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Analyse

Macht Wien krank?

von Georg Renner / 01.03.2016

Einmal ehrlich: Wenn ich Ihnen sage, dass Beamte der Wiener Stadtwerke sich mehr als doppelt so häufig krank melden wie der durchschnittliche Wiener Arbeitnehmer, wären Sie überrascht? Wahrscheinlich nicht – als gelernter Österreicher hat man natürlich sofort den Generalverdacht gegenüber dem öffentlichen Dienst intus, in dem sich Beamte schon beim geringsten Anflug von Kopfweh krank melden. „Denen kann eh nix passieren“, denkt man, außerdem gibt es wenig Leistungsanreize, ergo bleibt man ganz gerne einmal daheim.

Nun: Es ist dann doch ein wenig komplizierter.

Aber von vorne: Zunächst einmal gebührt den Kollegen von der Krone Dank , die im Tandem mit der Wiener ÖVP folgende Geschichte publik gemacht haben:

Drei ÖVP-Gemeinderäte wollten von Stadträtin Sandra Frauenberger wissen, wie häufig Beamte und Vertragsbedienstete der Stadt krankheitshalber dem Dienst fernbleiben – Anfrage und Beantwortung hat die Krone online gestellt, und die Antworten sind wirklich interessant. Besonders extrem sind die Zahlen der Stadtwerke: Deren Beamten waren im Jahr 2014 27,4 Tage pro Mitarbeiter krank, ihre Vertragsbediensteten 25,6. Das ist ein enorm hoher Wert, verglichen mit dem durchschnittlichen Arbeitnehmer in Wien, der dem Fehlzeitenreport des Wifo zufolge 2014 im Schnitt 12,9 Tage zu Hause geblieben ist.

Wie gesagt: Primär steht der öffentliche Dienst natürlich im Verdacht, bei Kontrolle und Konsequenz von Krankenständen nachlässiger zu sein als private Unternehmen, die ja mit ihren Mitarbeitern wirtschaften müssen. Gerade die Stadt Wien war bei der Kontrolle besonders unter Beamten jahrelang in höchstem Maße schleißig, wie die Presse 2013 aufgedeckt hat: Für die Jahre 2011 und 2012 hatte das Kontrollamt der Stadt kritisiert, dass die zuständige MA 15 praktisch keinen krankheitshalber abwesenden Beamten kontrolliert hatte, wie es bei normalsterblichen ASVG-Versicherten ständig passiert. Mit Stand Jänner 2014 meldete die Stadt dem Kontrollamt allerdings, dass die kritisierten Missstände beseitigt waren, inzwischen müssen auch Beamte die regelmäßige Kontrolle ihrer Krankenstände erdulden.

Das erklärt allerdings nicht die hohen Krankenstände der Stadtwerke – dazu muss man ein wenig tiefer in die Statistik eintauchen. Für die Stadtwerke spielen nämlich drei Faktoren zusammen, die auch unter privat Beschäftigten die Krankheitsquote massiv steigen lassen: Branche, Alter und Betriebsgröße.

Eine Frage der Tätigkeit

Zunächst einmal stellen wir uns die Frage: Was tun die Menschen in den Stadtwerken eigentlich? Im Wesentlichen besteht der stadteigene Konzern aus drei großen Teilbereichen: dem städtischen Energieversorger Wien Energie, den Wiener Linien sowie der Bestattung und Friedhofsverwaltung. Zwischen diesen drei Sektoren teilen sich rund 16.000 Mitarbeiter auf, mehr als die Hälfte davon bei den Wiener Linien. Gut zwei Drittel der 16.000 arbeiten in handwerklichen Berufen, man denke an Straßenbahntechniker, Elektriker oder Totengräber.

Jetzt ist es so, dass Arbeitnehmer nicht gleichmäßig krank werden: Naturgemäß wird die Bürokraft seltener krank als der Kumpel im Bergwerk. Statistisch erfasst das der Hauptverband der Sozialversicherungsträger in seiner Krankenstandsstatistik, die nicht völlig integriert veröffentlicht wird, sondern nur nach einzelnen Faktoren aufgegliedert ist – zum Beispiel eben sehr grob nach Branchen.

Was sehen wir hier: Jene Gruppen, in denen die Stadtwerke tätig sind – Verkehr, Energieversorgung und sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (darunter fallen z.B. Begräbnisse) – sind insgesamt relativ weit oben in der Krankenstandsstatistik, nicht zuletzt wegen des vergleichsweise hohen Unfallrisikos. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, einerseits gelten handwerkliche Tätigkeiten, andererseits Schichtdienste, wie sie in diesen Branchen üblich sind, als Krankmacher.

Natürlich gilt es dabei im Kopf zu behalten, dass sich in diesen Sektoren vor allem Betriebe tummeln, die überwiegend im Staatseigentum stehen – ÖBB, die anderen Landesenergieversorger und so weiter – aber es zeigt sich schon einmal, dass diese Sektoren tendenziell mehr Krankenstände aufweisen als der Durchschnitt. Noch nicht in jenem Ausmaß, um die Zahlen der Stadtwerksbeamten zu erklären, aber es geht in die Richtung.

Kommt Zeit, kommt Krankenstand

Ein weiterer Faktor ist das Alter, und da sind die Stadtwerke in einer Sondersituation, wie Pressesprecher Thomas Geiblinger ausführt: „50 Prozent der Beschäftigten der Wiener Stadtwerke sind noch Beamte und Vertragsbedienstete. Es handelt sich um jene MitarbeiterInnen, die 1999 von den E-Werken, Verkehrsbetrieben etc. übernommen wurden. Es handelt sich dabei logischerweise um ältere Arbeitnehmer, die durchschnittlich 30 Jahre im Unternehmen tätig sind.“

Jetzt kann man es natürlich für absurd halten, dass ein grundsätzlich privatwirtschaftlicher Betrieb eine Menge unkündbarer Mitarbeiter mitschleppt – aber das ist ja eine generelle morbus austriaca, siehe etwa auch bei der Telekom, den ÖBB und anderen ehemals hoheitsverwaltenden Betrieben. Das macht die Tatsache nicht besser, aber es erklärt, warum die Wiener Stadtwerke eine im Schnitt relativ alte Belegschaft haben – der de facto unkündbare Bestand an Mitarbeitern wandert auf der Alterspyramide nach oben, nur die seither Nachkommenden sind ASVG-versichert. So liegt das Durchschnittsalter der Stadtwerke-Beamten etwa derzeit bei 51,7 Jahren.

Damit fällt die Gruppe in jenes Alter, in dem überhaupt die allermeisten Krankenstände anfallen. Schauen wir noch einmal in die Hauptverbands-Zahlen:

(Dass die Krankenstände ab 65 wieder abnehmen, hat mit dem sogenannten „Healthy Worker-Effekt“ zu tun: Wer in dieser Altersgruppe noch arbeitet, erfreut sich in der Regel einer insgesamt höheren Gesundheit.)

Wir sehen also: Einerseits arbeiten die Stadtwerke in besonders krankenstandsaffinen Branchen, andererseits sind die von der ÖVP abgefragten Gruppen just in jenem Alter, in dem der Körper relativ häufig zum Aussetzen neigt.

Konzerne machen krank

Und dann ist da noch ein dritter Faktor, der die Stadwerke in eine besonders anfällige Gruppe katapultiert: die Betriebsgröße. Arbeitnehmer in großen Unternehmen werden tendenziell häufiger krank als jene in kleineren. Warum das so ist, dazu gibt es viele Theorien – die medizinische etwa, dass mehr Kontakt mit Menschen höhere Ansteckungsgefahr impliziert, oder die soziale, dass man desto eher daheim bleibt, auf umso mehr Schultern sich eine Arbeit verteilt –, aber dass die Zahl der Krankenstandstage mit der Unternehmensgröße steigt, ist ziemlich gut belegt, etwa in dieser Statistik der oberösterreichischen GKK im Wifo-Report:

Fassen wir also zusammen: Die Stadtwerke arbeiten in relativ krankheitsanfälligen Branchen, haben eine relativ alte Belegschaft und sind noch dazu einer der größten Betriebe Österreichs. Erklärt das, warum ihre Beamten und Vertragsbediensteten so viel häufiger krank sind als andere Arbeitnehmer? Nun: Das sind alles starke Indizien, und gefühlsmäßig würde ich es so interpretieren, dass sie die Abweichung weitgehend erklären.

Aber in Ermangelung einer integrierten Statistik, die alle Faktoren zusammenführt – wohl, weil so einzelne Unternehmen identifizierbar wären – lässt sich das nicht abschließend sagen, weswegen auch niemand sagen kann, dass Herr Blümel unrecht hat, wenn er in der Krone in den Raum stellt, die Stadt schaffe es nicht, „ihre Beamten länger gesund und motiviert im Dienst zu halten“.

Sozialisierung von Krankenständen

Dazu abschließend noch eine Anmerkung aus dem Wifo-Bericht: Es gibt eine dokumentierte Abweichung von Krankenständen im privaten und im öffentlichen Bereich – ganz, wie man es vermuten würde, gehen öffentlich Bedienstete häufiger in Krankenstand als privat Beschäftigte, sogar wenn man besonders anfällige Gruppen wie Exekutivbeamte herausrechnet. Das begründe sich unter anderem aus einer höheren Arbeitsplatzsicherheit, schreibt das Wifo: Während Arbeitnehmer in der Wirtschaft bei längeren Krankenständen schon einmal abgebaut werden, passiert das im öffentlichen Dienst praktisch nie – und auch ältere Arbeitnehmer werden im privaten Bereich häufiger in die Frühpension komplimentiert (und fallen somit aus der Krankenstandsstatistik) als in öffentlichen Betrieben.

Kurz: Es ist kompliziert.