Kanzler-Solo im ORF

Wir woll’n den Faymann seh’n

Meinung / von Michael Fleischhacker / 08.03.2016

Am kommenden Sonntag feiern sie im ORF ein Kanzlerhochamt. Die politische Diskussionssendung Im Zentrum wird den Kanzler als alleinigen Gast im Zentrum haben. Das macht man jetzt so. Angela Merkel war schon zweimal bei Anne Will zu Gast, ebenfalls Sonntagabend. Beschwerden der Oppositionsparteien im deutschen Bundestag oder der Regierungspartner bei der ARD sind nicht erinnerlich.

Die ORF-Verantwortlichen hingegen sind, seit die Austria Presse Agentur beim ORF eine Bestätigung des Berichts der Gratiszeitung Heute erhielt, die über die Programmänderung exklusiv berichtet hatte – die Genese der Nachricht sagt ungefähr alles über dieses Land und seinen politmedialen Komplex, viel mehr als das ganze nachfolgende Gesumse der professionellen Sprechblasenerzeuger in den Parteisekretariaten –, mit massiven Vorwürfen konfrontiert.

Die FPÖ sieht einen „medienpolitischen Skandal der Sonderklasse“, über den man sich aber andererseits nicht wundert, weil, wie Generalsekretär Herbert Kickl betont, „die parteipolitische Einseitigkeit des ORF“ ja „allgemein bekannt“ sei. „So offen“ habe er sich aber „noch selten als Rotfunk deklariert“.

Die Grünen, die sich stilistisch in Richtung FPÖ für Bobos entwickeln und dabei auch die smarten Abweichungen von der deutschen Grammatik übernehmen, mit der FPÖ-Aussendungen üblicherweise glänzen, sehen das so: „Es ist einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unwürdig, im Vorfeld der anstehenden ORF-Neuwahl vor dem roten Parteichef zu buckeln.“ Wenn der ORF der Meinung sei, dass man mit dem notorisch konfrontationsscheuen Kanzler (so haben sie es natürlich nicht formuliert) lieber ein Einzelgespräch statt einer Diskussion haben wolle, dann gäbe es dafür ja die Pressestunde am Sonntagvormittag. Aber: „Offenbar kann Faymann sogar den Zeitpunkt der Ausstrahlung eines Interviews diktieren. Das ist nur mehr peinlich und wohl ein Vorgeschmack darauf, was uns in den nächsten Monaten noch alles erwartet.“

Wahlkampf? Nö

Was uns in den kommenden Monaten erwartet, ist nämlich die Wahl des ORF-Generaldirektors im August. Der kaum verhüllte Verdacht der Kritiker – auch ÖVP-Generalsekretär und Mediensprecher Peter McDonald findet die Programmierung angesichts der bevorstehenden Wahl „ungeschickt“ – geht ungefähr so: Der Managerdarsteller Alexander Wrabetz gibt dem Kanzlerdarsteller Werner Faymann die Möglichkeit, sich darzustellen, damit der Kanzlerdarsteller dann im August irgendwie mithilft, dass der Managerdarsteller sich weiterhin als Generaldirektor des ORF darstellen kann.

Kann ja eh alles sein, immerhin sind wir in Österreich. Würde man allerdings in Erwägung ziehen, die Programmierung des öffentlich-rechtlichen Senders als eine Angelegenheit zu betrachten, die sich zwischen Sender und Publikum abspielt, nicht zwischen Sender und Parteisekretariat, müsste man wohl zu einem anderen Urteil kommen: Natürlich ist es eine gute Idee, Im Zentrum am kommenden Sonntag oder wann auch immer umzuprogrammieren und den Bundeskanzler zum Einzelgespräch zu bitten.

Abwechslung ist gut

Erstens weil es es immer gut ist, ein Format aufzubrechen und es dadurch aufzufrischen. Zweitens weil die immer gleiche Proporzbesetzung der Sitzgelegenheiten in dieser Sendung durch Parteiheinzis aller Couleurs für denkende Gemüter längst unerträglich geworden ist und deswegen ein einzelner Parteiheinzi auf nur einer Sitzgelegenheit eine wohltuende Abwechslung darstellt. Drittens weil eine Stunde Gespräch mit dem Regierungschef des Landes an einem Sonntagabend einfach eine gute Idee ist.

Der Hinweis auf die Pressestunde, den der Mediensprecher der Grünen freundlicherweise gegeben hat, ist ein schlechter Witz. Denn jeder weiß, dass diese Sendung außer den darin Auftretenden, ihren engsten Verwandten und ihren weisungsgebundenen Mitarbeitern genau niemand braucht. Es gibt sie am Sonntagvormittag nur aus zwei Gründen: Erstens ist den Programmplanern entgangen, dass es 2016 am Sonntagvormittag nicht mehr so ist, dass der Mann nach dem Kirchgang in Anzug, Krawatte und Straßenschuhen televisionär politisiert, während aus der Küche der Bratenduft und das glückliche Summen des Eheweibs herüberwehen. Zweitens will man sich die Zeitungen gewogen halten, indem man jede Woche einen der ihren auf den Schirm lässt.

Aber man kann natürlich nicht anhand einer einzigen Programmentscheidung das ganze Elend des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufarbeiten. Darum sollte man bei der Sache bleiben. Und Sache ist: Es ist eine richtige Entscheidung des ORF, und die durchwegs peinlichen, Politintervention unterstellenden Aussendungen der Parteizentralen sind selbst nichts als platte Versuche der Politintervention. Jede Zuseherin und jeder Zuseher kann sich darauf verlassen, dass eine Ausgabe von Im Zentrum, in der nur der Bundeskanzler auftritt, jedenfalls nicht schlechter ist als eine, in der die Klubobleute oder irgendeine andere Proporzmischung Nicht-Argumente aneinander vorbei schleudern.

Bitte keine Weihestunde

Das Problem der beiden Auftritte Angela Merkels bei Anne Will war ja nicht der Umstand, dass sonst niemand dort war. Sondern die Tatsache, dass es zwei Weihestunden wurden, in denen sich die Journalistin selbst zur Ministrantin beim Kanzlerinnenhochamt machte. Die Tatsache, dass es sich bei Angela Merkel um eine Protestantin handelt, verdeutlich nur die Unangemessenheit des Vorgangs.

Also: Wir woll’n den Faymann seh’n.

Aber wir wollen nicht die Weihestunde erleben, die Anne Will für Angela Merkel veranstaltet hat, sondern ein Gespräch, in dem der notorisch debattenresistente Kanzlerdarsteller auf die Probe gestellt wird. Ob das gelingt, werden wir hinterher wissen, die OTS- Tiraden der Parteisekretariate sind nichts weiter als die Old-School-Interventionitis, die sie angeblich anprangern.