Artur Bodenstein

Wiener Wahl

Der große Spin – oder: Wie man mit Umfragen Politik macht

von Wolfgang Rössler / 19.10.2015

Update 14. März 2016: Mit seinem Solo-Auftritt bei „Im Zentrum“ habe Bundeskanzler Werner Faymann die Bevölkerung auf seine Seite gebracht, 64 Prozent hätten seine Positionen zur Asylfrage für gut befunden. Das ergibt eine Blitzumfrage des „Unique Research“-Instituts im Auftrag der SPÖ. Dass eine Partei die Dienste von Umfrageagenturen in Anspruch nimmt, ist nicht ungewöhnlich. Dass diese Umfragen veröffentlicht und von vielen Medien – darunter der Austria Presseagentur – übernommen werden, ist hingegen unüblich. 

Unique Research ist ein Joint Venture des Meinungsforschers Peter Hajek und des früheren SPÖ-Bundesgeschäftsführers und nunmehrigen Lobbyisten Josef Kalina. Vor den Wiener Gemeinderatswahlen vergangenen Herbst machte das Institut Umfragen im Auftrag mehrerer Zeitungen. Stets prognostizierte Unique Research ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und FPÖ. Am Ende lagen die Roten fast zehn Prozentpunkte vor den Blauen. Wir haben vor einigen Monaten mit Peter Hajek darüber gesprochen, wie mit Umfragen Politik gemacht wird.


In den Parteizentralen glaubte auch vor der Wahl niemand an das prognostizierte Duell um Wien. Haben sich Zeitungen und Meinungsforscher für den SPÖ-Wahlkampf einspannen lassen?

Während die letzten Wiener ihre Stimme abgaben, packten Peter Hajek Zweifel an seinen eigenen Daten. Um 17 Uhr sollte der Meinungsforscher auf ATV die Ergebnisse seiner letzten Wahlumfrage präsentieren. Demnach lag die SPÖ mit 38 Prozent uneinholbar vor den Blauen. Keine Rede mehr von jenem Duell um Wien, das viele Umfragen zuvor prophezeit hatten. Was nun?

Zeitgleich machte eine andere Prognose die Runde. SORA hatte für den ORF Umfragen der letzten Tage kombiniert. Sie sahen die SPÖ ein bis zwei Prozentpunkte vor den Blauen. Damit wäre ein Sieg der Freiheitlichen im Bereich des Möglichen.

Die Uhr tickte, Hajek musste eine Entscheidung treffen. Er setzte den Wert für die SPÖ um einen Prozentpunkt herunter. Damit war ein Duell der Großen auch bei der ATV-Prognose nicht ausgeschlossen.

„Ich habe auf mein Bauchgefühl gesetzt“, sagt Hajek heute. Hätte er auf seine Daten vertraut: „Ich wäre der große Hero gewesen.“

Interne Prognosen sahen kein Duell

Meinungsforschung sei keine Naturwissenschaft, sagt Hajek. Es könne immer anders kommen. Nach der Wahl bekam er wie viele anderen Demoskopen sein Fett ab. Auch von jenen Medien, die im Endspurt des Wahlkampfs nach immer neuen, immer spektakuläreren Umfragen gelechzt hatten.

Fast alle Medien prognostizierten anhand von Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Michael Häupl und Heinz-Christian Strache herbei. Und das, obwohl kaum jemand in den Parteizentralen ernsthaft mit einem solchen rechnete. Wurden die Bürger von einer Phalanx aus Spindoktoren, Demoskopen und Journalisten gepflanzt? Alles bloß ein abgekartetes Spiel?

Tatsächlich hat sich im Wahlkampf-Endspurt eine vielschichtige Dynamik entwickelt, mit der geschickte Wahlkampfmanager zu arbeiten wussten. Denn das Duell um Wien – und die damit verbundene Angst vor einem Bürgermeister StracheAus einem internen Mobilisierungsschreiben der SPÖ: „Spätestens jetzt muß es allen klar sein! Es droht tatsächlich die Machtübernahme durch die FPÖ! Wenn Wien ins Blaue kippt, dann kippt unsere gesamte Gesellschaft. Die Sozialdemokratie muss als einziges wirkliches Bollwerk dagegen gestärkt werden. Überlassen wir unsere wunderbare Stadt nicht den Rechten. Lassen wir keinen blauen Bürgermeister zu. Diesmal müssen alle Wechselwähler die nicht für die Strache FPÖ sind Bgm. Häupl wählen, und ALLE SozialdemokratInnen müssen hingehen und rot wählen! – hat müde SPÖ-Sympathisanten aufgeweckt. Die Strategie ist nicht neu – und keine Spezialität der Roten. Ein früherer Kampagnenmanager einer anderen Partei erzählt: „Am besten sind Umfragen, die den Ernst der Lage aufzeigen, den Funktionären aber trotzdem vermitteln, dass noch etwas zu machen ist.“

Gewitzte Spindoktoren denken stets auch an die Zeit nach der Wahl: „Umfragen sind wichtig für das Management von Erwartungshaltungen“, sagt der PR- und Politikberater Stefan Albin Sengl: „Wenn man zwei Prozentpunkte gewinnt, obwohl die Leute fünf erhofft haben, ist das eine gefühlte Niederlage.“ Umgekehrt kann – wie bei der Wiener SPÖ – aus einer Niederlage ein Sieg werden, wenn die Verluste geringer als befürchtet ausfallen. Dass Häupl dieses Spiel bestens kennt, bekannte er schon vor Jahren: „Wie man mit Umfragen manipuliert, das weiß ich auch.“

Umfragewerte-seit-Jahresbeginn_Wien

Aber welche Rolle spielen die Institute dabei?

Zunächst muss man feststellen, dass es im Wahlkampf zwei Arten von Umfragen gibt: interne und öffentliche. Jede Partei gibt in regelmäßigen Abständen Umfragen in Auftrag, die nie an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Die SPÖ beauftragt in der Regel IFES, die ÖVP Fessel-GfK. Diese Umfragen sind meist umfangreicher und präziser als die in den Zeitungen veröffentlichten Sonntagsfragen. „Wenn ich eine Umfrage in Auftrag gebe, dann will ich wissen, was wirklich los ist“, sagt ÖVP-Landesgschäftsführer Alfred Hoch. Das kostet: Zwischen 30.000 und 40.000 Euro legen die Parteien im Schnitt für eine Prognose auf den Tisch.

Eine ÖVP-interne Umfrage wenige Tage vor der Wahl sah Rot bei 37, Blau bei 33 Prozent. Etwa zeitgleich ließ die SPÖ die Stimmung erheben. Eine IFES-Umfrage für die Roten sah die SPÖ bei 36, die FPÖ bei 33 Prozent. Auch diese Umfragen sagten das Ergebnis nicht voraus, wohl aber einen Trend.

Auch in den Monaten zuvor hat keine interne Umfrage die Blauen auf dem ersten Platz gesehen. Aufgrund der Schwankungsbreite hätte es trotzdem eng werden können, sagt der SPÖ-Landesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler. „Der Bürgermeister und ich haben immer gesagt, dass wir klar Erster werden. Dass das Duell uns nützt, habe ich aber nicht in den Umfragewerten, sondern eigentlich an der Stimmung in der Bevölkerung gesehen. Das war Gefühlssache.“

Anton Mahdalik, FPÖ-Wahlkampfleiter, erzählt jedenfalls, dass er nie wirklich mit dem ersten Platz für die FPÖ gerechnet habe: „Aber wenn man im Wahlkampf von Journalisten dauernd darauf angesprochen wird, ob das möglich ist, kann man schlecht ‚Nein‘ sagen.“ Gegen Ende des Wahlkampfes freilich, räumt Mahdalik ein, habe er sich dann tatsächlich Hoffnungen gemacht: „Wir haben wirklich geglaubt, wir könnten das heben.“

In den Parteizentralen sieht man die sogenannte Sonntagsfrage mit Vorbehalten. Die Wahlkampfmanager sind viel mehr an Trends interessiert, daran, welche Themen in der Bevölkerung ankommen, welche Sympathiewerte der Spitzenkandidat hat – und welche die Konkurrenten. „Die Sonntagsfrage ist eine Momentaufnahme, die für uns nur bedingt relevant ist“, sagt ÖVP-Kampagnenleiter Hoch. „Die ist eben im Preis inbegriffen, ein Anhängsel.“

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Medien wollen Gratis-Umfragen

Im Gegensatz zu den internen Umfragen der Parteien sind die Wähler auf die von Zeitungen in Auftrag gegebenen Sonntagsfragen angewiesen. Doch kein Verlag kann es sich leisten, mehr als 30.000 Euro für eine Umfrage hinzublättern. Auch für günstigere Sonntagsumfragen mit einer geringeren Zahl von Teilnehmern und weniger Fragen hat man noch um die 10.000 Euro zu berappen. „Manche Umfragen werden de facto gratis gemacht“, sagt ein Meinungsforscher, der nicht genannt werden will. Das werde dann eben als Werbeausgabe verbucht. Dabei mache es keinen Unterschied, ob der Auftraggeber eine Qualitätszeitung oder ein Boulevardblatt sei. Im Gegenteil, erzählt ein anderer Brancheninsider: „Die Boulevardmedien haben noch eher Geld für eine Umfrage.“

Darunter leidet die Qualität der Umfragen: Statt 800 bis 1.000 Interviews werden oft nur 400 bis 500 geführt, die Befragungen finden mitunter online und nicht telefonisch statt. Wer nichts zahlt, darf keine großen Ansprüche stellen.

Zu den Polit-Umfragen mit besonders kleinem Sample gehören jene des Market-Instituts, das regelmäßig im Standard publiziert. Eine Woche vor der Wien-Wahl sah Market SPÖ und FPÖ nahezu gleichauf. 405 Wählerinnen und Wähler hatte Market dafür befragt, was einer Schwankungsbreite von mehr als vier Prozent entspricht (die im Standard-Artikel nicht ausgewiesen war).

„Es ist ein naiver Ansatz, zu glauben, dass die Sonntagsfrage in einer Zeitung ein Wahlergebnis vorwegnehmen könnte“, sagt Market-Chef Werner Beutelmeyer. Umfragen seien Momentaufnahmen, schon einen Tag später könnte die Stimmung ganz anders aussehen. Dazu kämen die beschränkten Mittel für eine Umfrage im Auftrag einer Zeitung: „Der Standard zahlt uns eben nur 400 Hanseln.“ Wie viel die Umfrage gekostet habe? „Rund 10.000 Euro“, sagt Beutelmeyer.

Ex-SP-Mann Kalina ist mit im Boot

Die Umfragen von Hajeks Unique Research für Krone und Heute gehören zu den aufwendigeren: Im Schnitt wurden dafür je 800 Interviews gemacht, die meisten davon telefonisch. Dass das Institut zuletzt trotzdem massiv in die Kritik gekommen ist, liegt an Hajeks Kompagnon Josef Kalina. Der nunmehrige Lobbyist und PR-Mann war einst SPÖ-Bundesgeschäftsführer, bei der Wahl kandierte er auf einem hinteren Listenplatz für die Roten. Hätte er auf die Prognosen von Unique Research Einfluss nehmen können?

Hajek wird stinksauer, wenn er mit solchen Unterstellungen konfrontiert wird. ‑„Eine Frechheit“ sei das, „so etwas lasse ich mir nicht vorwerfen“. Kalina habe bei den Umfragen nichts mitzureden, das sei sogar vertraglich gesichert: „Er ist Miteigentümer und kümmert sich um die Akquise. Mehr nicht“, sagt Hajek.

Herdentrieb und F-Faktor

Tatsächlich hat nicht nur Hajeks Institut ein mögliches Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt. Die meisten anderen Institute rechneten mit einem noch knapperen Ergebnis. Allgemein rechtfertigten sich die meisten Meinungsforscher nach der Wahl damit, dass Bekennerfreudigkeit von FPÖ-Wählern zugenommen habe: In der Vergangenheit hätten sich viele geniert, bei Umfragen zuzugeben, dass sie FPÖ wählen. „Man hat die FPÖ Auge mal pi um den Faktor 1,3 hochgerechnet“, sagt Hajek. Inzwischen würden aber die meisten Strache-Fans stolz zu ihrer Wahlentscheidung stehen.

An diesem Argument zeigt sich das größte Problem der Demoskopen. Denn egal wie viele Menschen man befragt: Die erhobenen Rohdaten spiegeln nie die Realität wider, weil viele Menschen anders antworten, als sie später wählen.

Jedes Institut hat seine eigenen Methoden entwickelt, die erhobenen Rohdaten zu interpretieren, sprich: offenkundig falsche Antworten auszusondern. „70 Prozent unserer Arbeit ist Handwerk, 30 Prozent Intuition, Erfahrung und reines Glück“, sagt Hajek.

Was also tun mit den FPÖ-Wählern? „Ich denke, sie schauen auf die Ergebnisse anderer Umfragen“, sagt ein ehemaliger Wahlkampfleiter. „Niemand will sich einen Ausrutscher leisten, aber wenn alle gleichermaßen danebenliegen, fällt es nicht so auf.“ So könne eine Art demoskopischer Herdentrieb entstehen.

„Natürlich telefoniert man miteinander und fragt: Na, was habt ihr in den Zahlen?“, sagt Hajek. Mit den in hoher Schlagzahl erschienenen Umfragen in Krone und Heute gehörte Unique Research wohl eher zu den tonangebenden Instituten.

Teil einer geschickten Strategie?

Sind Meinungsumfragen also grundsätzlich nicht ernst zu nehmen? Sie seien Momentaufnahmen, antworten Meinungsforscher üblicherweise auf die Frage. Tatsächlich ist es im Nachhinein nicht zu überprüfen, ob die Prognosen tatsächlich falsch lagen. Gut möglich, dass die FPÖ der SPÖ zu einem Zeitpunkt näher beieinander lagen als am Wahltag. Doch ebenso ungewiss für die Wähler ist die Qualität der Umfragen, nach denen sie möglicherweise ihre Wahlentscheidung richten. 

Ein Kritiker der gelebten Praxis in Österreich ist Dieter Zirnig, Gründer des des Onlinemediums neuwal.com, das regelmäßig Wahlumfragen sammelt, analysiert und bewertet. Er beklagt die mangelnde Transparenz: „Für uns ist zum Beispiel nicht ersichtlich, welche Fragen gestellt wurden und vor allem: in welchem Zusammenhang.“

Manchmal fassen Meinungsforschungsinstitute mehrere Umfragen in einer einzigen Interview-Session zusammen. Dann kann es zum Beispiel vorkommen, dass Interviewer für einen Autobauer zum Thema umweltfreundliche Autos fragen. Folgt im selben Interview eine Sonntagsfrage, kann man davon ausgehen, dass die Grünen ein besseres Ergebnis einfahren, als es unter einer anderen Abfolge der Fall gewesen wäre.

Doch Informationen dazu gelangen so gut wie nie an die Öffentlichkeit. Die Medien sind meist die Ersten, die von der Politik Offenheit und Transparenz einfordern. Wenn es um die Qualität und Aussagekraft der eigenen Umfragen geht, machen sie aber offenbar die Mauer. „Ich habe die Institute schon öfter um mehr Informationen gebeten“, sagt Dieter Zirnig. Ab und zu komme etwas zurück. In den meisten Fällen aber werde er an das Medium verwiesen, das den Auftrag gegeben hat. „Bei den Medien habe ich es auch oft probiert, sie geben aber nicht viel mehr her. Manchmal wird man nicht einmal zurückgerufen.“

Dabei müsste es nicht so sein. Wie es besser geht, zeigen die USA. Aktuell, in der Vorwahlzeit, erscheinen täglich mehrere Umfragen, die die Chancen der Präsidentschaftskandidaten ausloten. Kaum eine Umfrage kommt ohne ein detailliertes Beiblatt aus, in dem Fragen und Methodik genauestens beschrieben werden. In den meistens Fällen ist die Dokumentation 20 bis 50 Seiten lang. Ja, sogar bei Fox News. In Österreich passt die veröffentlichte Zusatz-Information zu einer Wahlumfrage meist in einen einzigen Tweet.

Text & Recherche: Wolfgang Rössler und Moritz Gottsauner-Wolf
Illustration: Artur Bodenstein, arturbodenstein.com