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Islamische Kindergärten

Was in Ednan Aslans Endbericht steht – und was nicht

von Elisalex Henckel / 28.02.2016

Abschottung, strafende Gottesbilder, zu schlecht ausgebildete Pädagoginnen: Der Religionspädagoge Ednan Aslan hat in seinem Abschlussbericht zahlreiche Hinweise auf Missstände in den islamischen Kindergärten und -gruppen Wiens versammelt. Wie viele Einrichtungen bedenklich sind und welche genau geschlossen gehören, verrät er allerdings nicht.

Habemus Studie: Knapp drei Monate nachdem Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) die öffentliche Aufmerksamkeit auf Wiens islamische Kindergärten gelenkt hat, liegt nun der Endbericht zu den Untersuchungen des Religionspädagogen Ednan Aslan vor, auf denen die Warnungen des Ministers basierten. Das Dokument stehe auf der Webseite von Aslans Institut für Islamische Studien zum Download bereit, teilte das Ministerium am Freitag per Aussendung mit. Einen Tag zuvor hatte NZZ.at berichtet, dass der Religionspädagoge das Papier schon vor Wochen abgegeben hat.

Der nun vorliegende Bericht ist mit 177 Seiten gut fünf Mal so lang wie das Anfang Dezember präsentierte Papier und trägt einen vorsichtiger formulierten Titel: Aus dem Projektbericht über die „Evaluierung islamischer Kindergärten/-gruppen in Wien“ wurde ein Projektbericht über die „Evaluierung ausgewählter Kindergärten und -gruppen in Wien“. Wie aber lauten nun die Ergebnisse der Untersuchung, für die das Integrationsministerium 38.435 Euro ausgegeben hat?

Ein Überblick über den 177-Seiten-Bericht

Ednan Aslan hat in seinem Endbericht 71 Kindergärten und 56 Kindergruppen als „islamisch“Als „islamisch“ bezeichnet Aslan Einrichtungen, die zu einem islamischen Verband oder Verein gehören, religiöse Erziehung anbieten, deren Name auf eine religiöse Zugehörigkeit hinweist oder deren Trägervereine zu islamischen Fragen öffentlich Stellung nehmen. identifiziert. Insgesamt schätzt er die Zahl der muslimischen Kinderbetreuungseinrichtungen in Wien auf 150 und geht davon aus, dass sie etwa 10.000 Kinder betreuen.

Um sie zu bewerten haben Aslan und seine Mitarbeiter mit Betreibern und Pädagoginnen islamischer Kindergärten, sowie Eltern von dort betreuten Kindern gesprochen. Da viele Einrichtungen nicht bereit waren, am Forschungsprojekt mitzuwirken, hat der Religionspädagoge versucht, „diese methodischen Einschränkungen“ durch „die Analyse der Ideologie einiger Trägervereine und Kindergartenbetreiber“ auszugleichen.

Die Betreiber der Kindergärten hat Aslan auf Grund ihrer weltanschaulichen oder sonstigen Ziele in vier Gruppen unterteilt. Er nennt sie „intellektueller Salafismus“, „politisch-religiöser Islamismus“, „Wirtschaftsunternehmen“ und „offen für andere Kulturen und Religionen“.

1. Vertreter des politischen Islams

Aslan zufolge stellt die zweite Gruppe „den wichtigsten Anteil“ muslimischer Kinderbetreuungseinrichtungen in Wien. „Die Muslimbruderschaft und Milli Görüs, die national und international als radikale Verfechter des politischen Islams gelten, betreiben zahlreiche Bildungseinrichtungen in Österreich“, schreibt er und listet dann eine ganze Reihe von antidemokratischen und pluralitätsfeindlichen Positionen auf.

Dazu zählen unter anderem das Ziel der Gründung eines islamischen Staates – und die ambivalente Haltung zur Frage, welche Rolle Gewalt dabei spielen darf. Besonders ausführlich belegt Aslan die fehlende Trennung von Religion und Politik, das frauenfeindliche Weltbild, Judenhass und antiwestliche Ressentiments sowie die Orientierung an den Vorgaben ausländischer Organisationen und Regierungen.

Aslan nennt zwei Beispiele für Kindergärten, die in diese Gruppe fallen: Milli Görüs würde sechs Kindergärten und mehrere Kindergruppen betreiben. Außerdem betreibe ein bekennender Muslimbruder Kindergärten und -gruppen. Die Verbindung zwischen dem Verein, dem der Muslimbruder vorsteht, und der Kinderbetreuungseinrichtung muss man sich allerdings selbst ergoogeln.

2. „Intellektuelle Salafisten“

Noch bedenklicher ist Aslan zufolge aber die erste Gruppe der „intellektuellen Salafisten“. Sie vertreten seiner Darstellung nach nicht nur viele Positionen, die den politischen Islam kennzeichnen, sondern auch die Überzeugung, „dass im Koran und in der Sunnah alle Fragen des Menschen für alle Zeiten beantwortet sind“. Das führe zu einem „Misstrauen den Staaten gegenüber, die die Scharia nicht ganzheitlich umsetzen“ und dem Bemühen, die ihnen anvertrauten Kinder vor westlichen Einflüssen zu „schützen“.

Um dies zu belegen, zitiert er in erster Linie aus den Publikationen von Amir Zaidan, Leiter des „Islamologischen Instituts“. „Gewiss, die Vernunft unterliegt der Scharia und nicht umgekehrt“, heißt es da etwa. Oder: „Die Erlaubnis der Polygamie ist unumgänglich.“ Zaidan argumentiert demnach außerdem, dass politisch genehmer „Pseudo-Islam light“ in wesentlichen Punkten vom „Islam der Muslime“ abweiche.

Aslan liefert aber keinen Hinweis darauf, dass Zaidan selbst Kindergärten betreibt. Aus dem Bericht geht lediglich hervor, dass an seinem Institut ein Mann namens Kerim Edipoglu lehrt, der ein Abendkolleg zur Ausbildung von Kindergartenpädagoginnen leitet. Die Schule richtet sich laut ihrer Webseite vor allem an „Frauen mit Migrationshintergrund und Kopfbedeckung“.

Edipoglu dient darüberhinaus als Schriftführer eines Vereins, der neben einer privaten Gesamtschule auch einen Kindergarten betreibt. Gründer der Einrichtung ist der Konvertit Muhammad Ismail Suk, Familienangehörige von ihm tauchen in zwei weiteren Vereinen auf, die Kindergärten oder -gruppen betreiben. Aslan zitiert Suk, um zu zeigen, wie feindselig sie der Gesellschaft gegenüberstehen – und wie sehr sie nach Isolation trachten: „Wir sind uns alle einig, dass unsere Kinder von klein auf in islamischer Umgebung aufwachsen sollten.“

3. Wirtschaftsunternehmen

Sorge bereiten Ednan Aslan aber auch die gewinnorientierten Betreiber. Ihm zufolge gibt es mehrere Unternehmen wie jene von Abdullah P., gegen den die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil er Förderungen in Millionenhöhe zweckwidrig verwendet haben könnte. Aslan empfiehlt der Stadt Wien deshalb, nicht nur die Qualifikationen der Kinderbetreuer oder die Einhaltung technischer Auflagen zu kontrollieren, sondern bei der Vergabe von Förderungen auch die Fähigkeiten und Interessen der Betreiber zu berücksichtigen.

4. Alternative Gruppen

Neben all den Problemfällen ist Aslan aber auch auf Kindergärten gestoßen, die zwar auf der einen Seite „auf islamische Prinzipien angemessenen Wert legen, auf der anderen Seite jedoch unter dem Einfluss der modernen Pädagogik die Religiosität nicht in den Vordergrund stellen“. Diese sollten speziell gefördert werden, „um zu gewährleisten, dass dieser gesunde Idealismus nicht in Missionierungszwang, Frustration oder Widerstand gegen die Gesellschaft umschlägt“.

Interviews mit Betroffenen

Die Gespräche mit Eltern, Pädagoginnen und Betreibern, die im zweiten Teil seines Berichts ausführlich zitiert werden, dienen Aslan als Beleg dafür, dass sich die Ideologie der Betreiber auf ihre Pädagogik niederschlägt. Ob diese Annahme gerechtfertigt ist, lässt sich nicht sagen, da Aslan nicht offenlegt, mit wie vielen Menschen er gesprochen hat, geschweige denn, welche Funktion sie in welchem Kindergarten innehaben.

Zur Anzahl der von ihm genauer untersuchten Kindergärten macht Aslan – wie schon im Vorbericht – nur sehr vage Angaben. Er hält lediglich fest, dass von 15 angefragten Trägervereinen acht am Projekt teilgenommen hätten. Sie würden 1.940 Kinder in 19 Kindergärten und -gruppen betreuen. In welcher Form die Trägervereine teilgenommen haben und wie viele es insgesamt gibt, bleibt offen.

Festgestellte „Tendenzen“

Ednan Aslan zieht aus den beiden Teilen seiner Evaluierung jedenfalls folgende Schlüsse: Islam-, Koran- oder Moralunterricht komme in den islamischen Kindergärten eine wichtige Rolle zu. Dabei würde die tägliche Ausübung religiöser Praktiken wie Gebete oder halal-Essen forciert, Koran-Suren zum Teil nur auswendig gelernt, muslimische von nichtmuslimischen Kindern für das Feiern von Festen getrennt und mit strafenden Gottesbildern gearbeitet.

„Die Kinder werden mit einem veralteten Sündenverständnis eingeschüchtert“, schreibt Aslan. „Es wird ihnen die Entwicklung zur Mündigkeit genommen. Die eigene Religion wird mitunter vor anderen Religionen und Weltanschauungen aufgewertet.“

In den Kindergärten fehle es aber nicht nur an „pluralitätsfördernden Impulsen“, warnt Aslan, auch die Förderung der deutschen Sprache komme oft zu kurz. „Die meisten untersuchten muslimischen Kindergärten/-gruppen bestehen aus recht homogenen Gruppen türkischer, arabischer usw. Kinder“, schreibt er. „Es ist in diesem Umfeld fast unmöglich, ein Gefühl für die deutsche Sprache zu entwickeln.

Die umstrittenen Punkte

1. Die Definition von Salafismus

Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger, Autor von „Zwischen Gottesstaat und Demokratie: Handbuch des politischen Islam“, beanstandet nach einer ersten Analyse des Aslan-Berichts vor allem dessen Verwendung des Worts „Salafismus“. Der „intellektuelle Salafismus“ stelle demnach „keine neue Denkrichtung im Islam dar“, schreibt Aslan unter Berufung auf Hilmi Demir, sondern vertrete „die Lehre der klassisch-islamischen Gelehrten in den jeweiligen Kulturen oder Sprachen“.

Wenn man Salafismus so verwende, besage der Begriff nichts mehr, sagt Schmidinger. Deshalb würden 90 Prozent der Wissenschaftler Salafismus völlig anders definieren: Salafismus zeichne sich in jeder seiner Strömungen dadurch aus, dass er die islamische Tradition – insbesondere die RechtsschulenNach dem Tod Mohammeds begannen die Gelehrten zu erörtern, wie die überlieferten Entscheidungen Mohammeds und die rechtlichen Regelungen des Koran auf die Zeit nach Mohammed anzuwenden wären und welche Quellen zur Rechtsfindung, also zur Beurteilung neu entstehender Fragen, anerkannt werden sollten. Aus diesen Gelehrtenzirkeln der ersten Jahrzehnte entwickelten sich die Rechtsschulen. – ablehne und die Utopie zu den „Frommen Altvorderen“, gemeint sind die Gefährten des Propheten, propagiere.

Amir Zaidan sei, zum Beispiel, definitiv kein Salafist, sagt Schmidinger: „Er lehnt die Rechtsschulen nicht ab und träumt auch nicht von einer Wiedererrichtung der Gesellschaft der ‚frommen Altvorderen‘, sondern ist konservativer Mainstream und zudem einer der wenigen wirklich gebildeten islamischen Theologen in Österreich.“

Im Unterschied zu salafistischen Ideologen wie Ebu Tejma gebe es bei Zaidan keinerlei Anlass zu glauben, dass er gegen österreichische Gesetze verstoßen habe, sagt Schmidinger. „Er ist aber ehrlich genug zu sagen, dass es ein Spannungsverhältnis zwischen manchen Traditionen der klassischen Theologie und der säkularen Demokratie gibt.“

Schmidinger kritisiert außerdem, dass Aslan im Zusammenhang mit Zaidan und seinem Mitarbeiter Edipoglu aus dem Buch eines 1979 verstorbenen Pakistaners zitiert, der mehrfach zum bewaffneten Krieg gegen die Feinde des Islams aufgerufen hat. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Übersetzer habe Edipoglu das Buch zwar ins Deutsche übertragen, sagt Schmidinger, das allein lasse aber keine Rückschlüsse auf seine oder Zaidans Weltanschauung zu.

Schmidinger zufolge ist auch Muhammad Ismail Suk kein Salafist, sondern gehört einer „indopakistanischen Sufi-Strömung“ an. Er habe zwar möglicherweise in der Vergangenheit „auch schon problematische Aussagen getätigt“, sagt Schmidinger, seine Kindergärten seien aber „insgesamt qualitativ ganz in Ordnung“.

2. Die Ziele der Vertreter des politischen Islam

Was die Akteure des politischen Islams angeht, hat Schmidinger an Aslans Darstellung nichts auszusetzen. Der Politikwissenschaftler zweifelt lediglich daran, dass Milli Görüs oder die Muslimbruderschaft Kindergärten betreiben, um schon Kleinkinder zu indoktrinieren. Er hält es vielmehr für wahrscheinlicher, dass sie in erster Linie der Finanzierung dieser Organisationen dienen – und deshalb zu Lasten der Kinder mit möglichst geringem Aufwand ausgestattet und betrieben werden.

Für diese These spricht, dass die genannten Organisationen auch Zugang zu älteren Kindern haben, die sich vermutlich nachhaltiger indoktrinieren lassen als Null- bis Sechsjährige: Milli Görüs betreibt Ednan Aslan zufolge in Wien unter anderem auch ein Gymnasium, die Muslimbrüder wiederum haben gute Kontakte zur IRPA, die für die Ausbildung von Religionslehrern zuständig ist.

Die offenen Fragen

Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) hat bei der Vorstellung von Aslans erstem Bericht im Dezember nicht mit scharfen Worten gespart. „Ich bin überzeugt, dass wir zahlreiche dieser Einrichtungen sofort schließen sollten“, sagte Kurz damals dem Kurier. Es gebe „einige Extremfälle, aber in vielen natürlich schlicht und ergreifend das Problem, dass da Parallelgesellschaften herausgebildet werden“, erläuterte er kurz darauf in der ZIB 2.

Das warf zahlreiche Fragen auf: Welche Einrichtungen gehören geschlossen? Und warum? In wie vielen Kindergärten werden Kinder isoliert? Indoktriniert? Oder vielleicht sogar radikalisiert?

Für die letzte Frage ist Aslan selbst verantwortlich. Er hat die Situation in den islamischen Kindergärten in einem Atemzug mit den Attentaten von Paris genannt. „Radikalität ist das Ergebnis eines Prozesses, und dieser Prozess fängt im Kindergarten an“, sagte er damals dem ORF.

Aslan greift diesen Gedanken in seinem Endbericht wieder auf. „Diese Theologie muss nicht zu Gewalt führen“, schreibt er über die „intellektuellen Salafisten“. „Aber ohne sie ließe sich Gewalt aus islamistischen Motiven nicht legitimieren.“

Wie genau eine solche Radikalisierungsbiographie aussehen könnte, von ihren Anfängen in einem Wiener Kindergarten bis zu ihrem Ende in Form eines blutigen Anschlags, erklärt Ednan Aslan aber nicht. Auch die Antworten auf die anderen Fragen bleibt er schuldig.

Er habe nicht genügend Zeit und nicht ausreichend Zugang zu den Kindergärten bekommen, verteidigt sich der Religionspädagoge präventiv im Bericht. Das ist gut nachvollziehbar, erklärt aber nicht, warum der Minister mit der Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Kurzuntersuchung nicht zumindest abgewartet hat, bis der entsprechende Endbericht vorlag.

Fest steht dafür eins: Für Ednan Aslan und die fünf anderen Experten, die ab sofort die islamischen Kindergärten Wiens im Rahmen einer zweiten, aber diesmal „flächendeckenden“ Studie erforschen sollen, bleibt genug zu tun.

–> Lesen Sie mehr dazu: Der „Aslan-Bericht“ in voller Länge