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Der Wiener SPÖ-Schmäh mit der Mercer-Studie

Meinung / von Georg Renner / 23.02.2016

Die Wiener SPÖ, in sich gerade ohnehin eher unrund ob ideologischer Uneinigkeit in Sachen Obergrenze, Willkommenskultur und so weiter, hat wieder einmal etwas zu feiern: Wien ist zum achten Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt der Galaxie erklärt worden.

Etwas konkreter geht es um das Top Quality of Living Ranking 2016 des US-Beratungsunternehmens Mercer, das die rote Stadtpartei da mit stolzgeschwellter Brust vor sich her trägt: „Vienna“, heißt es dort, „ranks highest in overall quality of living“, gefolgt von Zürich (sorry, Kollegen!), Auckland, München, Vancouver, Düsseldorf, Frankfurt und Genf – jedenfalls also Erster in einer Wertung unter 230 Städten weltweit (auf den hintersten Plätzen: das zentralafrikanische Bangui und Bagdad).

Jetzt muss man ja nicht generell alles anzweifeln, was Wien ein gutes Zeugnis ausspricht. Aber bei allem Lob, das Wien gebührt – ja, es lebt sich im Großen und Ganzen ganz gut hier –, seien doch ein paar kritische Anmerkungen erlaubt. Die wichtigste: Das, was Mercer da präsentiert, ist kein Ranking, das etwa auf der Zufriedenheit der Bevölkerung basiert, sondern eine letzten Endes willkürliche Einstufung nach von Mercer selbst ausgewählten Kriterien. Und die sind weniger auf den Durchschnittsbewohner der Stadt getrimmt als auf hier arbeitende Spitzenarbeitskräfte aus dem Ausland.

Denn was ist Mercer eigentlich? Ein vielschichtiges Beratungsunternehmen, stark spezialisiert darauf, Unternehmen zu beraten, die etwa Manager ins Ausland entsenden – denen verkauft das Beratungsunternehmen spezialisierte Reports hinsichtlich Lebensqualität und Lebenserhaltungskosten, um etwa Basisgehälter und Härtezulagen für jeden Standort bestimmen zu können; alle diese „Local Evaluation Reports“ kosten der Mercer-Preisliste zufolge derzeit wohlfeile 18.325 Euro.

Eine Studie? Ein Werbeprospekt

Vor diesem Hintergrund muss man auch die „Quality of Living“-Studie sehen: Es handelt sich um eine mediengerecht zusammengestutzte Zusammenfassung von zehn Feldern, die die Berater jeweils mit Punkten versehen und in Relation zueinander gestellt haben:

  • Political and social environment (political stability, crime, law enforcement, etc.).
  • Economic environment (currency exchange regulations, banking services).
  • Socio-cultural environment (media availability and censorship, limitations on personal freedom).
  • Medical and health considerations (medical supplies and services, infectious diseases, sewage, waste disposal, air pollution, etc.).
  • Schools and education (standards and availability of international schools).
  • Public services and transportation (electricity, water, public transportation, traffic congestion, etc.).
  • Recreation (restaurants, theatres, cinemas, sports and leisure, etc.).
  • Consumer goods (availability of food/daily consumption items, cars, etc.).
  • Housing (rental housing, household appliances, furniture, maintenance services).
  • Natural environment (climate, record of natural disasters).

Alles, wie gesagt, gewichtet stark in Richtung gut verdienender Expats. Die Pressemeldungen, die daraus destilliert werden, sind nicht weiter aufgegliedert, was etwa die Methode angeht, nach denen die Punkte vergeben werden, sondern ziemlich apodiktische Feststellungen in Form einer kaum weiter kommentierten Rangliste – Mercer will ja seine Reports verkaufen, also spielt das Unternehmen nur einige Teaser aus.

Das ist alles nicht illegitim, im Gegenteil: Gerade dem Wirtschaftsstandort Wien kommt es natürlich sehr zupass, als idealer Ort für gutverdienendes Spitzenpersonal beworben zu werden, darüber kann man sich schon freuen. Aber daraus, wie es die SPÖ verkündet, „Wien wurde wieder zur lebenswertesten Stadt gewählt“, zu machen, ist ein wenig, wie wenn man eine Stadt nur nach den Empfehlungen in einem Reiseführer bewerten würde: nicht falsch, aber eben nur ein Teilaspekt des Ganzen.

Was die Wiener selbst denken

Jetzt ist es unbestritten, dass Wien durch die Bank eine hohe Lebensqualität aufweist – nicht zuletzt aufgrund extrem langfristiger Entscheidungen in den vergangenen hundert Jahren, angefangen mit der Eingemeindung der damaligen Vorstadt in der Monarchie über Karl Luegers Entschluss, den Grüngürtel um die Stadt unangetastet zu lassen, bis zur sozialen Wohnbauoffensive des Roten Wien der Zwischenkriegszeit.

Aber lässt sich Lebensqualtiät überhaupt quer durch die Gesellschaft quantifizieren? Kaum – die Migrantin, die kein Deutsch spricht und deren Leben mit den Kindern sich zwischen Wohnung und Park abspielt, erlebt ein völlig anderes Wien als der italienische Bankmanager, der zwischen Freyung und Schottengasse hin- und herpendelt.

Eine etwas tauglichere Annäherung an die Lebensrealität stellt eine andere Umfrage dar, das Eurobarometer der EU-Kommission. Auch die hat vor kurzem, Ende Jänner, eine „Quality of Life in European Cities“-Studie publiziert: Dafür wurden im Juni vergangenen Jahres 500 Wiener (und Bewohner 82 anderer Städte) befragt, ausgewählt nach statistisch repräsentativen Kriterien. Und grundsätzlich findet sich Wien auch in dieser Studie wieder auf den Spitzenrängen (Platz sechs, ex aequo mit Reykjavík und Luxemburg):

Im Unterschied zur Mercer-Studie stellt das Eurobarometer aber detaillierte Rohdaten seiner Befragung zur Verfügung – was eine wesentlich differenziertere Betrachtung möglich macht und gleichzeitig das Stimmungsbild in der Bevölkerung genauer nachzeichnet. So sind die Wiener zum Beispiel extrem glücklich über das Angebot an öffentlichem Verkehr in der Stadt – 95 Prozent der Befragten geben an, zumindest „zufrieden“ damit zu sein.

Allerdings zeigen sich im Eurobarometer auch die Problemfelder der angeblich lebenswertesten Stadt der Welt: Ein Drittel der Wiener findet zum Beispiel nicht, dass die Verwaltungsbehörden der Stadt effizient arbeiten, ein Viertel stellt überhaupt fest, dass man der Verwaltung „nicht vertrauen“ kann. Weniger als die Hälfte der Befragten glaubt weiters nicht, dass Fremde in Wien gut integriert werden – obwohl sich diese Einschätzung deutlich verbessert hat: Beim Eurobarometer 2009 glaubte nur ein Viertel an Integrationserfolge.

Die größte Baustelle der Stadt sehen die Wiener dieser Umfrage nach im Bildungssystem: 58 Prozent geben an, „Education and training“ als größte Herausforderung der Stadt zu sehen.
Eigenartigerweise hat sich die SPÖ diese (wesentlich transparentere) Studie nicht an die Brust geheftet.

Aber wie gesagt: Insgesamt ist es ja eine schöne Stadt zum Leben. Wie auch dieses neue Video zeigt:

 

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