Lilly Panholzer

Analyse

Wie sucht man einen Sektionschef, den man schon gefunden hat?

Meinung / von Moritz Moser / 23.10.2015

Der Budgetsektionschef ist einer der wichtigsten Beamten der Republik. Die Stelle steht nun zur Nachbesetzung an. Das Finanzministerium hat sie zum zweiten Mal innerhalb von eineinhalb Jahren ausgeschrieben, mit bemerkenswert unterschiedlichen Anforderungen. Ein Schelm, wer versucht, daraus Rückschlüsse auf den Wunschkandidaten zu ziehen.

Die Stellen von Sektionschefs werden gesetzmäßig im Amtsblatt der Wiener Zeitung ausgeschrieben. Die Bewerber müssen sich dann dem Hearing einer unabhängigen Kommission stellen. Diese erstattet dem Minister schließlich einen Kandidatenvorschlag. Wie unabhängig die Bestellung von Spitzenbeamten abläuft, wurde an dieser Stelle bereits mehrfach berichtet.

Die Politik hat Einflussmöglichkeiten und nutzt sie wohl auch. Eine solche Möglichkeit ist die maßgeschneiderte Ausschreibung. Wenn man inoffiziell schon weiß, wen man haben will, kann man ihn offiziell viel gezielter suchen. Auf die Frage, warum die Stelle eines Sektionschefs noch nicht ausgeschrieben worden sei, soll ein Minister einmal geantwortet haben, er wisse ja noch nicht, wer es werden solle. So viel entwaffnende Ehrlichkeit ist selten, zeigt aber, wie der Hase bei Postenbesetzungen in Österreich noch immer läuft.

Die Sektionshenne und ihr Ei

Oft sind es kleine Details in Ausschreibungen, die am Ende den Ausschlag geben. Spricht jemand eine zweite Fremdsprache? Ausgezeichnet! Für die konkrete Tätigkeit ist es vielleicht nicht wichtig, aber genau so jemand wurde zufällig gesucht. Des Eindrucks, dass das politische Ei schon gelegt wurde und man nur noch die Henne per Ausschreibung sucht, kann man sich oft nicht erwehren. Zu häufig gibt es für sehr ähnliche Tätigkeiten bemerkenswert unterschiedliche Anforderungen.

Besonders erstaunlich sind solche Unterschiede, wenn derselbe Posten in eineinhalb Jahren zweimal ausgeschrieben wird, wie jener des Leiters der Sektion II im Finanzministerium. Manfred Lödl erhielt die Stelle an der Spitze der Budgetsektion 2014. Nachdem er nun in Pension geht, wurde sie im Oktober 2015 neu ausgeschrieben.

Allerdings hat sich das Profil der Funktion zwischen März 2014 und Oktober 2015 in mehreren Punkten gewandelt. Ein Bewerber mit ausgeprägter Lösungs- und Umsetzungskompetenz hatte früher zum Beispiel bessere Chancen, dafür zählen Ausbildung und Berufserfahrung nun mehr. Den einzelnen Punkten werden Prozentsätze zugewiesen. Am Ende ergibt sich daraus zu welchem Prozentsatz der Kandidat das Anforderungsprofil insgesamt erfüllt. Da können auch kleine Unterschiede wie „weitere Sprachkenntnisse von Vorteil“ wertvolle Punkte liefern.

Ein europäisches Budget

Bemerkenswert ist, wie viel Wert in der neuesten Auschreibung des Sektionschefspostens auf Kenntnisse aus dem EU-Bereich gelegt wird. 2014 reichte es für einen potenziellen Budgetsektionschef noch mit der „Vertretung und Wahrnehmung österreichischer Interessen im Rahmen von Institutionen der Europäischen Union“ vertraut zu sein. 19 Monate später muss er besonders damit vertraut sein, diese Interessen „auf höchster Ebene sowie auf EU-Ebene“ zu vertreten. Neben vertieftem Wissen zu den EU-Finanzen muss er außerdem neuerdings „fundierte Kommunikationserfahrungen mit Entscheidungsträgern auf höchster nationaler, internationaler und EU-Ebene“ vorweisen können. Ein längeres Gespräch mit einem EU-Kommissar dürfte da kaum reichen.

In der Ausschreibung vom Oktober dieses Jahres wird insgesamt doppelt so oft auf die Europäische Union eingegangen, wie in der vom März 2014. Die EU-Erfahrung des gesuchten Kandidaten ist sogar so wichtig, dass auf die „langjährige praktische Erfahrung“ im Umgang mit dem österreichischen Budget verzichtet wird, die 2014 noch wesentlich war. Dafür wäre es nun von Vorteil, wenn der zukünftige Leiter der für das Budget zuständigen Sektion in „Aufsichtsgremien oder Kontrollfunktionen“ tätig war.

Persönlich angefordert

Bei der Gewichtung der einzelnen Kenntnisse fällt ein weiteres Detail auf: Der Punkt „Persönliche Anforderungen“ enthielt im vorigen Jahr noch das Kriterium „praktische langjährige Führungserfahrung insbesondere von großen Organisationseinheiten“. Dieses findet sich heuer unter der Überschrift „Ausbildung/Berufserfahrung“. Der Abschnitt „Persönliche Anforderungen“ wurde, obwohl er ansonsten mit dem der Ausschreibung von 2014 deckungsgleich ist, dennoch um fünf Prozent aufgewertet.

Mit dem weniger anspruchsvollen Kapitel hat man nun schon 20 Prozent der Anforderungen an den Job erfüllt, anstatt wie bisher 15. Eventuell fehlende Führungserfahrungen kann man im Kapitel „Ausbildung/Berufserfahrung“ dafür umso besser mit den dort reichlich geforderten EU-Kenntnissen kompensieren. Und im Kapitel „Fach- und Managementkenntnisse“ punktet man nun auch mit Softskills wie der „Fähigkeit zur kritischen Beurteilung komplexer Sachverhalte und deren Kommunikation“.

Versuch über einen Sektionschef

Ein Schelm, wer denkt, man hätte bei der Formulierung der Ausschreibung bereits eine bestimmte Persönlichkeit im Auge gehabt. Aber wenn es doch so wäre, wie müsste sie wohl aussehen?

  • EU, EU, EU! Der künftige Sektionschef im Finanzressort sollte lange und intensiv am Brüsseler Parkett getanzt haben (Jean Claude Juncker kann es nicht werden, als Sektionschef muss man österreichischer Staatsbürger sein.).
  • Man sollte in Gremien gesessen sein, am besten auf höchster Ebene. Ein EU-Gremium wäre natürlich doppelt gut (siehe Punkt eins).
  • Jurist oder Sozioökonom muss man sein, 2014 reichte noch ein „einschlägiges Studium“.
  • Man sollte in Wechselstimmung sein, vielleicht weil gerade der zweite Vier-Jahres-Vertrag bei der alten Firma ausläuft.
  • Wenn es 2014 noch gereicht hat Verhandlungsgeschick vorzuweisen, muss es diesmal schon „auf höchstem Niveau“ sein. Da kommen die Gremien wieder ins Spiel, in denen man am besten gesessen sein sollte oder die man vielleicht sogar geleitet hat. Irgendetwas mit Wirtschaft und Finanzen vielleicht, am besten bei der EU (siehe Punkt eins).
  • Budgetkenntnisse. Nun ja, am Ende hat der Job damit zu tun, aber das Thema war schon einmal wichtiger. Jetzt genügt es immerhin, wenn man die öffentlichen Finanzen „sehr gut“ kennt, beim letzten Mal mussten die Kenntnisse noch „umfassend“ sein. Die Haushaltsrechtsreform von 2013 ist schon länger her. Die Forderung, sich mit ihr auszukennen, hat es daher nicht mehr in die Ausschreibung geschafft.
  • Gute Beziehungen sind zwar kein formales Kriterium, können aber nicht schaden. Vor allem als Leiter der Budgetsektion sollte man über ein gutes Verhältnis zu beiden Regierungsparteien verfügen. In einer traditionell roten Sektion kann es beispielsweise nicht schaden, einmal die Entdeckung eines SPÖ-Finanzministers gewesen zu sein. Wenn man zudem vom ÖVP-Finanzminister geschätzt wird, steht der Bestellung eingentlich nichts mehr im Weg.

Wer alle diese Punkte erfüllt, sollte gute Chancen haben, demnächst Budgetsektionschef im Fianzministerium zu werden, und wäre damit wohl sicher nicht die schlechteste Wahl. Zweifel daran, dass die Bestellungskommission die, wie es Monika Lindner einmal ausgedrückt hat, „Flugrichtung des Heiligen Geistes“ richtig deuten wird, sind nicht angebracht. Die Sache dürfte auch dank eindeutiger Ausschreibung eine g’mahte Wiesen sein, diesmal zumindest mit einem nicht allzu schlechten Kandidaten als begrüßenswertem Nebenergebnis.