APA/ERWIN SCHERIAU

Die besten Euphemismen

Was Österreichs Politiker 2015 zu sagen versuchten

von Moritz Gottsauner / 31.12.2015

Auch in diesem Jahr haben unsere Politiker versucht, mit kreativen Wortschöpfungen ihre Errungenschaften zu überhöhen oder unbequeme Maßnahmen zu beschönigen. Eine Sammlung der bemerkenswerten Euphemismen 2015:

Alles braucht einen Namen. Und wenn er sich nicht gut verkaufen lässt, muss eben ein neuer her. Aus einer Bankensteuer wird dann eine „Stabilitätsabgabe“, aus einer Pensionsreform eine „Pensionssicherungsreform“. Das semantische Auffrisieren spröder oder unangenehmer Begriffe gehört in der politischen Kommunikation zur Routine. Viele der Einfälle geraten in Vergessenheit, manche bringen es zu Berühmtheit. Verteidigungsminister Gerald Klug hat mit „situationselastisch“ das Lebensgefühl einer ganzen Politikergeneration eingefangen.

→ Kollege Moritz Moser hat sich dieses Jahr bereits einmal mit den Euphemismen des heimischen Polit-Sprechs befasst

Seither hat sich einiges getan: Die Bundesregierung ließ etwa einen Zaun bauen, der sogar noch in der dazugehörigen Pressekonferenz nicht so heißen durfte. Das „Türl mit Seitenteilen“ hat den politischen Wortschatz des Landes zweifellos bereichert. Unsere Liste der herausragenden Kreationen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Tendenzpaket, das; Sammlung von Gesetzen, die Teilaspekte eines Vorhabens auf mehrere Jahre verteilt umsetzen, R. Mitterlehner

Sonderinvestitionspaket, das;  Zuschüsse zum kurz vorher eingekürzten Budget des Bundesheers

größte Steuerreform der Zweiten Republik, die; eine Steuerreform

Solidaritätssteuersatz, der; der Spitzensteuersatz bzw. seine im Zuge der Steuerreform beschlossene Erhöhung von 50 auf 55 Prozent

Asyl auf Zeit, das; die zeitliche Beschränkung des Asylanspruchs, die ohnehin schon gesetzlich geregelt war

Hotspot, der; Erstregistrierungszentrum für Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU

besondere bauliche Maßnahme, die; ein Grenzzaun, J. Mikl-Leitner

Türl, das; ein Grenzübergang, W. Faymann

Seitenteil, das (der); ein Grenzzaun, W. Faymann

Türl mit Seitenteilen, das; ein Grenzübergang mit seitlich anschließenden Grenzzäunen, W. Faymann

westliche und östliche Ergänzung zum Leitsystem, die; Grenzzäune, die westlich und östlich an einen Grenzübergang anschließen, G. Klug

technische Einrichtungen, um geordnete Einwanderung zu machen, die; ein Grenzübergang mit Wartebereich und seitlich anschließenden Grenzzäunen, H. J. Schelling