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Unvollständige Datenlage

Werden in Österreich mehr Waffen verkauft? Wir wissen es nicht

von Julia Herrnböck / 25.11.2015

Offiziell besitzen weniger als drei Prozent der Menschen in Österreich eine Feuerwaffe, auch der Verkauf ist nicht so stark gestiegen wie angenommen. So besagen es zumindest die Daten. Die aber sind unvollständig – wir wissen weder, ob aktuell mehr Waffen als früher verkauft werden, noch wie viele Flinten es gibt. Das Beispiel zeigt, welchen Stellenwert Daten für die Behörden in Österreich haben. 

In den vergangenen Monaten wurde viel darüber spekuliert, ob die Menschen in Österreich mehr Waffen kaufen als früher. Der Standard hat eine umfangreiche Erhebung der Zahlen vorgenommen, die zu dem Thema verfügbar sind.

Auch NZZ.at hat eine Reportage über die steigenden Waffenverkäufe in der Steiermark publiziert. Jetzt wollten wir mit den verfügbaren Zahlen überprüfen, ob die Umsätze, die mit Schusswaffen erzielt werden, schneller steigen als noch vor einigen Jahren. Das Problem: Die Daten über Waffen in Österreich sind nicht vollständig. Eine valide Aussage ist nicht möglich.

Der Anstieg der Waffenregistrierung ist in der Steiermark etwas steiler als der österreichweite Schnitt. Ob das ungewöhnlich ist, lässt sich aber nicht feststellen, weil die Daten aus den Vorjahren fehlen.

Warum ist das so?

Seit Oktober 2012 gibt es das Zentrale Waffenregister (ZWR). Seither müssen alle erworbenen Schusswaffen gemeldet werden. Das gilt auch für die Kategorien C und D, also Schrotflinten und Büchsen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht alle erfasst wurden. Diese können ohne Waffenschein nach einer dreitägigen „Abkühlphase“Wer eine Waffe der Kategorie C und D in Österreich kauft und keine Waffenbesitzkarte hat, muss nach dem Kauf drei Tage abwarten. Erst dann darf er oder sie die Waffe mit nach Hause nehmen. Damit soll einer Tat im Affekt vorgebeugt werden. gekauft werden. Einzige Voraussetzung: Volljährigkeit und keine Vorstrafen. Klar, dass diese Waffen am beliebtesten sind.

Was ist nun mit Büchsen und Flinten, die vor dem Oktober 2012 erworben wurden?

Bis Juli 2014 gab es eine Frist, in der ältere Modelle registriert wurden: für Kategorie C verpflichtend, für D allerdings freiwillig. Das erklärt auch den Anstieg in der Grafik zwischen Sommer und Jahresende 2014: Es ist die Zeitspanne nach dem Stichtag plus Nachfrist, in der die Meldungen im System des Innenministeriums aufscheinen.

Bis Juli 2014 lief die Meldefrist für Waffen, die vor Oktober 2012 gekauft wurden. Der Anstieg zeigt den Moment, wo die Registrierungen beim BMI im System erfasst wurden.

Abgesehen davon, dass möglicherweise nicht alle C-Waffenbesitzer dieser Pflicht nachkamen, weiß niemand, wie viele D-Waffen es in Österreich gibt. Und da es keine Erhebung vor Oktober 2012 gab, lässt sich auch kein Vergleich ziehen, ob der Verkauf im Verhältnis zu früher gestiegen ist oder nicht.

Zwischen Juli 2015 und November 2015 wurden österreichweit 6.463 Stück Kategorie-D-Waffen verkauft. Es gibt aber keine Zahlen, wie viele im Vergleichszeitraum zum Beispiel 1997 oder 2004 über den Tresen gingen. Was aber sagen 6.463 verkaufte Flinten in vier Monaten aus? Nobody knows.

„Dass die Zahl der Waffenverkäufe steigt, wissen wir“, sagt Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Innenministeriums. Die wichtige Frage nach den Gründen – ob sich jemand aus Angst bewaffnet oder weil er eine Sammlung hat – lasse sich mit den Daten aus dem Zentralen Waffenregister nicht beantworten. „Das überlasse ich der Motivforschung“, meint Grundböck.

Das Verhältnis Waffen versus Waffenbesitzer zeigt, dass pro Person mehrere Exemplare registriert sind.

Es ist weder bekannt, wie viele Schusswaffen der Kategorie D es in Österreich gibt, noch ob sich die Menschen heute stärker bewaffnen als vor einigen Jahren. Eine unklare Datenlage sollte aber eigentlich nicht die Grundlage für politische Entscheidungen darstellen. Das ist leider auch bei anderen heiklen Themen der Fall. Kollege Georg Renner hat etwa kürzlich gezeigt, dass nicht bekannt ist, wie viele Asylberechtigte in Österreich leben.

Für eine sachliche Auseinandersetzung mit einem emotionalen Thema braucht es Zahlen. Je besser die Datenlage, desto besser die Diskussion. So einfach ist das. Wo etwas nicht be- oder widerlegbar ist, gibt es Raum für Gerüchte und populistische Spekulationen. Wenigstens sollte die Regierung so ehrlich sein und sagen: Wir wissen es nicht.