Hans Klaus Techt/APA

Fragen an das Bildungssystem

Zentralmatura – und jetzt?

Gastkommentar / von Daniel Landau / 05.02.2016

Mangel an Transparenz, Mangel an Visionen: Der Dirigent, Betriebswirt, Lehrer und Bildungsexperte der Wiener Grünen, Daniel Landau, stellt in seinem Gastkommentar die Wesentlichen Fragen zu Zentralmatura und Bildungsbaustellen.

Die jüngste Diskussion über die neue Reifeprüfung, die „Zentralmatura“, zeigt auf, dass es an der Zeit ist, Transparenz herzustellen. Die Maturadaten sind rasch auch den Expertinnen und Experten, unter anderem der Statistik, wie zum Beispiel meinem geschätzten Kollegen und auch Gastautor der NZZ, Professor Erich Neuwirth, zur Verfügung zu stellen, um so wirkliche Erkenntnisse erlangen zu können. Damit ließe sich feststellen, welche Regionen, welche Schulen, konkrete Hilfe beim Erfüllen ihrer eigentlichen Aufgabe, Menschen auf das Leben vorzubereiten, benötigen.

Zugleich aber verstellt die aktuelle Diskussion den Blick auf Grundlegenderes, auf Fragen, die zwar bereits während der jahrelangen Vorbereitungszeit der Zentralmatura gestellt, aber noch nicht, oder nicht hinreichend, beantwortet wurden.

Ein, vielleicht entscheidender, Punkt vorab: Wie lösen wir den Widerspruch zwischen Vergleichbarkeit, und damit Messbarkeit, und der Frage nach Individualität auf? Die eine Seite lässt sich über den berechtigten Anspruch des Staates erklären, zu sehen, was jeweils an Bildung „ankommt“. Dieser Einblick in die zuvor „Black Box“ Schule könnte, bei Vorliegen der erwähnten Datentransparenz, auch gut zur Schulentwicklung beitragen.

Andererseits fordern nicht nur Vertreter und Vertreterinnen der Schülerinnen und Schüler mehr und weiterführende Wahlmöglichkeiten im Rahmen der angekündigten Modularisierung der Oberstufe. Auch andere empfehlen eine verstärkte Schwerpunktsetzung, die individuelle Stärken und Interessen besser abbildet.

So gesehen stellen die folgenden kurz umrissenen Lösungsvorschläge für diesen Widerspruch erste Antwortversuche dar:

Warum müssen (jedenfalls an der AHS) alle in Mathematik (als Beispiel) schriftlich maturieren?
Fächer bis zur achten Klasse durchgehend zu unterrichten, ist für mich schlüssig. Aber jede und jeden durch eine Matura förmlich schleifen zu müssen, stellte und stellt – konkret in Mathematik – für Abertausende eine richtiggehende Qual dar. Diese Verpflichtung für alle führt, auch aus meiner Lehrersicht, zu schmerzlichen Zeitverlusten. Zeit, zielführender für jene verwendet, die im Fach maturieren wollen.

Ist es sinnvoll, vielleicht nur Deutsch als die Landessprache und eine Fremdsprache (wohl meist Englisch) als für alle verpflichtend auszugestalten? Und selbst dies – schriftlich verpflichtend oder jeweils auch nur mündlich möglich? Alle anderen Bereiche aber wären selbst, und in der maximalen Ausformung aller Fächer, breit wählbar. Anmerkungen: Dabei müsste jeweils keineswegs auf Standardisierung verzichtet werden. Und, um beim Beispiel Mathematik zu bleiben: Wie heute beim Latinum, müssten wohl für jene, die weder schriftlich noch mündlich in Mathematik maturierten, für einige Studien vorab Kurse angeboten und Prüfungen verlangt werden.

Zentrale Fragen an das Bildungssystem

Es braucht eine fundierte Diskussion und eine genauere Definition der Mindeststandards. Was sind Mindeststandards? Was sollen alle die in Österreich maturieren, im jeweiligen Fach beherrschen? Ich fände es günstig, jene Bereiche, die darüber hinausführen, wieder den Lehrerinnen und Lehrern zur Themenstellung freizugeben. Also die Frage einer Teilzentralisierung, die es weiterhin ermöglichen würde, dass in Klassen spezifische Schwerpunktthemen abgefragt werden.

In Frankreich können beispielsweise herausragende Leistungen in einem Fach dazu herangezogen werden, um damit etwaige Schwächen aus anderen Fächern zu kompensieren.

Schlussendlich wird man auch diese Diskussion über das „oberste Stockwerk“ der schulischen Bildung nur wenig ergiebig führen können, wenn man sich nicht auch die darunter liegenden Stockwerke ansieht. Hinunter bis zum Fundament, dem besonders wichtigen Kindergarten.

Als Beispiele noch entscheidender Fragestellungen, kurz ein paar Schlagworte, verbunden mit dem Wunsch, diese endlich der Beantwortung sowie Handlungen (!) zuzuführen:

  • Wie erhalten wir die angeborene Neugier jedes Kindes?
  • Wie bringen wir bedingungslose Wertschätzung gegenüber jedem Kind in die Kindergärten und Klassenzimmer, ohne das mit Mangel an Rahmen, einem Laissez-faire, zu verwechseln?
  • Wie ermöglichen wir auch den Pädagoginnen und Pädagogen, den Lehrerinnen und Lehrern diese (gesellschaftliche) Wertschätzung?
  • Wie setzen wir Kindergarten und Schule personell und finanziell in die Lage, ihre wichtige gesellschaftliche Aufgabe Tag für Tag wahrzunehmen, statt Mangel zu verwalten?
  • Wie ermöglichen wir die Wahrnehmung der zentralen Führungs- und Motivationsaufgabe der Kindergarten- und Schulleiter?
  • Wie bekommen wir, daran anschließend, besonders geeignete Menschen in die pädagogischen Berufe?
  • Wie wählen wir diese Menschen aus? Wie bilden wir sie aus?
  • Wie ermöglichen wir Quereinstieg und erleichtern zugleich auch den Ausstieg?
  • Was muss sich ändern, um Kinder an ihren Talenten wachsen zu lassen, statt den starken Fokus auf Defizite zu legen? Wie unterstützt man dabei Selbstwertgefühl, das hilft, vorhandene Schwächen auszugleichen?
  • Wie überwinden wir den „organisatorischen Habitus“, Kinder in 50’ Häufchen zu unterrichten und dabei stur und rein nach ihrem Lebensalter zu gruppieren?
  • Wie ermöglichen wir multiprofessionelle Teams, die in flexiblen Zeiten und Räumen Fächer und Felder mit Begeisterung erfüllen helfen?
  • Was heißt „wirkliche“ Autonomie, die bis zu den Schülerinnen und Schülern reicht?
  • Wie überwinden wir die Jahrhunderte alte Tradition des Aussiebens, der Trennung – anhand oft eines Defizites – mit 10 Jahren, und ihre negativen Auswirkungen, vor allem in großen Städten?
  • Wie ermöglichen wir endlich „wirkliche Wahlfreiheit“ durch innere Differenzierung für jedes Kind unter möglichst jedem Schuldach?
  • Hilft Ganztagsbeschulung gegen eines unserer größten „Übel“, nämlich der Delegation von Schule an die Eltern, der Grundlage der vererbten Bildung, dramatisch für jene, die nichts oder wenig zu vererben haben?
  • Wie ermöglicht man andererseits zugleich Eltern, die „gute Bildung vererben können und wollen“, dies auch zu tun?
  • Und wie vermitteln wir die Gleichwertigkeit der Lebenswegentscheidung in Richtung Lehre, die sich dann auch in der realen Arbeitsrealität als „gleichwertig“ niederschlägt?

Die wichtigsten Fragen, die es endlich im möglichst breiten Diskurs zu beantworten gilt, aber sind:

  • Was heißt Bildung im 21. Jahrhundert für jedes (!) Kind?
  • Was sollen Menschen mit vier, sechs, zehn, 15 beziehungsweise 18 Jahren, also an den aktuellen Schnittstellen, können und beherrschen? Was sollen sie im schulischen Kontext erlebt und erfahren haben?
  • Und: Wie können wir als Gesamtheit lernen und umsetzen, dass nicht mehr die Kinder an Kindergärten und Schulen angepasst werden sollen, sondern umgekehrt, sich diese, möglichst genau, an jedes Kind?