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Kriminalität in Wien

Kampfzone Titelblatt – wie Medien die Wahrnehmung beeinflussen

von Julia Herrnböck / 15.05.2016

Vom „Brennpunkt Praterstern“ ist die Rede, von der „Kampfzone“ entlang des Gürtels und von „Bandenkriegen“ an Bahnhöfen. Es mehren sich die Berichte über Vergewaltigungen und Übergriffe, offenen Drogenhandel und Gewaltverbrechen. Was ist geschehen? Ist Wien, jahrelang eine der sichersten Großstädte der Welt, plötzlich gefährlicher geworden? Wir haben mit einem Soziologen, einem Medienforscher und der Suchthilfe Wien darüber gesprochen.

Die Kriminalitätsstatistik spiegelt diesen Trend nicht wider: Die Zahl der schweren Delikte ist in den vergangenen Jahren gesunken. Im Steigen befinden sich seit Sommer 2015 an bestimmten Orten in Wien der Handel mit Cannabis, aber auch Kokain, leichte Körperverletzung und Diebstähle. Sexualstraftaten sind laut Polizei mehr oder weniger gleichbleibend.

→ Lesen Sie hier mehr über die Einschätzung der Polizei: Die Zahlen hinter der Angst
→ Das subjektive Sicherheitsgefühl deckt sich nicht mit den tatsächlichen Zahlen: Wie sicher fühlen sich die Wiener?

Doch die Wahrnehmung sagt etwas anderes: So gut wie jeden Tag berichten Medien über neue Vorfälle, am Donnerstag wurde ein weiterer Fall einer versuchten Vergewaltigung im Prater publik. Am Freitag verletzte sich eine junge Frau an einer Spritze,  die in einer S-Bahn auf den Sitz drapiert wurde. Betrachtet man die Anzahl der Artikel, Wortwahl und Zeitpunkt der Berichterstattung, wird klar, warum die Frage nach der Sicherheit in Wien ins Blickfeld gerückt ist. Vor allem zur U6 haben sich jüngst einige Journalisten zu Wort gemeldet.

Eine Auswertung über die Mediendatenbank der APA zeigt, dass auf allen Plattformen – Tageszeitungen, Wochenmagazinen, TV und Radio sowie Online-Medien – mit Jahresbeginn die Berichterstattung deutlich intensiver wurde. Abgefragt wurden die Schlagwortkombinationen „U6 AND Drogen“ sowie „Praterstern AND Polizei“ im Zeitraum Mai 2015 bis Mai 2016.

Zeitliche Verteilung der Berichterstattung 

Magazine: U6 und Drogen
Credits: APA

 

 

Magazine: Praterstern und Polizei
Credits: APA
TV und Radio: U6 und Drogen
Credits: APA
TV und Radio: Praterstern und Polizei
Credits: APA
Online-Medien: U6 und Drogen
Credits: APA
Online-Medien: Praterstern und Polizei
Credits: APA

In der Politik- und Medienwissenschaft spielt der Begriff Agenda SettingDefinition von AS erster Ordnung = neuer Themenkomplex wird in die öffentliche Debatte gebracht; AS zweiter Ordnung = ein Aspekt oder ein Problem des Themenkomplexes tritt nunmehr in den Vordergrund. Grundthese des AS: Medien bestimmen, welche Themen wichtig sind und über die deshalb zu reden ist. eine Rolle: Gemeint ist damit die These, dass Medien über die Auswahl Einfluss darauf nehmen, was von einer breiten Öffentlichkeit als Problem gesehen wird.

Wenn noch der Faktor Angst oder Gefahr hinzukommt, hat ein Thema gute Chancen, im Fokus der Aufmerksamkeit zu landen. Berichte über sexuelle Gewalt und Raufereien springen Leser und Zuseher sozusagen an. „Existenzielle Betroffenheit macht Menschen empfänglich“, erklärt Jürgen Grimm, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Er hat zur Funktion von Agenda Setting geforscht und nachweisen können, dass Massenmedien – in Österreich nach wie noch vor allem Printprodukte – zeitversetzt gewisse Themen „pushen“ und sie so zum Politikum machen.

Nun kommt auch noch der Faktor „Flüchtlinge“ hinzu, die mit den Berichten direkt oder indirekt verbunden werden. Ein Agenda-Setting-Effekt „zweiter Ordnung“ finde jetzt statt, sagt Grimm. Jetzt werde nicht mehr die Flüchtlingspolitik im Allgemeinen diskutiert, sondern der spezielle Aspekt Kriminalität und mögliche Bedrohung. Auf potenzielle Gefahr reagiert der Mensch; früher sei das der Säbelzahntiger gewesen, heute seien es die Risiken einer Großstadt. „Weil wir so konditioniert sind, besteht die Gefahr, diesen Berichten übertriebene Beobachtung zu schenken“, sagt Grimm. „Medien beschleunigen solche Prozesse.“

Ein dritter Faktor für die erhöhte Wahrnehmung war die Silvesternacht in Köln, die nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern in ganz Europa eine neue Tendenz der Berichterstattung zur Folge hatte. „Die unbewusste Bedrohung hat Gestalt angenommen, von heute auf morgen waren Frauen die Opfer, es hat die öffentliche Meinung zum Kippen gebracht“, erklärt der Medienforscher.

Für sich sprechen auch die Titel, die ab Jänner für die Phänomene „U6“ und „Praterstern“ in den Tageszeitungen mit hoher Reichweite benutzt wurden.

Hier eine kleine Auswahl:

– „Kampfzone Praterstern“ (12.1.2016, Österreich)
– „Schwarzafrikaner überfiel Mühlviertler“ (12.1.2016, Kronen Zeitung)
– „Die Angst im Nacken“ (13.1.2016, Wiener Zeitung)
– „Schwere Jagd auf Drogendealer“ (15.1.2016, Kurier)
– „Gewaltexzess am Praterstern“ (19.1.2016, Österreich)
– „Die U6 als Drogen-Brennpunkt (20.1.2016, Kronen Zeitung)

Zahl der Suchtkranken gleichbleibend

Vermischt werden in der Berichterstattung, vor allem im Boulevard, nicht nur Asylwerber mit Kriminalität, sondern auch Suchtkranke mit Drogendealern, kritisiert die Suchthilfe Wien. Auch hier heißt es: Entgegen der Wahrnehmung habe sich die Zahl der Suchtkranken von 2014 auf 2015 nicht verändert. Derzeit gebe es weit mehr Angebot als Nachfrage. Das führe dazu, dass Händler „proaktiver“ ihre Ware anböten, meint eine Sprecherin. Und eben dieses vermehrte Ansprechen von Passanten verstärke die Unsicherheit.

Angebote für Suchtkranke wie Substitutionstherapie seien deshalb so wichtig, weil die Beschaffungskriminalität damit sinkt: Die Betroffenen haben soziale Anbindung und werden medizinisch versorgt. Die Suchthilfe Wien befürwortet die mit Juni geplante Verschärfung im Suchtmittelgesetz. Ab dann wird der Handel mit Drogen auf öffentlichen Plätzen mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft. Das könnte sich auch positiv auf die subjektive – also gefühlte – Sicherheit auswirken. Zumindest hofft das die Polizei, die ab Juni auch verstärkt mit Videoüberwachung am Praterstern aktiv sein wird.

Christoph Stoik unterrichtet und forscht an der Fachhochschule Wien über Sozialraumorientierung. Er sei „überrascht“ über die Medienberichte zum Thema Sicherheit in Wien. „Die uns bekannten Zahlen zeigen etwas anderes“, sagt er. Daraus werde politisches Kapital geschlagen und die Auflagen nach oben getrieben. Er sieht in Wien, dass an bestimmten Plätzen Verdrängungsprozesse stattfinden und Gruppen deswegen wandern.

Das sei eine Konsequenz der Migration, die Wien zu einer lebendigen und boomenden Stadt werden lasse, aber auch Armut sichtbar mache. Was vor Jahren noch am Karlsplatz stattgefunden habe, sei jetzt am Praterstern und am Gürtel angekommen und werde nach entsprechenden Maßnahmen weiterwandern, vermutlich zum Floridsdorfer Spitz, meint der Sozialraumforscher. Betroffen von Gewalt im öffentlichen Raum seien genau jene Gruppen, vor denen gewarnt würde: Obdachlose, Suchtkranke, Flüchtlinge ohne Anspruch. „Die untersten Schichten sind vor Übergriffen am wenigsten geschützt. Die Mehrheit beobachtet das und ängstigt sich, sie könne selbst in diese Rolle kommen“, sagt Stoik.

Eine radikale Strategie sei in seinen Augen keine gute. Helfen würde eine gewisse Form der „Normalisierung“ von Armut in den Augen der Bevölkerung, aber auch eine Verteilung des Drucks und verstärkte Sozialarbeit auf der Straße. „Wenn an einem Platz zu viel zusammenkommt, ist das nicht gut. Aber eine Steuerung der Szene ist schwierig.“