zum nationalfeiertag

Zehn Dinge, die wir an Österreich lieben

von NZZ.at / 26.10.2015

„Vielgeliebtes Österreich“ heißt es im Refrain der wenig gesungenen dritten Strophe der Bundeshymne (jetzt auch gendergerecht mit Jubel- statt Brüderchören). Im Alltag jubeln die Österreicher aber traditionell wenig über ihr Land. Politik, Wirtschaft und Mitmenschen: Vielen fällt es schwer, daran etwas Positives zu finden. Wir machen heute eine Ausnahme und haben gemeinsam zehn gute Dinge gefunden. 

Die NZZ.at-Redaktion erliegt am heutigen Nationalfeiertag der Versuchung des Anlasspatriotismus und präsentiert ihre Liste der zehn Dinge, die sie an Österreich nicht ganz so schrecklich findet – um nicht zu sagen: liebt.

1. Grün blinkende Ampeln
Es gibt so kleine österreichische Eigenheiten, die so vernünftig und sinnvoll erscheinen, dass man sich manchmal wundert, dass der Rest der Welt noch nicht daraufgekommen ist. Das Glas Wasser zum Kaffee ist eine davon. Oder grünblinkende Ampeln. Zugegeben, die gibt es auch in China. Man kann es aber durchaus auch als Ausdruck österreichischer Gemütlichkeit verstehen, dass Verkehrsteilnehmern der veritable Schock des plötzlichen Umschaltens auf Gelb erspart werden soll. Warum es die Regelung überhaupt gibt, weiß interessanterweise auch im Verkehrsministerium niemand mehr so genau. Was man zu wissen glaubt: Wir haben mehr Auffahrunfälle als andere Länder, weil die einen noch Gas geben, während die anderen abbremsen. Aber Tradition ist Tradition, da muss man wohl den einen oder anderen Blechschaden in Kauf nehmen. Und die Gelblicht-Notbremsungen österreichischer Autofahrer an ausländischen Kreuzungen haben doch auch etwas Verbindendes.

2. Die Kaffeehauskultur
Kellner in Wiener Kaffeehäusern fragen nicht, ob „es denn noch etwas sein“ dürfe. Kellner klagen auch nicht über Gäste, die alleine einen Tisch besetzen, an dem ebenso fünf Menschen sitzen und konsumieren könnten. Während in anderen Ländern bereits ein einsamer Zeitungsleser für Verwunderung sorgt, laden die Wiener Kaffeehäuser förmlich dazu ein, ganze Bücher zu lesen oder gar zu schreiben. Das Kaffeehaus ist gleichermaßen Wohnzimmer und Hort des gesellschaftlichen Geistreichtums – des kollektiven Austauschs und des individuellen Schaffens. Wenn der Konsum dabei an einem ganzen Nachmittag nicht über eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser hinausgeht, ist das zu akzeptieren. Das haben die Kellner begriffen.

3. Die versteckten Weltmarktführer
Die Fußballvereine hierzulande brillieren leider eher selten in der Champions League. Dafür gelten über 300 österreichische Unternehmen als Hidden Champions: Kleine und mittlere Unternehmen, die in ihrer Nische zu den besten der Welt zählen, im Alltag aber kaum auffallen. Von der Plastikflasche aus Vorarlberg bis zu Sonnencremetuben aus dem Burgenland treten hiesige Firmen zum Beispiel dominant am Verpackungsmarkt auf. Wer sich aus Patriotismus gleich ein Cola gönnt, darf sich auch darüber freuen, dass eine wichtige Zutat, die Zitronensäure, von einem teil-österreichischen Hersteller stammt. Seien es die jährlich 200.000 Kubikmeter präzisestes Schnittholz, die japanische Häuser erdbebensicher machen, Taxameter, die vor Betrug schützen, oder Turbinen für Wind- und Wasserenergie, österreichische Unternehmen stecken dahinter. Kaum ein anderes Land hat so viele Hidden Champions, und das darf man zurecht großartig finden. Wer nun auf den Heldenplatz rennt, um stolz auf die rot-weiß-rote Flagge zu blicken, darf sich gleich nochmal freuen – ein weltweit führender Fahnenstangenhersteller kommt aus Mittersil.

4. Beim Reden kommen die Leut’ z’am
Wer im Ausland arbeitet, hat so manches Aha-Erlebnis. Das fängt natürlich damit an, dass anderswo zwischen Netto und Brutto meist eine deutlich kürzere Distanz liegt, doch die Differenzen gehen viel tiefer. Denn ob nun in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich, die Distanz zwischen Kollegen oder über Hierarchien hinweg fühlt sich deutlich weiter an. Da arbeitet man dann auch mal jahrelang zusammen, ohne sich außerhalb des Büros richtig kennenzulernen. Alles korrekt, produktiv und diszipliniert, aber wenig gemütlich. Wie der Volksmund weiß, kommen beim Reden die Leut’ z’am, das gilt auch am Arbeitsplatz. Nur, dass der gemütliche Plausch in Österreich mehr Raum hat als anderswo – und eine nicht zu unterschätzende Zutat für das ist, was man neudeutsch Team-Building nennt.

5. Es ist nicht Deutschland
Ich gestehe: 1. Ich bin Deutsche. 2. Ich bin nicht immer Deutsche. Eine Nationalitäts-Opportunistin sozusagen. Eine konfliktscheue Vaterlandsverräterin, vor allem im Ausland. Befinde ich mich in Gegenwart von fremden Menschen, die sich angewidert über den Rechtspopulismus in meiner Heimat unterhalten, schürze ich entsetzt die Lippen und drücke mein Unverständnis für dieses Bergvolk aus. Weil: Ich komme ja aus Deutschland. Also eigentlich meine Eltern. Mein Reisepass immunisiert mich gegen Erklärungsnöte. Wenn aber die Deutschen wieder grölend über den Ballermann stolpern und in die RTL2-Kameras rülpsen – ja, dann bin ich ganz Österreicherin. Pikiert hülle ich mich in das Tarnkleid aus Mozartkugeln und Hochkultur und bin dankbar, dass ich sagen kann: „Sorry, I’m not German. I am from Austria.“

6. Man muss keine Wasserflaschen schleppen
Paris ist schön. Venedig ist schön. Als verwöhnter Österreicher bemerkt man allerdings ziemlich schnell einen Nachteil: Wenn man sich nach einem anstrengenden Besichtigungstag einen erfrischenden Schluck aus der Wasserleitung gönnen möchte, wird man vom unverwechselbaren Aroma von Sand und Chlor überrascht. Es gibt zwar viele Österreicher, die lieber Wasser aus Flaschen als aus der Leitung trinken, aber notwendig ist das eigentlich nicht. Schließlich hat Kaiser Franz Joseph selig zumindest für eine bleibende gute Sache gesorgt: Hochquellwasser aus der Leitung. Was immer man also zum Trinken bevorzugt – immerhin muss man sich in Österreich nicht überwinden, das Leitungswasser zum Zähneputzen zu verwenden.

7. Die jederzeitige, umfassende und kostengünstige Verfügbarkeit von Alkohol
Wer schon einmal im skandinavischen oder amerikanischen Ausland war, weiß, wie schwer es sein kann, irgendwo ein vernünftges Bier oder einen Schluck Wein herzubekommen. Österreich hingegen liegt bei der Alkoholikerprävention seit Jahrzehnten auf einem stabilen Nulltoleranzniveau. Wer sich gepflegt illuminieren möchte, findet stets günstige Gelegenheiten, sei es im Hotel Imperial oder an der Tankstelle.

8. Die Tatsache, dass die Polizei Geschwindigkeitsübertretungen schätzen darf
Irgendwer soll einmal gesagt haben, in Deutschland gebe es milde Gesetze verschärft durch strenge Beamte, in Österreich sei es umgekehrt. Zumindest beim Schnellfahren mag das zutreffen. Von der Möglichkeit der österreichischen StVO, Geschwindigkeiten von Fahrzeugen zu schätzen, machen die hiesigen Beamten wohl eher selten und wenn, dann mit gutem Grund Gebrauch. Während auch die strengsten deutschen Beamten ohne Radarpistole nichts tun können, wenn ein Wahnsinniger mit 130 durchs Ortsgebiet donnert, bleibt dem österreichischen Polizisten die Ultima Ratio der Pi-mal-Daumen-Methode. Man kann auch diese Hausverstandsregel durchaus schätzen.

9. Den Titel „Bergrat honoris causa“
Österreich hat zwischen 400 und 500 Amts- und Berufstitel, angeblich mehr als jedes andere Land der Welt. Selbst wer im Leben nichts erreicht hat, darf sich am Ende mit einer titularen Anerkennung schmücken, wenn er nur über die richtigen Beziehungen verfügt, pardon: sich für eine Sache besonders eingesetzt hat. Den abstrusesten Auswuchs des austriakischen Titeltheaters bildet dabei wohl der Bergrat h. c., gedacht für Hobbymontanisten, verliehen vom Herrn Bundespräsidenten. Die allumsichtige Wirtschaftskammer hat zur Beantragung des Titels sogar ein Merkblatt aufgelegt.

10. Die jährliche Live-Übertragung des Opernballs
Nichts beschreibt die Phrase „weltberühmt in Österreich“ so sehr wie die jährliche Fernsehübertragung des Opernballs. Der arme Herr Bundespräsident muss sich da mit den verflossenen Mietberühmtheiten eines Baumeisters herumschlagen und jeder, der auf ORF III eine Mitternachtstalkshow hat, darf sich auf dem „red carpet“ feiern lassen, als hätte er gerade die Masern ausgerottet. Nichts unterstreicht die heiß geliebte Provinzialität dieser unseren Republik so sehr wie jene Jahreshauptversammlung der Mitglieder der Seitenblickegesellschaft, von denen 55 km weiter in Pressburg noch nie jemand etwas gehört hat. Selber schaut man es sich natürlich nur an, um sich darüber lustig zu machen.