Wasserflecken am Dachstuhl. Im Winter muss die Schneelast mittels Dachbeheizung verringert werden. Dadurch entsteht Kondenswasser.

Wie kaputt das Parlament wirklich ist

von Moritz Gottsauner-Wolf / 30.12.2014

Der Umbau des Parlaments ist beschlossene Sache. Wir haben uns die Schäden im Haus genauer angesehen.

Es regnet hinein, schon seit geraumer Zeit, aber das ist noch das geringste Problem. Das Parlament ist 130 Jahre alt und viele Teile des Gebäudes sind am Ende ihrer Lebenszeit angelangt. Im Jänner 2014 haben sich die Parteien auf den 352 Millionen Euro schweren Umbau geeinigt. Nochmal 51 Millionen kommen für den Umzug in das Ersatzquartier in der Wiener Hofburg dazu.

352 Millionen für eine schlichte Sanierung? Da muss etwas schiefgelaufen sein. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass der vergangenes Jahr fertiggestellte DC Tower auf der Wiener Donauplatte mit 300 Millionen Euro sogar günstiger zu Buche schlägt. Und das bei einer monumentalen Höhe von 250 Meter und 43.700 Quadratmeter Nutzfläche.

So einfach ist es aber nicht. Die Zahl mag astronomisch anmuten, wird den festgestellten Schäden, der geplanten Modernisierung und der Erweiterung der Nutzfläche durchaus gerecht.

Wir haben uns auf die Suche nach den, pardon, grauslichen Seiten des Hauses gemacht: Nach den Wasserflecken, dem morschen Holz, den Kabelsalaten aus dem 19. Jahrhundert und den (kon)temporären Stahlrohrtreppen. Denn kaum ein Ringstraßenbau befindet sich in einem schlechteren Zustand als das denkmalgeschützte Parlament. Und für alle, die noch nie das Vergnügen hatten, durch die Gänge des Hauses zu streunen – Steckdosen sind dort Mangelware und die Telefone sehen so aus:

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Oder so:

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Das Potpourri aus neoklassizistischer Pracht, Holzpanel-Ästhetik der Fünfziger und elektrotechnischem Museum verleiht dem Parlament seinen speziellen Charme. Doch praktikabel ist vieles davon schon lange nicht mehr. Manches ist auch nachgerade gefährlich. Im Video-Rundgang bietet der Architekt Hermann Schnell, Mitglied des Sanierungsteams, einen Überblick über die Schäden und Schwachstellen des Parlaments.

Video: Lukas Wagner

Das Dach gehört zu den kritischen Bereichen. Der überwiegende Großteil des Dachstuhls stammt aus dem 19. Jahrhundert. Einige Abschnitte wurden in den Fünfziger Jahren mit Beton saniert, befinden sich heute allerdings in noch schlechterem Zustand als die Originale aus Holz. „Die Baustoffe standen damals eben nicht in ausreichender Qualität zur Verfügung“, sagt Hermann Schnell. Probleme gibt es auch im durchfeuchteten Keller. In der folgenden Bildergalerie sehen sie einige weitere sichtbare Schäden.

Um den Brandschutz ist es noch schlechter bestellt. Etliche elektrische Leitungen verlaufen durch Lüftungskanäle. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hörte sich das vielleicht noch nach einer guten Idee an. Heute ist das ein Sicherheitsrisiko. Im Zusammenspiel mit den fehlenden BrandabschnittenAls Brandabschnitt bezeichnet man den Bereich eines Gebäudes, der mit feuerbeständigen Bauteilen so ausgestaltet ist, dass ein Feuer von ihm aus nur schwer auf andere Bereiche übergreifen kann. Im Falle eines Brandes soll das Feuer auf einzelne Brandabschnitte begrenzt bleiben oder die Ausbreitung zumindest so lange verzögert werden, dass sich die Menschen in Sicherheit bringen können.  könnte sich der Rauch eines Kabelbrands in kurzer Zeit im gesamten Haus ausbreiten (Auch zum Beispiel, wenn Adventkränze zu brennen beginnen). Die im Video zu sehende Stahlrohr-Stiege im Hof geht auf den Mangel an Feuertreppen zurück. Das Haus ist überdies nicht barrierefrei. „Bei den Themen Brandschutz und Barrierfreiheit wird man auch grundlegende Verbesserung vornehmen“, sagt Parlamentsvizedirektor Alexis Wintoniak.

Einen positiven feuerpolizeilichen Bescheid würde das Parlament mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr erhalten. Dass weiterhin rund 600 Menschen im Haus arbeiten ist der Regelung zu verdanken, dass die Behörde nicht einschreiten muss, so lange Verbesserungen bereits konkret veranlasst wurden. „Der gesetzliche Rahmen sieht die dynamische Gebäudeerhaltung vor“, sagt Wintoniak. „Wenn eine Norm geändert wird, kann man oft nicht sofort umbauen. Moderne Bürogebäude müssen eben andere Standards erfüllen als, zum Beispiel, ein 300 Jahre altes Barockgebäude.“

Außerdem sei das Parlament bei seiner Errichtung nicht auf die heutige Nutzung ausgelegt gewesen. „Wir haben 150.000 Besucher im Jahr“, sagt Wintoniak. „Vor 130 Jahren hat sich auch niemand gedacht, dass wir so viele Ausschüsse haben werden.“

Dass etwas getan werden muss, darüber sind sich die Parteien schon lange einig. Doch die Entscheidung, in welchem Umfang saniert werden sollte und vor allem, wie viel das denn kosten darf – darüber wurde jahrelang debattiert. Wie sich diese Mängel auf die Kosten und Sanierungspläne ausgewirkt haben, erfahren Sie in den kommenden Tagen an dieser Stelle.