Überwachung

Wir haben einen Chefüberwacher überwacht (und er war dankbar dafür)

von NZZ.at / 03.12.2015

Wir haben ein Recherche-Team auf Peter Gridling angesetzt. Wie wir den obersten Verfassungsschützer und Terrorismusbekämpfer bis nach Hause verfolgt haben und warum er uns am Ende dafür dankbar war.

Der Wind rüttelt am Lenkrad, der Fuß klebt am Gaspedal. Ein schwarzer Audi braust über die graue Landstraße davon, dem trägen Morgenverkehr entgegen. Mit jeder Sekunde wird er ein bisschen schneller, schrumpfen seine roten Rücklichter, wird die leere Straße zwischen den Autos größer. Bis kein Audi mehr da ist.

Nach vielleicht einer Minute ist es vorbei. An einer roten Ampel in der Nähe einer Autobahnauffahrt können wir es nicht mehr leugnen. Peter Gridling, der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, ist entwischt.

Es ist Dienstag, 7:30 Uhr, als das Experiment zu Ende ist. Wir wollten dem obersten Staatsschützer des Landes nachspüren. So wie das schon die Schweizer Wochenzeitung WOZ gemacht hat. Vor einem Jahr lauerte sie dem Schweizer Nachrichtendienstchef Markus Seiler auf, der darüber nicht sehr glücklich war.

Die Recherche beginnt

Doch wir sind keine Wochenzeitung und das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) ist genau genommen kein Nachrichtendienst. Dafür kommt am Mittwoch das neue Staatsschutzgesetz ins Parlament, es soll das BVT stärken. Das ist uns Grund genug, mehr über dessen Chef herauszufinden.

Für das Überwachungsexperiment haben wir einen sehr engen Rahmen gesetzt: Wir wollen nicht mehr als einen Tag recherchieren, dazu nur öffentliche Quellen verwenden, und Peter Gridling selbst soll von alldem nichts mitbekommen.

Montag, 12:00 Uhr, die Recherche beginnt banal. Peter Gridling hat einen Wikipedia-Eintrag. Dazu gibt es ein paar Lebensläufe und vor allem die Zeitungsarchive. Als er noch jünger war, redete er lieber über sein Privatleben, scheint es. Je höher es in der Hierarchie ging, desto weniger sagte er. Wer alles liest, kann ein Profil erstellen.

Peter Gridling, geboren am 9. April 1957 in Lienz. Der Vater war Portier im Vier-Sterne-Hotel Die Traube, das ist alles, was der Sohn öffentlich dazu gesagt hat. Eine Schwester soll noch in der Osttiroler 12.000-Seelen-Gemeinde wohnen und seine Frau X (alle Namen der Familie geändert, Anm.) ist hier einem digitalen Klassenbuch nach acht Jahre in Volksschule und Gymnasium gegangen.

Die Karrierespuren

In den neunziger Jahren trug Peter Gridling noch Vollbart.
Credits: APA

Der Name Gridling ist so osttirolerisch, dass ein Sprachforscher einen eigenen Text dazu verfasst hat. Ansonsten schreiben alle Mini-Biographen dasselbe: Peter Gridling geht bis zur Matura in die Schule, dann als Grundwehrdiener zum Heer, er ist Gebirgsjäger. Danach beginnt er eine Ausbildung zum Gendarmen und drückt mit dem späteren Innenminister und jetzigen ÖVP-Landeshauptmann Günther Platter die Schulbank.

1977 ist ein besonderes Jahr: Der 20-Jährige heiratet X und wird Gendarm. Irgendwann ziehen die beiden nach Hall in Tirol, wann genau, ist im Internet nicht auffindbar. 1979 wird Sohn Y geboren, drei Jahre später der zweite Sohn, Z. Spätestens in diesem Jahr wohnt die Familie wohl in Hall, Z. gibt den Ort auf Facebook als seinen Herkunftsort an.

Die Stationen der Karriere findet man schnell, dazwischen klaffen immer dieselben Lücken: Er studiert Jus, gibt 1988 seine Magisterarbeit ab (Titel: Das Recht auf persönliche Freiheit). Für die Polizei arbeitet er beim Gendarmerieeinsatzkommando (Vorgänger der Cobra), ab 1992 für die Staatspolizei (ein Vorgänger des BVT), ab 1995 leitet er die Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (ein anderer Vorgänger des BVT). Im Jahr 2002 ging er zur Europol ins niederländische Den Haag (Einheit Sc5, Terrorismusbekämpfung), seit 2008 leitet er das BVT. Geholt hatte ihn Günther Platter.

Kein Facebook, vielleicht Twitter

Gridling hat in seiner Zeit bei Europol ein paar Fachartikel geschrieben, wenige Interviews gegeben, leitet laut Zeitungsberichten rund 500 Mitarbeiter. Sein Gehalt dürfte zwischen 100.000 und 120.000 Euro brutto im Jahr betragen, so kann man sich das nur sehr grob aus dem gesetzlichen Entlohnungsschema herausrechnen. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist es in Österreich nahezu unmöglich, legal herauszufinden, wie viel Steuern eine Person zahlt oder wie viel Vermögen sie angehäuft hat. Das gilt auch für Peter Gridling.

So kennt man Peter Gridling heute.
Credits: APA

Doch der BVT-Chef ist noch ein bisschen diskreter als die meisten. Gerade einmal eines seiner Hobbys kann man rekonstruieren: das Schwimmen. Schon in Hall in Tirol war er Mitglied eines Vereins, der Sport verbindet ihn mit seinen Söhnen. Als deren Schwimmverein in den neunziger Jahren wegen einer Trainerin in die Schlagzeilen gerät, schreibt Peter Gridling einen Leserbrief an die NÖN, wechselt mit der ganzen Familie. Y und Z nehmen an mehreren Wettbewerben teil, ihr Vater wird Vereinsobmann.

Viel mehr gibt es nicht. Kein Facebook-Account. Ein nahezu leeres Twitter-Konto könnte ihm gehören. Wir suchen mit seiner dienstlichen E-Mail-Adresse nach angemeldeten Profilen, raten ein paar Kombinationen für private Adressen. Nichts. Keine eingetragenen Firmen, nicht im Vereinsregister, keine angemeldeten Gewerbe.

Der Treffer in der Datenbank

Nicht ungewöhnlich für einen, der sein Leben im Staatsdienst verbracht hat. Seine beiden Söhne sind leichter zu finden, sie haben Firmen gegründet, das bedeutet Bürokratie, Meldeadressen, Geburtsdaten. Außerdem scheinen sie unvorsichtiger als der Vater: Über öffentlich einsehbare Facebook-Profile und dort hineingestellte Karten der Fitness-App Runtastic wissen wir sogar, wo sie laufen gehen.

Legt man die Freundeskreise der beiden Söhne übereinander, bleiben 91 gemeinsame Freunde. Darunter ein Account ohne Foto, der den abgekürzten Namen der Mutter trägt. Eine Spur ist das nicht wirklich. Und von Peter Gridling ist sowieso nichts zu sehen.

Wäre da nicht eine Datenbank. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Peter Gridling sie in den neunziger Jahren zugänglicher machen wollte, forderte, sie zu digitalisieren. Wer heute einen Ausweis in einem Magistrat oder Gemeindeamt vorlegt, kann durch das Zentrale Melderegister herausfinden, wo eine Person wohnt. Wir gehen los. Treffer.

Das Haus des BVT-Chefs

Wir haben einen Ortsnamen. Straße, Hausnummer. Auf den Satellitenkarten von Google können wir dem obersten Staatsschützer auf das Dach blicken, auf seinen grünen Rasen, den von Bäumen gesäumten Teich, den blitzblauen Swimmingpool. Ein Blick ins Grundbuch bestätigt: Das halbe Haus gehört Peter Gridling, die andere Hälfte seiner Frau X. Hier steht, dass sie im Jahr 1998 gekauft haben, wie viel Hypothek sie bekommen könnten.

Kann es wirklich so einfach sein, die Privatadresse des BVT-Chefs zu finden? Was würden böse Menschen mit dieser Information anfangen? Oder wohnt er vielleicht gar nicht dort, sondern ist nur dort gemeldet, um alle anderen zu verwirren?

Nur Hauptwohnsitze sind im Zentralen Melderegister (ZMR) für jedermann einsehbar. Gibt es eine zweite Wohnung oder ein zweites Haus, muss man beim Magistrat begründen können, warum man die Adresse haben will. Würde Gridling nur einen Wohnsitz haben, könnte er sich sicherheitshalber aus dem Melderegister sperren lassen.

Dienstagfrüh, kurz vor 6 Uhr. Ein unscheinbares Haus in einem unscheinbaren Ort. Hecke, Postkasten, Garage. Eine halbe Stunde nach sechs geht das erste Licht an. Kurz vor sieben geht die Tür auf, ein Zwei-Meter-Mann tritt an die frische Morgenluft. Es ist Peter Gridling, in der Hand hält er eine Tageszeitung.

Der Anruf danach

Er wird in einen schwarzen Audi steigen, wir werden den Motor des Car2Go-Smarts anwerfen, ihm folgen und schon nach einer Minute abgehängt werden. Ob es daran liegt, dass die Fahrer des BVT-Chefs erkannt haben, dass sie verfolgt werden oder der Smart einfach nur zu langsam war, ist eines der Geheimnisse, die nach diesem Tag geblieben sind.

Es ist schon wieder Abend, als das Telefon läutet, ein anonymer Anrufer. Es ist Peter Gridling. Wir hatten ihn per Mail informiert, wie leicht wir an seine Privatadresse gekommen sind. Und wir wollten ihm noch etwas Zeit einräumen, um sie im Melderegister sperren zu lassen, seinen Söhnen zu sagen, dass sie besser auf ihre Facebook-Konten achtgeben sollen.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich darauf hingewiesen haben“, sagt er. Das Ganze sei ein Versehen. Die Sperre von Adressen müsse alle zwei Jahre erneuert werden, das habe wohl jemand vergessen. Am Donnerstag gehen wir wieder aufs Magistrat, fragen nach Peter Gridling im Melderegister. Diesmal liegen keine Daten vor. Der oberste Verfassungsschützer und Terroristenbekämpfer ist wieder sicher.

Text und Recherche: Christoph Zotter
Recherche: Moritz Gottsauner-Wolf
Video: Lukas Wagner