Warum die Wiener so kulturell sind

von Yvonne Widler / 14.05.2015

Sitzen Sie gerne auf einer Heurigenbank bei einem Bezirksfest? Gratuliere, dann sind Sie kulturell aktiv. Die Kulturabteilung der Stadt Wien bedankt sich für Ihr teilhabendes Verhalten.

„Der Chef ist krank”, murmelte man in den letzten Reihen des Steinsaals im Wiener Rathaus. Dabei wollte Bürgermeister Michael Häupl am Dienstag eigentlich persönlich kommen, um die aktuellsten Studienergebnisse zur kulturellen Beteiligung in Wien vorzustellen. Nun sitzt sein Sprecher Martin Ritzmaier auf seinem Platz bei der Pressekonferenz. Neben ihm: Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Daniel Schönherr vom Forschungsinstitut SORA. Und sie reden über die Wiener und Kultur.

Wäre Michael Häupl vor Ort gewesen, dann hätte er – den ausgehändigten Presseunterlagen nach – Folgendes gesagt: „Kultur ist für Wien ein essenzielles Standortmerkmal, das für die Lebensqualität ebenso von Bedeutung ist wie für die Wirtschaft und den Tourismus. Die kulturelle Teilhabe betrifft aber auch zentrale politische Fragen wie Chancengerechtigkeit oder demokratische Inklusion. Sie ist der Gradmesser dafür, wie demokratisch eine Gesellschaft ist.”

Der Chef der Stadt hätte also mit aller Kraft betont, welchen hohen Stellenwert er der Kunst zuschreibt. Grund genug für die Kulturabteilung der Stadt, eine Studie um 20.000 Euro an das Forschungsinstitut SORA in Auftrag zu geben. Die kulturelle Beteiligung der in Wien lebenden Menschen muss erforscht werden. Die wissenschaftliche Arbeit wurde von Dezember 2014 bis März 2015 durchgeführt, in drei Forschungsschritten.

(Spannende) Ergebnisse

Die Studie zeige, dass das Kulturangebot in Wien auf hohe Zufriedenheit stoße und sehr stark genützt werde. Wien biete kulturelle Angebote für alle Altersschichten und sei damit ein Best-Practice-Beispiel für die sozialdemokratische Grundidee, nämlich dass Kunst und Kultur für alle zugänglich sein müssen. Die Freude über die Ergebnisse war sichtlich groß. Auch das Wort „spannend“ fiel häufiger in der Pressekonferenz.

Also hörten wir gespannt zu.

Die in Wien lebenden Menschen seien höchst kulturell aktiv. Immerhin hätten nur sechs Prozent der befragten Menschen (n=4.156) in einem Jahr keines der abgefragten Kultur-Angebote besucht. Darunter fallen Musikveranstaltungen – auch Festivals, Theater, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionen und Literaturveranstaltungen. Allerdings werden auch ein Kinobesuch oder das Sitzen auf einer Heurigenbank beim Bezirksfest in die Studie miteinbezogen.

Nanonanet. Weitere Highlights der Studie

– Jüngere Menschen nutzen die Kulturangebote häufiger als jene im hohen Alter.

– Jüngere Wiener besuchen häufiger Kinos und Festivals. Ältere bevorzugen das Theater.

– Mit steigendem Bildungsniveau verbreitet sich auch die kulturelle Beteiligung.

– Kulturelle Bildung an den Schulen baut Barrieren ab.

– Soziale Herkunft bestimmt kulturelle Präferenzen.

– Auch Menschen ohne Matura nutzen die vielfältigen Angebote der Stadt.

Auf die Frage, was denn nun das überraschendste Ergebnis der Studie sei, antwortete Schönherr: „Die Offenheit der Migranten der zweiten Generation.“ Das spiegle sich nicht nur im Besuch diverser Veranstaltungen wider, sondern auch beim Essen, sprich: beim Restaurantbesuch. Auch die unerwartet hohe kulturelle Beteiligung von Nichtmaturanten sei ein Highlight der Forschungsergebnisse.

Zusätzlich wurden die Besucher der Pressekonferenz noch mit einigen Zahlen und Fakten versorgt. Demnach investiere die Stadt Wien beispielsweise jährlich 300 Millionen Euro in kulturelle Angebote. Seit 2001 habe sich das Kulturbudget um 47 Prozent erhöht. Und: Jeder in die Kultur investierte Euro käme dreifach wieder zurück.

Wenn Sie sich wie ich jetzt fragen, was die Motivation hinter dieser Studie war, so lautet die Antwort, dass man nun erstmals einen Überblick über die konkrete Nutzung des kulturellen Angebots der Bundeshauptstadt sowie eine detaillierte Analyse gruppenspezifischer Unterschiede in der kulturellen Teilhabe eruieren konnte.

Dann bin ich beruhigt. Die 20.000 Euro waren also gut investiert.