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Randnotiz

Wer Theater stört, hat keine Kultur, die er verteidigen könnte

Meinung / von Georg Renner / 15.04.2016

Gestern Abend, während das politische Österreich die TV-Duelle zur Bundespräsidentschaftswahl verfolgte, stürmten rund drei Dutzend Mitglieder der rechten „Identitäre“-Gruppierung die Bühne im Audimax der Universität Wien, auf der die ÖH gemeinsam mit der Initiative „Schweigende Mehrheit“ gerade unter Beteiligung von Migranten Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“ gaben.

Die Aktion dauerte sieben Minuten, Plakate wurden entrollt, Bühnenblut vergossen, wirre Slogans ins Publikum geschrien und Flugblätter von der Bühne geworfen, auf denen von „Hass aufs eigene Volk“, dem „Blut von Bataclan“ und „erbärmlichen Schwächlingen voller Neurosen und Komplexe“ die Rede ist. Es kam zu einem Handgemenge, nach dem die „Identitären“ den Saal verließen, acht Anzeigen wegen Körperverletzung sind anhängig, die Polizei ermittelt auf Basis von Handyfotos- und Videos der Aktion. Das Theaterstück konnte nach der Aktion zu Ende gespielt werden. Wer einen guten Magen hat, kann sich die Schilderungen der ÖH („Alerta Antifa!“) und jene der Identitären („Ästhetische Intervention“) durchlesen.

Aus rechts wird rechtsextrem

Es gibt verschiedene Arten, wie man das Geschehene einordnen kann:

Man kann in gestern Abend den Zeitpunkt sehen, mit dem die „Identitären“ von einer bloß rechtsnationalen Gruppierung zu einer rechtsextremen wurden. Mit einer Aktion, die darauf abzielt, die Versammlungs- und Veranstaltungsfreiheit Andersdenkender einzuschränken, stellen sie sich außerhalb dessen, was in einer pluralistischen Demokratie vertretbar ist. Jeder hat das Recht, seine Meinung kundzutun und gegen Strömungen zu demonstrieren, die einem nicht passen – aber wo die Freiheit der anderen, dasselbe zu tun, verletzt wird, geht das zu weit. (Was, nebenbei gesagt, genauso selbstverständlich für tanzende Burschenschafter und deren Gegner zu gelten hat.)

Man könnte die Frage stellen, warum Polizei und Verfassungsschützer nicht von sich aus Personal zum Schutz der Theateraufführung abgestellt haben – mit seinem hochpolitischen Hintergrund und vor der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft gerade in der Flüchtlingsfrage war eine symbolträchtige Veranstaltung wie jene im Audimax ein logisches Ziel für eine Störaktion. Andererseits: Ist es wirklich schon so weit, dass Theateraufführungen nur wegen ihres politischen Hintergrunds Polizeischutz brauchen?

Oder man kann die Frage stellen, ob das bereits die ersten Anzeichen eines Abgleitens unserer Gesellschaft in die Barbarei sind, analog zu den Entwicklungen der Zwischenkriegszeit mit ihrem aufkeimenden Faschismus. Das scheint, bei aller Jenseitigkeit der Aktion und der krausen Ideologie der Identitären, ein wenig gar alarmistisch: Die demokratischen Institutionen sind heute ungleich gefestigter, extreme Positionen weit nicht so salonfähig wie in den 1920er und 30er Jahren. Man sollte die gefährliche Symbolik solcher rechtsextremen Aktionen nicht unterspielen – aber der Nährboden, auf den sie fallen können, ist im Vergleich zu damals zu gering, als dass man bereits erste Symptome eines breiten Faschismus diagnostizieren sollte.

Was man aber jedenfalls konstatieren kann: Wer mit voller Absicht Theateraufführungen stört, sollte sich nicht als Verteidiger einer abendländischen Kultur aufplustern, wie es die Identitären tun – er hat schlicht keine Kultur, die er verteidigen könnte.