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Datensalat

Wer hat Angst vorm starken Mann?

von Moritz Moser / 24.09.2016

Die Angst vor der Diktatur geht um in Österreich. „Rund 40 Prozent“ der Österreicher seien für einen starken Mann, so Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. Aber was steckt hinter den nun diskutierten Zahlen?

Tatsächlich waren die Zahlen alarmierend: 39 Prozent der Österreicher stimmten dem Wunsch nach einem „starken Führer“, der sich nicht um die Demokratie scheren muss, ganz oder teilweise zu – das war vor einem Jahr.

Dass das jetzt wieder diskutiert wird, hat mit einem Interview im Falter, einer Verkürzung der Kronen Zeitung und einem Falschbericht von Österreich zu tun.

Aus alt mach neu

Die Zahlen, die jetzt für Aufregung sorgen, stammen aus einer SORA-Befragung vom Oktober 2015. SORA-Geschäftsführer Christoph Hofinger hat sich in einem kürzlich geführten Interview mit dem Falter nochmals auf sie bezogen.

Die konkrete Frage, die das SORA-Institut 900 Personen gestellt hat, lautete: „Stimmen Sie der folgenden Aussage sehr, ziemlich, wenig oder gar nicht zu: ‚Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss.‘“

Dieser Frage stimmten 13 Prozent sehr und 26 Prozent ziemlich zu. Insgesamt hatten also im Oktober letzten Jahres etwa 39 Prozent der Österreicher, bei einer Schwankungsbreite von 3,4 Prozent, eine voll oder eher bejahende Haltung zu einem „starken Führer“.

Immer wieder Österreich

Am 14. September veröffentlicht die Kronen Zeitung online einen Kurzbericht, in dem sie das Hofinger-Interview im Falter exzerpiert. Sie verkürzt die Frage auf „‚Wir brauchen einen starken Führer.‘ Lehnen Sie diese Aussage ab?“ und attestiert, dass dies 2007 noch 71 Prozent abgelehnt hätten, dieser Wert 2015 aber auf 35 Prozent gesunken sei.

Die Krone verweist im Text allerdings darauf, dass sich die genannten Prozentsätze auf jene beziehen, die einen „starken Führer“ völlig ablehnten. Mit jenen 22 Prozent, die der SORA-Aussage nur wenig zugestimmt hatten, lag der Wert der Ablehnung eines starken Mannes 2015 bei 58 Prozent, 2007 bei 87 Prozent.

Die „Zeitung“ Österreich beziehungsweise ihr Online-Ableger oe24.at drehte den Spieß allerdings um. Offenbar basierend auf der Kurzmeldung der Kronen Zeitung behauptete man am 15. September, 64 Prozent der Österreicher wollten einen starken Führer.

Österreich macht damit nicht nur all jene zu Unterstützern eines potenziellen Diktators, die in der SORA-Befragung sehr oder ziemlich zugestimmt hatten, sondern auch jene, die nur wenig zugestimmt hatten beziehungsweise die sich der Angabe enthalten oder mit „weiß nicht“ geantwortet hatten.

So wurden, basierend auf denselben Zahlen, aus 39 Prozent relativer 64 Prozent absolute Unterstützung.


Credits: SORA, krone.at, oe24.at

Auftritt Filzmaier

Aus den 13 Prozent völliger und 26 Prozent ziemlicher Zustimmung in der SORA-Befragung vom letzten Jahr wurden dann schließlich im Filzmaier-Interview mit dem Kurier jene „rund 40 Prozent“, über die das Land nun diskutiert.

Allerdings relativiert Filzmaier: „Das sind jetzt nicht 40 Prozent überzeugte Möchtegern-Diktatoren, aber Menschen, die für undemokratische politische Rattenfänger anfällig wären.“

Dass es eine relativ undifferenzierte Zustimmung für eine starke Führungspersönlichkeit gibt und diese steigt, ist also immanent. Allerdings muss auch die Art der Fragestellung einkalkuliert werden.

Im Jahr 2014 lehnten noch 72 Prozent einen „starken Führer“ ohne Parlament und Wahlen ganz oder ziemlich ab, während gleichzeitig 85 Prozent ganz oder teilweise bejahten, dass die Demokratie die beste Regierungsform sei. Nicht erhoben wurde, ob die Befragten die Fragen tatsächlich verstanden hatten.