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Steigende Kriminalität in Wien?

Die Zahlen hinter der Angst

von Julia Herrnböck / 05.05.2016

Der gewaltsame Tod einer Frau, die in Wien auf offener Straße erschlagen wurde, wirft viele Fragen auf. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist die Kriminalität in Wien rückläufig. Ist es dann übertrieben, wenn runde Tische und Sicherheitsgipfel gefordert werden? Nicht ganz, denn an manchen Stellen ist tatsächlich ein Anstieg dokumentiert, wenn auch hausgemacht. 

Nicht nur die FPÖ, auch die NEOS forderten sicherheitspolitische Konsequenzen nach dem Tod der 54-jährigen Frau, die in der Nacht auf Mittwoch in Wien-Ottakring von einem Kenianer erschlagen worden war. Er hielt sich illegal in Österreich auf, das Asylgesuch des 21-Jährigen war abgelehnt worden. Er war in der Vergangenheit 14 Mal verhaftet worden und hatte im Vorjahr bereits einen Mann mit einer Eisenstange attackiert.

Abgesehen vom offensichtlichen Behördenversagen, dass sich ein junger Mensch mit einer solchen Sammlung von Straftaten und einem dokumentiert auffälligen Gewaltpotenzial frei bewegen kann und nicht wegen Fremdgefährdung in einer geschlossenen Anstalt ist: Hat Wien ein zunehmendes Sicherheitsproblem oder fühlt es sich ob der Berichterstattung der vergangen Monate nur so an?

Betrunkene, randalierende Gruppen, Vandalismus: der Begriff „Social Incivility“ lässt sich wohl am ehesten mit „Sozialer Unzivilisiertheit“ übersetzen. Das vermehrt auftretende Verhalten entgegen sozialer Normen steht oft am Anfang von subjektiv wahrgenommener Sicherheitsgefährdung. Die Berichterstattung beeinflusst direkt die Entwicklung in einer Stadt: Welche Plätze und Straßenzüge gelten als gefährlich, werden als „Brennpunkte“ wahrgenommen, von denen man sich möglichst fernhalten soll. Angsträume werden zu Vermeidungsräumen.

Rückgang vor allem bei Sachdelikten

In der Sicherheitsforschung weiß man, dass das subjektive Sicherheitsempfinden nicht immer mit dem tatsächlichen Gefahrenpotenzial übereinstimmt. Gesamt betrachtet sei die Kriminalität in den vergangenen zehn Jahren in Wien um 16,7 Prozent gesunken und das obwohl heute um 12 Prozent mehr Menschen in Wien leben – alleine 2014 und 2015 ist Wien um rund 76.000 Personen netto gewachsen. Zurückgegangen sind vor allem Raub (minus 35 Prozent), Einbrüche in Wohnungen und Häuser (minus 27 Prozent) und KfZ-Diebstähle (minus 28 Prozent).

Doch was ist mit den Übergriffen am Praterstern, den Reportagen über blühendes Dealertum am Gürtel, den Berichten von Frauen, die Angst haben am Abend in Wien? Punktuell gibt es sehr wohl Veränderungen. Die Realität liegt in der Mitte zwischen subjektiver Wahrnehmung und überzeichneten Medienberichten. Wir haben den Polizeisprecher Patrick Maierhofer um Einschätzung gebeten.

Brennpunkte
Vor allem die U6-Linie, der Praterstern sowie die Gegend rund um den Westbahnhof und am Brunnenmarkt haben es in letzter Zeit öfter in die Medien geschafft. „Es gibt in Wien aber auch andere Orte, die nicht so bekannt sind“, sagt Maierhofer. Welche Orte als besonders gefährlich wahrgenommen werden, sei zum Teil medial gesteuert.

U6
Hier sei „definitiv mehr los“. Begonnen habe der Anstieg des Drogenhandels Mitte 2015, einen weitern Anstieg gab es mit Jahresbeginn, als eine umstrittene neue Gesetzesänderung in Kraft trat. Im Moment können Dealer erst bei der dritten Anhaltung in Untersuchungshaft genommen werden. Das soll sich mit Juni wieder ändern, die Polizei soll wieder mehr Durchgriffsrecht erhalten. Derzeit wird verstärkt zu den Einsatzzeiten patrouilliert, an denen die Delikte verübt werden. Das gilt ab Nachmittag bis Mitternacht und noch einmal in den frühen Morgenstunden.

Praterstern
Der Lokalbahnhof in der Leopoldstadt hat es besonders oft in die Medien geschafft, insgesamt machen die Straftaten 1,25 Prozent der Wiener Kriminalität aus. Eine versuchte Vergewaltigung zu Jahresbeginn und eine Vergewaltigung durch drei Asylwerber sind dokumentiert. Gestiegen ist vor allem die Kleinkriminalität, 418 Delikte sind in den vergangenen zwei Monaten angezeigt worden, davon 141 Drogendelikte, 141 Diebstähle und „Urkundenunterdrückung“ (Diebstahl von Führerschein und Personalausweis zum Beispiel) sowie 57 Anzeigen wegen Körperverletzung. Ab Juni soll nicht nur die Gesetzesadaptierung im Drogenbereich Verbesserung bringen, auch Videoüberwachung am Praterstern ist geplant.

Drogenhandel
Zum einen habe die Gesetzesänderung zum Anstieg beigetragen, zum anderen sei Marihuana selbst wesentlich leichter zu erzeugen als Kokain oder Heroin. Deswegen gibt es auch mehr Handel mit der weichen Droge. Neben österreichischen Staatsbürgern seien vor allem West- und Nordafrikaner unter den Dealern. Mit dem Flüchtlingsströmen seien auch Menschen aus dem Balkan nach Wien gekommen, die verstärkt unter den Tätergruppen zu finden seien.

Asylwerber
Die Anzeigen haben zugenommen, was mit der stark gestiegenen Zahl der in Österreich lebenden Asylsuchenden zusammenhängt. Insgesamt handle es sich nicht um eine signifikante Erhöhung der Kriminalstatistik, sagt Maierhofer. Neben dem Bereich des Drogenhandels handelt es sich vor allem um Anzeigen wegen Körperverletzung in Asylunterkünften.

Sexuelle Gewalt
Die Zahl der bekannten Sexualstrafdelikte (reicht von Belästigung bis Vergewaltigung) hat sich hingegen kaum verändert: 2013 wurden 1.302 Anzeigen eingebracht, 2014 waren es 13 Prozent weniger, im Jahr 2015 wieder um 7 Prozent mehr. Die Polizei führt den leichten Anstieg auch auf den veränderten Sexualstrafparagraphen zurück, den sogenannten „Po-Grapsch-Paragraph“.

Gewaltformen
Der Gewaltbereich habe sich nicht verändert: „Einen Mord mit einer Eistentange hat es auch vor 20 Jahren gegeben,“ sagt Polizeisprecher Maierhofer. „Auch wenn eine Tat wie die vom Brunnenmarkt außergewöhnlich brutal wirkt – schwere Gewaltverbrechen kommen in einer Großstadt wie Wien immer wieder vor“. Er erinnert etwa an den Fall einer Transgender-Frau, die im Vorjahr in Ottakring erwürgt wurde. Die Zahl der Tötungsdelikte hat sich in Wien im Vergleich zu 2014 mehr als verdoppelt: die Zahl der Todesopfer stieg von neun auf 20 in der Hauptstadt, alle Fälle wurden aufgeklärt. Seit April 2009 gibt es keine ungeklärten Morde. Der Großteil der Gewalt findet innerhalb der Familie statt und nicht im öffentlichen Raum.

Maßnahmen
Was stärkt nun das subjektive Sicherheitsgefühl? „Sichtbarkeit der Exekutive, Präventionsarbeit, Aufklärung“, sagt der Polizeisprecher. Mit der Stadt Wien gebe es punktuell Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Gewalt- und Drogenkriminalität.

Für Juni seien im Zuge der Gesetzesänderung größere Einsätze geplant, die binnen weniger Wochen Besserung bringen sollen. „Am Karlsplatz war es unter dem Strich früher genau so, das haben wir auch in den Griff bekommen“, sagt Maierhofer. Der Rückgang der Kriminalität in den vergangenen zehn Jahren sei auf mehr Beamte in der Hauptstadt zurückzuführen, aber auch die international und national verbesserte Vernetzung und die stärkere Präsenz an öffentlichen Plätzen.