno Pilgram. Im Rahmen einer Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie für die Wiener MA 17 (Integration) hat er zwölf Wiener Polizeibeamte zur Klassifizierung von Tatverdächtigen befragt. „Es herrschte heillose Verwirrung unter den Beamten“, sagt Pilgram. „Unsere Umfrage hat ergeben, dass es keine einheitliche Praxis bei der Polizei gibt, weil es keine klare, seriöse Definition der Aufenthaltskategorien gibt.“ So kann es passieren, dass Tatverdächtige als Asylwerber klassifiziert werden, obwohl es sich um Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte oder um Ausländer mit anderen Aufenthaltstiteln handelt.

Die Kriminalitätsstatistik lässt also nur schwer Rückschlüsse darauf zu, wie viele unterschiedliche Asylwerber tatsächlich angezeigt werden. Klar scheint, dass es doch eine bemerkenswerte Zahl ist. Und nur weil die Zahl der Anzeigen gegen Asylwerber weniger stark gestiegen ist als die Zahl der Asylanträge, muss das noch nicht bedeuten, dass sie verhältnismäßig weniger Straftaten begehen als bisher. Es bedeutet lediglich, dass nicht so viele gemeldet wurden.