APA/HANS PUNZ

Tag der Arbeit

Wozu eigentlich noch arbeiten?

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 30.04.2016

Noch nie gab es so viele Beschäftigte in diesem Land. Und noch nie so viel ohne Arbeit. Die Arbeitslosen spielen am Tag der Arbeit jedoch keine Rolle, wie ja schon der Name dieses „Feiertages“ verrät. Das ist schade.

In Venezuela arbeiten Beamte neuerdings nur noch zwei Tage die Woche. Nicht, weil sie streikten, sondern weil sie von der Staatsführung nach Hause geschickt werden. Im südamerikanischen Land mit den unglaublich hohen Ölreserven gibt es nämlich zu wenig Strom, weshalb die Arbeitszeit der Staatsdiener reduziert wurde. Damit wird nicht nur Energie gespart, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Beamten einem neuen Hoch zugeführt. Jedenfalls jener, die über 40 sind. Nach Erreichen dieses Lebensalters liefert das menschliche Gehirn nämlich bei einer Drei-Tage-Woche die höchste Leistung. Das behauptet nicht etwa die österreichische Lehrergewerkschaft, sondern die University of Melbourne.

Ein 1. Mai, der alle Rekorde schlägt

Die österreichischen Arbeitnehmervertreter predigen ja seit Jahren die segensreichen Folgen einer kürzeren Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich. Die Menschen wären glücklicher und hätten mehr Zeit, die ungekürzten Bezüge auch auszugeben, wodurch natürlich die gesamte Wirtschaft beflügelt würde. Gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit sei weniger Arbeiten bei vollem Lohnausgleich das Gebot der Stunde. Und ein Akt der Menschlichkeit: „Wir müssen die Arbeit gerechter verteilen“, wird es dementsprechend auch aus den Lautsprechern am Wiener Rathausplatz donnern.

Dieser 1. Mai wird übrigens ein ganz besonderer 1. Mai. Noch nie hatten so viele Menschen Arbeit in diesem Land. Und mit fast 500.000 Arbeitslosen hatten noch nie so viele Menschen keine Arbeit. Und selten zuvor dürfte die Unzufriedenheit in beiden Gruppen größer gewesen sein als heute. Während bei den Beschäftigten das Gefühl wächst, vom Erarbeiteten kaum noch etwas in den eigenen Taschen zu sehen, schwindet in der Gruppe der Arbeitslosen die Hoffnung, je wieder eine lohnende Beschäftigung zu finden. Das große Problem ist, dass beide Gruppen nicht ganz Unrecht haben.

Reallöhne stagnieren, Arbeitskosten explodieren

Wie Mitte dieser Woche eine Berechnung des WIFO im Auftrag der Tageszeitung Die Presse zeigte, profitieren vom österreichischen Beschäftigungsboom ausschließlich staatliche Institutionen. Die Reallöhne stagnieren, während die Arbeitskosten schneller zulegen als in allen anderen westlichen Industrieländern. So sind die realen Nettolöhne pro Arbeitsstunde seit 2008 um drei Prozent gestiegen (seit 2009 sogar leicht gesunken), die Arbeitskosten pro Stunde aber um flotte 22 Prozent gestiegen. Allein im vergangenen Jahr waren es 3,3 Prozent. Bei den Arbeitnehmern landet davon nichts, weil das Leben in Österreich immer teurer wird.

Wer sich dennoch in der glücklichen Lage wiederfinden sollte, etwas Geld auf die Seite legen zu können, darf mit den unerfreulichen Nebenwirkungen der Geldpolitik Bekanntschaft machen und seinen Ersparnissen dabei zusehen, wie sie von der Nullzinspolitik langsam, aber sicher aufgegessen werden.

Die Arbeitnehmervertreter plagen aber ganz andere Sorgen. Sie sehen die Beschäftigten dieses Landes um einen Feiertag geprellt, weil der 1. Mai heuer auf einen Sonntag fällt. Die Lösung des „Problems“: Künftig sollen alle Feiertage, die auf ein Wochenende (also auch auf einen Samstag) fallen, am darauffolgenden Montag „nachgeholt“ werden. Im öffentlichen Dienst gibt es ja für jeden Feiertag, der auf einen Samstag fällt, einen freien Tag extra.

Womit das Kernproblem der österreichischen Lage hinlänglich geklärt wäre. Die Arbeitslosigkeit ist nicht deshalb auf einem Rekordstand, weil es Österreich an freien Tagen mangelte. Auch nicht deshalb, weil hierzulande noch keine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich eingeführt wurde. Sondern deshalb, weil die strukturellen Probleme des Landes immer stärker die Lebenswelten der Bevölkerung erreichen. So zahlen die Bürger heute die Rechnung für die Versäumnisse in der heimischen Bildungspolitik. Immer öfter wird die angebotene Arbeitskraft nicht mehr nachgefragt, weil entweder die geforderten Qualifikationen nicht vorhanden beziehungsweise die Jobs für schlechter Qualifizierte längst ins Ausland abgewandert sind. Dieser Trend wird sich weiter verschärfen, was am Wiener Ratshausplatz niemanden sonderlich zu stören scheint.

Kapital umarmen, nicht verjagen!

Dabei wäre gerade dieser 1. Mai eine passende Gelegenheit für die Politik, einmal innezuhalten. Und sich mit der Frage zu beschäftigen, ob die Wirtschaftspolitik der Republik Österreich die richtige ist. Seit Jahren wird gegen das Kapital gehetzt, obwohl jeder weiß, dass privates Kapital die Voraussetzung für Investitionen ist. Und neue Jobs nur durch Investitionen entstehen, nicht durch gekürzte Arbeitszeiten. 85 von 100 investierten Euro kommen aus privaten Quellen, 15 aus öffentlichen. Die Politik ist also auf private Investoren angewiesen, will sie die Jobkrise bewältigen. Die Unternehmen halten sich mit Investitionen aber zurück, weil sie befürchten, dass sich diese in Österreich kaum noch zurückverdienen lassen.

Am 1. Mai wird es aber nicht um die Bedingungen für Investoren gehen. Sondern ausschließlich um Vorschläge, wie das Arbeitsleid gelindert und der Faktor Arbeit weiter verteuert werden könnte. Die knapp 500.000 Arbeitssuchenden wissen freilich, was wirkliches Arbeitsleid zu bedeuten hat. Aber um die kümmert sich am 1. Mai niemand.