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Pisa-Ergebnisse

Wer bestimmt die Themen der bildungspolitischen Diskussion?

Gastkommentar / von Erich Neuwirth / 15.02.2016

In den letzten Tagen ist plötzlich wieder die Diskussion, wie schlecht die österreichischen PISA-Ergebnisse sind, losgebrochen. Es geht vor allem um den Anteil der leistungsschwachen Schüler (in PISA-Terminologie low performers).

Die OECD hat dazu einen neuen Bericht mit genaueren Analysen vorgelegt.

Die ganze Diskussion, die jetzt stattfindet, beruht auf zwei Tabellen aus diesem Bericht.
Die OECD veröffentlicht mittlerweile dankenswerterweise viele Tabellen aus ihren Berichten als Excel-Tabellen, damit man selbst weitere kleine Analysen machen kann.

Es gibt da eine Tabelle mit den Anteilen der leistungsschwachen Schüler in den drei PISA-Disziplinen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften, und es gibt eine Tabelle mit den Anteilen aller Schüler, die in je 2 oder sogar in allen 3 Disziplinen leistungsschwach sind.

In der aktuell laufenden Diskussion entsteht der Eindruck, dass es sich da um bisher nicht bekannte Ergebnisse handelt und dass man daher auf neue Erkenntnisse reagieren müsse.

Tabellen über den Anteil der leistungsschwachen Schüler in den einzelnen Disziplinen gibt es seit der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse von 2012, also seit Dezember 2014.

Die Tabellen finden sich auch im 2014 erschienenen PISA-Report, wie hoch die Anteile der „low performers“ in den einzelnen Disziplinen sind ist als schon jahrelang bekannt.

Die Diskussion über den relativ hohen Anteil an leseschwachen Schülern hätten wir schon ab Jänner 2014 führen können. Mussten wir wirklich warten, bis die OECD ca. 2 Jahre später eine Pressekonferenz zu diesem Thema gegeben hat?

Und noch ein weiterer Punkt erscheint mir in der Diskussion um PISA bemerkenswert. 2009 waren die PISA-Werte Österreichs deutlich schlechter als 2003 und 2006. 2012 sind sie dann wieder auf das Niveau von 2003 und 2006 gestiegen. Wir hatten nach 2009 eine hitzige Diskussion über die Ursachen der kurzfristigen Verschlechterung, und nach 2012 haben dann einige Leute gemeint, dass wir offensichtlich durch richtige Maßnahmen wieder zum alten Niveau zurückgekehrt sind.

Sieht man sich (im schon verlinkten offiziellen PISA-Bericht für 2014) die Tabellen (im Annex B1) an, die die Länderwerte von 2000 bis 2012 (also die zeitliche Entwicklung) im Annex B1 darstellen, dann sieht man, dass da für das Jahr 2009 keine Werte für Österreich vorkommen.

Wenn man den Bericht genauer liest, dann findet man auf Seite 53 Folgendes:

… the comparability of 2009 data with data from earlier PISA assessments cannot be ensured, and data for Austria have been excluded from trend comparisons.

Die Daten für 2009 sind also nicht zuverlässig genug, um daraus solide Schlüsse ziehen zu können. Also waren die ganzen hitzigen Diskussionen nach 2009 und auch die Vergleiche von 2009 mit 2012 potemkinsche Dörfer.

Ich hielte es für einen wesentlichen Beitrag zur Bildungspolitik, wenn man sich bei vielen bildungspolitischen Themen (auch am konkreten Beispiel PISA) in der Schule, der Lehrerausbildung und der Lehrerfortbildung anhand der verfügbaren Daten mit den Themen selbst auseinandersetzt und nicht nur bei Pressekonferenzen Mitgeteiltes weiterverbreitet.

Die große Chance der Informationsgesellschaft besteht darin, dass man Zugang zu viel mehr Quellen hat als früher. Man kann sich also (auch zum Thema PISA) auf Grundlage verfügbarer Daten eine eigene durch Sachargumente begründbare Meinung bilden und ist nicht auf schlagzeilengeeignete Formulierungen anderer angewiesen.

Dass das Teil einer grundlegenden Bildungsreform sein kann, hat sich aber anscheinend zu den für die Bildungspolitik Verantwortlichen noch nicht durchgesprochen. Die streiten lieber darüber, wer für die Verwaltung der Lehrer zuständig sein soll.