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Studie über islamische Kindergärten in Wien

„Endlich gibt es einen Anlass, genauer hinzuschauen“

von NZZ.at / 10.12.2015

Die Stadt Wien will für jedes Kind einen Platz im Kindergarten. Ob die eigenen pädagogischen Vorgaben auch eingehalten werden, kann sie nicht mehr gewährleisten. Die Debatte um islamistische Tendenzen in Wiener Kindergärten hat ein lange schwelendes Problem ans Tageslicht gefördert.

Von Julia Herrnböck, Moritz Gottsauner-Wolf und Wolfgang Rössler

Wien wächst und der Bedarf an Kindergartenplätzen ist groß. Die Stadt Wien hat sich vorgenommen, so vielen Kindern wie möglich einen Platz bereitzustellen. Ein ehrgeiziges Ziel, aber es scheint erreicht, Wien überfüllt die EU-Quote für die Betreuung von Kleinkindern. Seit fünf Jahren gibt es einen regelrechten Kindergarten-Boom, die Zahl der privaten Kindergruppen hat sich in dieser Zeit verdoppelt. Die Stadt ist auf eine Vielzahl von Betreibern angewiesen.

Wie eine Vorstudie des Islamwissenschaftlers Ednan Aslan von der Universität Wien nun gezeigt hat, dürften darunter auch einige sein, die nicht ganz ins Konzept passen: In manchen Kindergärten würde nach einem „Curriculum gearbeitet, das von einem in den Koranschulen kaum zu unterscheiden sei“, heißt es darin drastisch. In der Studie wird eine „besondere Untersuchung der Trägervereine“ der Kindergärten empfohlen. Hat die Stadt in ihrem Eifer den Überblick verloren?

Genehmigung und Kontrolle in einer Hand

In der MA 11 sind sieben Beamte zuständig für die Bewilligung von Privatkindergärten. Ein solches Verfahren dauert in der Regel vier bis sechs Monate. Es sind auch die gleichen sieben Personen, die später zur Kontrolle ausrücken. Die im Kindergarten vermittelte Religion spielt im pädagogischen Konzept keine explizite Rolle. Wichtiger ist der MA 11 die Bedarfsprüfung: In der unmittelbaren Nähe muss die Nachfrage nach freien Plätzen bestehen. Trifft das zu, wird die private Einrichtung von der Stadt Wien mit bis zu 550 Euro pro Kind und Monat gefördert.

Das war nicht immer so: Bis 2009 wurde die Förderung noch pro Einrichtung bezahlt, doch dann kam der Plan mit dem verpflichtenden Kindergartenjahr für ganz Österreich. Rechtzeitig vor der Wien-Wahl beschloss der Gemeinderat den Gratiskindergarten. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern, die nur eine Vormittagsbetreuung abgleichen, gilt das in der Hauptstadt für alle Altersgruppen und ganztags. Gleichzeitig mussten bis 2010 für mindestens 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze geschaffen werden, so wurde es in den Barcelona-ZielenÖsterreich hat sich zusammen mit anderen EU-Mitgliedstaaten auf einen höheren Betreuungsschlüssel geeinigt, um Müttern den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Im Zuge der Europäischen Wachstums- und Beschäftigungsstrategie wurden 2002 auf Drängen des Europäischen Rates die sogenannten Barcelona-Ziele formuliert. Im Wesentlichen wurde zugesagt, bis 2010 „für mindestens 90 Prozent der Kinder zwischen drei Jahren und dem Schulpflichtalter und für mindestens 33 Prozent der Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen.“ vereinbart.

Um dieses Ziel zu erfüllen, braucht die Stadt private Anbieter – mehr als 60 Prozent der Kindergarteneinrichtungen sind bereits nicht öffentlich. Die Stadt fördert 350 eigene Einrichtungen und rund 1.600 Kindergruppen und Tagesstätten. Die Finanzierung dieser privaten Organisationen ist nicht transparent. Ob katholisch, islamisch oder atheistisch: Rechtlich gibt es keinen Unterschied, ob ein Kindergarten von Glaubensgemeinschaften oder religiösen Gruppen betrieben wird oder nicht. Islamisch geführten Kindergärten und -gruppen kommt auch nicht das Auslandsfinanzierungsverbot im neuen Islamgesetz in die Quere.

„Vom Gesetz sind die Glaubensgemeinschaften betroffen, nicht die von ihnen unabhängige Vereine“, sagt der Religionsrechtsexperte Richard Potz. „Und einen Verein kann jeder gründen, die religiöse Weltanschauung ist dem Staat egal.“ Das bedeutet, dass nicht nur von Vereinen betriebene Moscheen, sondern auch Schulen und Kindergruppen weiterhin aus dem Ausland finanziert werden dürfen.

Schlechte Bedingungen für Elementarpädagogik

Vor allem die Kindergruppen „sprießen seither wie Schwammerl aus dem Boden“, sagt Heide Lex-Nalis, die ehemalige Direktorin der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik (BAKIP). Heute ist sie Sprecherin der Plattform EduCare und fordert mit zahlreichen Kollegen eine Reform der Elementarpädagogik. Sie sei eigentlich froh, dass die Diskussion über die Qualität der Kindergärten losgetreten wurde. „Endlich gibt es einen Anlass, genauer hinzuschauen“, sagt sie.

Bei der Interessensvertretung EduCare werde sehr rege darüber diskutiert, wie es möglich ist, dass in manchen Einrichtungen offensichtlich eine islamistische Weltanschauung Einzug halten konnte. Für Lex-Nalis liegt der Ursprung in der schlechten Ausbildung und den schlechten Arbeitsbedingungen der Elementarpädagogen im Allgemeinen.

Seit der Umstellung der Finanzgebarung vor nunmehr sechs Jahren bekommen die Kindergruppen mehr Geld als früher. „Sie haben sich seither verdoppelt, es ist ein richtiger Wildwuchs“, sagt Lex-Nalis. Um als BetreuerIn in einer Kindergruppe arbeiten zu können, genügt es schon, einen 90-stündigen Kurs zu besuchen. Eine Ausbildung, die in Summe nicht einmal drei Wochen dauert, reicht aus, damit die Stadt Wien Betreuungsgeld zahlt.

Inzwischen gibt es bereits Anbieter mit islamischem Hintergrund, die Organisationen bei der Gründung eines Vereins zur Errichtung eines Kindergartens beraten. Auch darauf weist Ednan Aslan in seiner Studie hin. Einer davon ist der Verband Integrativer Kinderbetreuungseinrichtungen (www.kids-vienna.at). Er bietet Coaching bei der Gründung eines Kindergartens an.

Kontrollbesuche sind angemeldet

Lex-Nalis hofft, dass die Qualitätssicherung nun auf neue Beine gestellt wird. „Dass Wien die Quote bei der Betreuung übererfüllt, ist toll. Jetzt sollte die Stadt die privaten Einrichtungen auch öfter besuchen und in den eigenen Einflussbereich zurückholen.“

„Wir führen strenge Kontrollen durch“, sagte Sonja Wehsely (SPÖ), die Stadträtin für Gesundheit und Soziales, am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal. „Für alle Kindergartenbetreiber gelten die Gesetze.“ Außerdem frage man vor jeder Bewilligung eines Kindergartens beim Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung nach, ob etwas gegen den künftigen Betreiber vorliegt. Nie habe es Einwände gegeben.

Bei der Kontrolle geht es jedoch viel um formale Kriterien wie etwa die Höhe des Waschbeckens oder der Garderobenhaken. Die pädagogischen Inhalte lassen sich nur schwer überprüfen, vor allem weil die Besuche bei den Kindergruppen von der Stadt angekündigt werden. Das habe organisatorische Gründe, erklärt eine Mitarbeiterin der MA 11. In den Kindergärten sei immer jemand anwesend, diese könnten auch unangekündigt kontrolliert werden, in den Kindergruppen sei das nicht der Fall.

Anzeichen dafür, dass etwas nicht ganz rund läuft, gibt es schon länger: Rund um das Jahr 2011 beschäftigte sich der Rechtsphilosoph Richard Potz gerade mit der juristischen Kontroverse um Kreuze in den Kindergärten. Einige muslimische Studenten, erinnert er sich, hätten ihn damals auf Mängel in muslimischen Kindergruppen aufmerksam gemacht. „Sie haben sich darüber beschwert, dass Kindergruppen von Personen geleitet wurden, die offenkundig keine ausreichenden pädagogischen oder Sprachkompetenzen mitbrachten“, sagt Potz. „Die Studenten haben sich sehr gewundert, dass es so einfach geht, einen Kindergarten oder eine Kindergruppe zu betreiben.“

Kindergarten, leicht gemacht

Tatsächlich ist es erstaunlich einfach, in Wien einen Kindergarten zu gründen. Die erste Hürde ist in knapp fünf Minuten genommen. Wer in Wien einen Kindergarten betreiben möchte, kann sich per Online-Formular auf der Webseite der Magistratsabteilung für Jugend und Familie (MA 11) anmelden. Dafür reicht der Nachweis über einen geeigneten Standort, eine Nutzungsbewilligung und ein pädagogisches Konzept. „Im Wesentlichen sind es formale Kriterien“, sagt die Betreiberin eines konfessionsfreien Privatkindergartens, die nicht namentlich genannt werden will.

Das pädagogische Konzept brauche man vor allem für die Einreichung. Jeder Betreiber verpflichte sich außerdem, im Sinne des Wiener Bildungsplans zu arbeiten. Das ist eine Art pädagogischer Leitfaden. Ob man sich tatsächlich daran hält, werde später aber kaum kontrolliert, sagt die Betreiberin. Die Wiener SPÖ hat jetzt für alle konfessionellen Betriebe einen Religionsleitfaden angekündigt, wer sich nicht daran hält, könnte die Förderung verlieren. Die Kindergärten sollen in Wien also die Eigenverantwortung der Kinder fördern. Die Stadt wiederum hofft auf die Eigenverantwortung der Betreiber.