Bild: Franz Johann Morgenbesser

Die AK und der Frauenanteil

Wer Wasser predigt, sollte den Wein lassen

Meinung / von Matthäus Kattinger / 02.03.2016

Die Arbeiterkammer beklagt sich darüber, dass nur in fünf der 200 umsatzstärksten österreichischen Unternehmen Frauen den Vorstandsvorsitz innehaben. Das ist wenig – aber es geht noch tiefer. Denn unter den Präsidenten der Landesarbeiterkammern liegt der Frauenanteil bei NULL KOMMA NULL Prozent.

Aus jeder Zeile der Aussendung der Arbeiterkammer Wien trieft geradezu die Verbitterung. Laut dem jüngsten „Frauen Management Report“ der AK Wien, so heißt es anklagend, betrage der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der Top-200-Unternehmen gerade mal 7,2 Prozent.

Schlimmer noch, jedes vierte der 200 größten Unternehmen komme in Geschäftsführung und Aufsichtsrat ohne Frauen aus. Bloß in fünf Unternehmen habe die AK-Studie Frauen als Vorstandsvorsitzende (CEO) bzw. alleinige Geschäftsführerin ausfindig machen können. Sie werden deshalb von der Arbeiterkammer auch namentlich angeführt: Sabine Herlitschka (Infineon), Tatjana Oppitz (IBM), Herta Stockbauer (BKS Bank), Karin Trimmel (Gurktaler AG), und Elisabeth Stadler (Vienna Insurance Group).

Demagogie versus Fundamentalismus

In den Aufsichtsräten sei es um die Vertretung der Frauen „etwas besser“ bestellt, auch wenn diese nur 17,7 Prozent betrage – bei börsennotierten Unternehmen sind es 17,4 Prozent. Im Europa-Vergleich schneide Österreich aber auch in den Kontrollgremien nach wie vor unterdurchschnittlich ab. EU-weit habe die EU-Kommission einen Schnitt von 21 Prozent erhoben, für Österreich werden 18 Prozent genannt. Die Arbeiterkammer Wien macht jedenfalls „akuten Aufholbedarf“ aus, beschränkt sich aber bei den Forderungen auf die Repräsentanz bei Kontrollgremien. So wird in Aufsichtsräten nicht zum ersten Mal die Einführung einer Geschlechterquote von 40 Prozent gefordert. Bei Nichteinhaltung wünscht sich die Arbeiterkammer Sanktionen wie Bußgelder oder den Verlust öffentlicher Aufträge.

Nun mag es ein demagogischer Einwand eines spitzfindigen Gesetzes-Puristen, wenn auch nur Quasi-Kelsianers sein, der sich – wie es die Arbeiterkammer sonst in vielen Fällen macht – auf das Gesetz zurückzieht. Das Aktiengesetz aber kennt keinerlei Geschlechterquoten, stellt bloß auf erforderliche Voraussetzungen ab (weshalb der Autor – bei entsprechender Qualifikation – überhaupt nichts dabei fände, wenn der Vorstand selbst eines großen Börsenunternehmens aus lauter Frauen bestünde).

Verbiestertes Beharren

Ein zweiter Einwand geht dahin, dass bei Vorständen und Aufsichtsräten die Erfahrung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Auch wenn es nicht die Regel ist, so handelt es sich dabei doch zu einem beträchtlichen Anteil um „gereiftere Semester“. Ohne Zahlen bei der Hand zu haben, würde ich doch schätzen, dass ein guter Teil der österreichischen Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte 60 Jahre oder älter ist. Das aber ist eine Welt, die für präsumtive weibliche Mitglieder durch das geradezu verbiesterte Beharren von Gewerkschaften, AK und SPÖ auf das gesetzliche Pensionsalter von 60 Jahren für Frauen zur quasi „von Gesetzes wegen rechtsfreien Zone“ wird. Auch wenn sich daraus keine Unvereinbarkeit ergibt, so spielt das Festhalten an der europaweit absolut privilegierten Minderheitsposition eines gesetzlichen Pensionsalters von 60 Jahren wohl eine gravierende Rolle für die geringe Präsenz von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten (detto erklärt sich daraus ein beträchtlicher Teil des in Österreich so großen Abstands in der Entlohnung von Männern und Frauen).

Keinerlei Polemik und Demagogie ist es, wenn man dem fundamentalistischen Ansatz der AK-Studienautorin bezüglich Frauenanteil in Top-Unternehmen die reale Welt der Frauen-Repräsentanz in den höchsten Leitungsfunktionen der Länderarbeiterkammern gegenüberstellt. Die Untersuchung der Präsidien (samt Vorstandsmitgliedern) der Arbeiterkammern zeigt, dass da zwar Wasser gepredigt wird, der Wein aber in fast allen Ländern meist nur geringfügig verwässert wird.

Einzuräumen ist, dass Wien seinem puristischen Studien-Wasser wirklich nur eine kleine Prise Wein beimischt. Denn in der Wiener AK stehen streng paritätisch zwei Männern zwei Frauen als Vizepräsidenten gegenüber, zudem finden sich noch je sieben Frauen und Männer als einfache Vorstandsmitglieder. Die nicht unwesentliche Abweichung von der Geschlechterparität zeigt sich allerdings gerade an der Spitze – denn der Präsident ist ein Mann.

Wie übrigens auch in allen anderen acht Länderarbeiterkammern. Der Frauenanteil an der Spitze der Führungspositionen liegt also in der Arbeiterkammer bei glasklaren NULL KOMMA NULL Prozent. Am höchsten ist der Anteil der Frauen bei den Vizepräsidenten (wiewohl gerade diese Positionen jene mit den geringsten Karrierechancen sind, wird doch nur in Ausnahmefällen ein Vize auch Präsident). Hier liegt das Verhältnis bei 20 Männern zu 10 Frauen, also einem Frauenanteil von immerhin einem Drittel.

Schwesterlicher Frust

Bei den restlichen Mitgliedern des Vorstandes muss die Betrachtung auf acht Länder reduziert werden, denn die AK Burgenland macht ein großes Geheimnis um die Besetzung ihres Vorstandes. Nur Präsident und Vizepräsidenten werden auf der Homepage genannt, dafür aber werden alle (mehr als 50) Mitglieder der Vollversammlung namentlich aufgeführt. Bei den verbleibenden acht Länderkammern beträgt das Verhältnis von Männern und Frauen unter den einfachen Vorstandsmitgliedern 62 zu 23, was einem Frauenanteil von 27,1 Prozent entspricht. Nimmt man den fundamentalistischen Sonderfall Wien heraus, dann ist es durchaus vorstellbar, dass sich der Frust der Studienautorin auch gegen die Schwester-Kammern in den Ländern richtet, ergibt sich doch ein beträchtliches Missverhältnis von 55 Männern zu 16 Frauen. Das entspricht einem Frauenanteil von nur noch 22,5 Prozent.

Ein Postskriptum sei noch gestattet: In Anlehnung an die Metapher von der kleinen (österreichischen) Welt, in der die große ihre Probe hält, bin ich mir nicht sicher, ob das Ergebnis des Machtkampfes in Sachen Frauenanteil zwischen den Fundis der Wiener und den anderen Arbeiterkammern richtungsweisend für Österreichs Unternehmen werden sollte.