APA/ROLAND SCHLAGER

Terrorangst verschärft die Wohnsituation von Flüchtlingen

von Lisa Rieger / 28.07.2016

Köln, Nizza, Ansbach – die internationalen Ereignisse haben weitreichende Auswirkungen. Sie beeinflussen in Österreich selbst die Unterkunftssuche für Flüchtlinge. Privater Wohnraum ist knapper und seltener denn je seit der beginnenden Fluchtbewegung im letzten Jahr, beklagen die Hilfsorganisationen.

Wenn Asylwerber einen positiven Asylbescheid erhalten, werden sie einerseits zu Flüchtlingen, andererseits müssen sie die Unterbringungen binnen vier Monaten verlassen. 85.000 Menschen befinden sich derzeit in der Grundversorgung, 60.000 offene Asylverfahren gibt es. Einige Organisationen vermitteln privaten Wohnraum: Die Diakonie Flüchtlingsberatung, Flüchtlinge Willkommen, Interface und auch die Caritas gehören zu den größten.

Ursprünglich sollten auch bereits Asylwerber die Möglichkeit haben, in privatem Wohnraum leben zu können. Da privater Wohnraum aber knapp ist, werden Menschen, die unmittelbar vor der Obdachlosigkeit stehen, momentan bevorzugt.

Wartelisten müssen geschlossen werden

Doch die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich seit Jahresbeginn stetig verschlechtert. „Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist nicht mehr so groß. Die Bilder von den Bahnhöfen, von den Grenzen sind nicht mehr so präsent“, sagt Martin Gantner, Pressesprecher der Caritas. Stattdessen haben sich Bilder von Ereignissen wie in Köln und den Anschlägen der vergangenen Wochen und Monaten in die Köpfe der potenziellen Vermieter eingebrannt.

„Es gibt spürbar weniger Anmeldungen bei uns. Im September/Oktober 2015 waren sie fast doppelt so hoch wie jetzt. Seit Köln ist es dann weniger geworden. Die Zahl hat sich halbiert und bleibt seither auf diesem Level“, sagt David Zistl, Projektleiter von „Flüchtlinge Willkommen“. Die erste Vermittlung der Organisation gab es im Februar 2015, richtig ins Rollen kamen sie aber erst im Herbst. Seither fanden 336 Vermittlungen statt. Pro Jahr peilt die Organisation rund 250 Vermittlungen an, 2016 gab es bisher 120.

„Auch bei uns schaut es schleppend aus“, sagt Elisabeth Jama von der Diakonie Flüchtlingsberatung. „Zu Beginn haben wir massenhaft Angebote bekommen. Teilweise wurde uns sogar gratis Wohnraum angeboten oder nur mit zu bezahlenden Nebenkosten. Aber auch bei uns ist im Jänner das Angebot massiv zurückgegangen, die Wohnraumspenden waren ausgeschöpft.“

Die Diakonie merkt ebenfalls unmittelbare Auswirkungen internationaler Ereignisse auf das Wohnungsangebot. Oft werden Wohnräume, die bereits angeboten wurden, aufgrund solcher Meldungen wieder zurückgezogen, weil die Vermieter „ein schlechtes Gefühl haben“, sagt Jama. Die Diakonie hat in den letzten eineinhalb Jahren 2.800 Menschen vermittelt, also etwa 500 Wohneinheiten, bei der Caritas waren es 800 Personen österreichweit.

Die Warteliste ist aber lange. Auf jener der Caritas, die wöchentlich aktualisiert wird, stehen momentan 70 Familien, rund 200 Menschen. Bei Flüchtlinge Willkommen sind es überhaupt 2.400 Menschen, die sich angemeldet haben. Die Diakonie musste ihre Warteliste gar schließen, weil es innerhalb von vier Monaten 3.500 Anmeldungen gab. „Es ist bei der aktuellen Wohnungssituation unrealistisch, noch mehr zu vermitteln. Wir versuchen jetzt einmal die bereits Wartenden unterzubringen“, sagt Jama.

Schwarzer Wohnungsmarkt als lukratives Geschäft

Die Organisationen versuchen, wieder Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen. Flüchtlinge Willkommen hofft außerdem auf das beginnende neue Semester bei den Studierenden, wo es meist eine größere Fluktuation gibt und erfahrungsgemäß wieder mehr Zimmer frei werden. Die Diakonie wiederum setzt auf Workshops für Flüchtlinge, damit sie eigenständig nach Wohnungen suchen können. Bei den Workshops wird gezeigt, wie der österreichische Wohnungsmarkt aufgebaut ist, wie Haushaltspläne erstellt werden, es wird über Begriffe aufgeklärt sowie über die rechtliche Lage. Ein Jurist bietet auch Rechtsberatung für schwierige Situationen.

Immer stärker nimmt nämlich der schwarze Wohnungsmarkt zu, wo Zimmer oder Wohnungen eklatant teurer vermietet werden. Zum Beispiel wurde eine Wohnung an 19 Personen vermietet, die alle jeweils rund 300 Euro Miete bezahlten. Manchmal wird auch eine Kaution vor der Besichtigung verlangt, der angebliche Vermieter taucht dann aber mit dem Geld unter. „Bei Zweifeln lieber vorher an den Juristen wenden“, sagt Jama.

Mit jedem Flüchtling, der eigenen Wohnraum hat, wird wieder ein Platz in der Grundversorgung frei, so Gantner. Derzeit gibt es laut Flüchtlingskoordinator Christian Konrad 8.000 bis 9.000 freie Quartierplätze, wöchentlich kommen aber 1.000 neue Asylwerber in die Grundversorgung – privater Wohnraum ist daher unersetzbar.