Alek Kawka/W24

Filzdecke Wien

Die Stadt Wien leistet sich einen roten Jubel-Sender. Warum eigentlich?

von Wolfgang Rössler / 22.07.2016

Mit W24 betreibt das rote Wien einen teuren Privatsender, der bevorzugt SPÖ-Politiker ins Bild rückt. Das Bemerkenswerte: Niemand stößt sich daran.

Mitarbeit: Sara Hassan

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die regierenden Roten zum dreitägigen Mega-Event auf der Donauinsel laden, dann läuft das Team von W24 zu Hochform auf. Der Stadtsender überträgt schon im Vorfeld alle Ankündigungen der Veranstalter. Wenn es dann so weit ist, liefert W24 die umfassendste Berichterstattung von allen Medien. Das Donauinselfest ist für W24, was für andere Sender die Bundespräsidentschaftswahl ist: ein Großereignis, das in allen schillernden Details ausgeleuchtet werden soll.

Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es sich bei W24 um einen gewöhnlichen Privatsender handeln würde. Wer als kleine TV-Station am Markt bestehen will, muss sich nicht vorrangig Gedanken  über journalistische Kriterien wie Ausgewogenheit oder Relevanz der Berichterstattung machen. Jubelberichterstattung hat mit Journalismus wenig zu tun, aber sie ist nicht per se problematisch. Wenn ein Investor viel Geld für einen Fernsehsender ausgibt, darf er mitreden, wie und worüber berichtet wird.

Bloß: W24 ist kein Privatsender. Der Sender gehört zu 100 Prozent der Stadt Wien, deren ausgelagerte Gesellschaften gehören zu seinen wichtigsten Werbekunden. Das von der SPÖ regierte Wien leistet sich einen aufwendigen 24-Stunden-Kanal, der bevorzugt prominente Sozialdemokraten ins Bild rückt und über Themen berichtet, die die Sozialdemokraten für wichtig erachten. Das kann das Donauinselfest sein oder der traditionelle Aufmarsch der Genossen zum 1. Mai. Oder auch die Vorzüge von Gemeindebauten. An den Schlüsselstellen sitzen Manager mit enger Verbindung zur SPÖ. W24 ist ein mit Steuergeld betriebener Stadtsender, der sein Programm an den Vorlieben der regierenden Partei ausrichtet.

 

W24 ist die wichtigste Tochter der 1975 gegründeten städtischen Mediengesellschaft, der WH Medien. Seit 2008 wird der Sender betrieben, 2012 erfolgte die Umstellung auf ein 24-Stunden-Vollprogramm. Schon zuvor rutschte das Unternehmen tief in die roten Zahlen, wie der Stadtrechnungshof zu Beginn des Jahres feststellte.

Wenngleich die Umsatzerlöse in den Jahren von 2010 auf 2013 gesteigert werden konnten, verschlechterte sich das Bruttoergebnis infolge der gleichzeitig stark angestiegenen Aufwendungen für Material und sonstige Herstellungsleistungen von ursprünglich –0,35 Mio. Euro im Jahr 2010 auf rund 1 Mio. Euro im Jahr 2013 nicht unbeträchtlich.

Stadtrechnungshof

Im selben Zeitraum stieg der Personalaufwand pro Mitarbeiter von 80.000 Euro auf 120.000 Euro. Als Hauptgrund dafür machte der Rechnungshof die ungewöhnlich großzügigen Pensionsrückstellungen für leitende Angestellte aus. Diese seien nicht weniger als viermal nachgebessert worden.

Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Dienstzeit würde sich bei zwei Firmenpensionen in einem Fall ein um 26 Prozentpunkte bzw. im zweiten Fall ein um 18 Prozentpunkte niedrigerer Anspruch auf Firmenpension ergeben.

Rechnungshofbericht

Der Rechnungshof kritisierte auch überbordende Ausgaben für Werbung und Repräsentation.

Auf der Einnahmenseite würde es ohne die direkten und indirekten Zuschüsse vonseiten der Stadt Wien und ihrer Magistrate düster aussehen. „Ein nicht unwesentlicher Teil der Einnahmen resultiert aus konzerninternen Verrechnungsleistungen bzw. Dienstleistungen für den Magistrat der Stadt Wien“, schreibt der Rechnungshof.

Das zeigt auch ein Blick auf die Werbekunden von W24, die laut Medientransparenzgesetz veröffentlicht werden müssen. Zu den größten Auftraggebern von W24 gehört die Stadt Wien, die zwischen 2013 und 2016 um 475.000 Euro Werbung geschaltet hat. Es folgt die Wien Holding mit 145.000 Euro und die Wirtschaftskammer Wien mit 76.000 Euro. Insgesamt warb die öffentliche Hand in den vergangenen Jahren mit 900.000 Euro auf W24. Dazu kommen rund zwei Millionen Euro aus dem Topf der staatlichen Privatrundfunkförderung, die in den Jahren 2011 bis 2016 geflossen sind.

Das ist – gemessen am staatlichen Inseratenvolumen in manchen Zeitungen – ein überschaubarer Betrag. Mit einem Marktanteil von 4,5 Prozent im Wiener Kabelnetz erreicht W24 allerdings gerade einmal 50.000 Zuseher. Trotz massiven Ausbaus der Redaktion hat sich der Marktanteil – glaubt man den offiziellen Angaben von W24 – damit in den vergangenen fünf Jahren nur geringfügig vergrößert. 2011 erreichte der Sender 45.000 Zuseher.

Geschäftsführer von W24 sind Marcin Kotlowski und Markus Pöllhuber. Mit Kotlowski – einst Geschäftsführer einer Tochterfirma des SPÖ-nahen Echo Medienhauses und später Pressesprecher von Werner Faymann, führte NZZ.at im Vorjahr ein Interview über die Programmgestaltung von W24. Er leugnet nicht, dass die Stadtregierung bei der Auswahl der Themen ein Mitspracherecht hat – und kritische Berichte nicht erwünscht seien. „Wenn Coca-Cola einen Fernsehsender betreibt, flimmern auch nicht ständig Karieswerbungen über den Bildschirm.“

 

Diese Veröffentlichung ist eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org. Die Redaktion finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden.