Projektion der Religionen

Muslime werden die Katholiken nicht aus Wien verdrängen

von Gerald Gartner / 08.12.2015

Es wird 2046 in der Bundeshauptstadt nicht mehr Muslime als Katholiken geben. Für den Wandel der religiösen Landschaft in Wien sind mehr Faktoren notwendig als eine Flüchtlingskrise.

„Die werden uns überlaufen. Ihr werdet schon sehen, wohin das alles führt. Unser Land und unsere Kultur werden untergehen. Ich werde das nicht mehr erleben, aber ihr ganz bestimmt.“

Sie kennen diese Generationen-Diskussion in der Familie vielleicht.

Es geht um Islamisierung, Moscheen, Ghettobildung. Und Wien ist in jedem Fall das Zentrum dieser Entwicklung.

Die Freiheitlichen predigen schließlich seit zehn Jahren den Untergang des Abendlandes. Seit seinem ersten Post hat Heinz-Christian Strache 52-mal von Islamisierung geschrieben. Erst vergangene Woche hat der FPÖ-Chef gepostet: „Von den anderen dramatisch negativen Folgewirkungen einer Islamisierung und Gegengesellschaft, wo unsere Kinder und Kindeskinder zu einer Minderheit in der eigenen Heimat zu werden drohen, gar nicht zu sprechen.“

Könnte er recht haben?

Nein. WissenschaftlerMarcin Stonawski, Anne Goujon und Ramon Bauer des Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben drei Szenarien durchgerechnet, wie die religiöse Landschaft Wiens bis 2046 aussehen könnte. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen in keiner Variante eine muslimische Mehrheit. In einem der beiden Alternativszenarios, die neben dem Trendszenario entwickelt wurden, gehen sie von offenen Grenzen und dem Stopp aller Integrationsmaßnahmen aus. Trotzdem bleiben Katholiken und Konfessionslose die größten Gruppen.

Daten: WIREL-Projekt

Wie kann das sein?

Neben Migration sind für die Entwicklung einer religiösen Landschaft wichtig:

Zuwanderung

Die Forscher gehen in diesem Segmentations-Szenario von einer Gesellschaft aus, die immer weiter auseinanderdriftet. Bevölkerungsgruppen bleiben unter sich und führen ihren Lebensstil in Parallelgesellschaften weiter. Grenzpolitisch gilt die Devise „Komme, wer wolle“. Das führt zu mehr Zuwanderung von außerhalb der Europäischen Union. Dieser Wert ist im Vergleich zur Rate zwischen 2006 und 2010 um 50 Prozent nach oben korrigiert.

Der Zuzug aus den Bundesländern und anderen EU-Staaten bleibt stabil. Die politischen Maßnahmen, offene Grenze und keine Integrationsmaßnahmen werden mit 2016 eingeführt und auf 30 Jahre fortgeschrieben.

Unter dieser Annahme leben in Wien bis 2046 2,3 Millionen Menschen. Das ist im Vergleich zum WIREL-Trendszenario und anderen ProjektionenAsylvariante und Segmentations-Szenario gehen von einer höheren Zuwanderung aus als die beiden anderen Varianten. Die Hauptvariante der Statistik Austria wurde vor zwei Wochen aktualisiert. Wegen der hohen Zahl der Asylanträge wurde der Faktor Zuwanderung angepasst. Das WIREL-Trendszenario ist vor zwei Jahren entstanden und geht deshalb noch von einer niedrigeren Zuwanderung aus. hochgegriffen.

Migration ist die unsicherste Variable bei demografischen Projektionen und für die Bestimmung der Zukunft der Religionslandschaft.

Sicher ist, dass sich die internationale Zuwanderung auf bestimmte Grätzel konzentriert. Von Ghettos zu sprechen, wäre aber falsch: Dafür müsste eine religiöse Minderheit mindestens 80 Prozent in einem Wiener Zählbezirk stellen. Das ist nirgendwo der Fall. Den höchsten Anteil von Muslimen gibt es entlang des Gürtels und im zehnten Bezirk. Zuwanderergruppen haben ein niedrigeres Einkommen zur Verfügung. Deshalb ziehen sie in Gebiete mit niedrigeren Mietpreisen. Die Gebäude entstammen der Gründerzeit, die Bausubstanz ist schlecht, die Verkehrsbelastung ist hoch – die Wohnqualität also insgesamt niedriger als im Rest von Wien.

In diesen Gegenden gibt es eine stärkere Mischung verschiedener Religionen. Hier gibt es auch einen höheren Anteil von Menschen mit christlich-orthodoxem Glauben. In keinem Zählbezirk ist der Anteil der Katholiken niedriger als jener der Muslime. In einzelnen Häuserblocks ist das nicht ausgeschlossen. So detailliert wurde die Erhebung nicht durchgeführt.

Kinder pro Frau

Frauen mit muslimischem Glaubensbekenntnis bekommen im Durchschnitt mehr Kinder als Katholikinnen. Noch 1984 waren drei von vier in Wien geborenen Kindern mit römisch-katholischem Bekenntnis (72 Prozent). Bis 2011 ist der Anteil von drei Kindern auf eines gesunken (33 Prozent). Tendenziell bekommen Muslimas, wie auch christlich-orthodoxe und jüdische Frauen, früher Kinder als Katholikinnen. Das hängt auch mit dem Schulabschluss von Frauen zusammen: Je gebildeter, desto später werden sie Mütter und desto weniger Kinder bekommen sie.

Seit Beginn der 90er Jahre sinkt die Geburtenrate bei Muslimas, aber auch bei allen anderen KonfessionenDie Fertilität muslimischer Frauen gleicht sich im Szenario bis zum Jahr 2100 an – das ist im Vergleich zu anderen WIREL-Szenarien langsam und was die Bildungsperspektive betrifft pessimistisch gedacht. . Die muslimische Community wächst in den nächsten Jahren hauptsächlich durch ihre Altersstruktur. Im Vergleich zu Katholiken und Konfessionslosen sind Muslime in Wien eine Religion mit jungen Anhängern.

Das erzeugt ein demografisches Momentum: Obwohl die durchschnittliche Kinderzahl von Muslimas rückläufig ist, wächst die Bevölkerung weiter. Es gibt aufgrund der jungen Altersstruktur mehr potenzielle Mütter. In der Vergangenheit ist die muslimische Community wegen Zuwanderung gewachsenZwischen 1986 und 1993 und seit 2000 ist die Netto-Zuwanderungsbilanz positiv. Vornehmlich war der Fall des Eisernen Vorhangs und der Krieg in Jugoslawien dafür verantwortlich. . Heute hat sie eine Grundgröße erreicht und kann so weiterwachsen. Die Geburtenrate gewinnt deshalb an Bedeutung. Sie trägt mehr zum Wachstum bei als früher.

Aus- und Übertritte

Säkularisierung ist ein wichtiger Faktor für die Komposition der Religionslandschaft Wiens. Es sterben und treten mehr Katholiken aus als nachkommen. Das Abwenden vom katholischen Glauben ist ein Prozess über Jahre und Jahrzehnte, der Austritt wird oft durch Skandale ausgelöst. Das Austrittsalter verteilt sich über alle Altersgruppen. Am höchsten ist die Wahrscheinlichkeit für einen Austritt bei jungen Erwachsenen. Nur etwa jeder zehnte Katholik in Wien geht regelmäßig in MessenDaten aus dem Jahr 2008 aus dem Paper „Urban faith: religious change in Vienna and Austria from 1986 to 2013“ von Michaela Potančoková und Caroline Berghammer . Für den anderen Teil bleibt die Wahrscheinlichkeit eines Austritts hoch. Für Muslime ist ein Austritt zwar formal möglich, aber nicht üblich. Der Glaube wird schlicht nicht mehr praktiziert. In der Projektion wäre der Muslim trotzdem enthalten, weil sie nicht Religiosität misst, sondern nur das Religionsbekenntnis.

Wie Religion von der Mutter aufs Kind vererbt wird

Die meisten Mütter geben ihren Kindern bei der Geburt das Religionsbekenntnis mit auf den Lebensweg. Es gibt noch keine abgeschlossenen Untersuchungen dazu, warum nicht mehr Eltern ihren Kindern die Religionswahl freistellen. Im Segmentations-Szenario der WIREL-Forscher geben alle Mütter ihren Kindern die eigene Religion weiter. Das ist eine sehr starke Annahme, die der Säkularisierung nicht zuträglich ist.
Diese drei Faktoren – Zuwanderung, Fertilität, Religionsmobilität – führen selbst im aus Sicht der FPÖ düstersten Szenario zu einem Anteil von 23 Prozent an der Bevölkerung im Jahr 2046. In anderen europäischen Städten – Rotterdam, Marseille, Stockholm – ist das heute Realität. Heinz-Christian Strache wird die Islamisierung Wiens also nicht mehr erleben.


Wie gut sind diese Daten und Berechnungen?

Religiöse Projektionen sind ein Spiel mit dem Was-Wäre-Wenn. Es ist nicht davon auszugehen, dass ein Szenario genau so eintritt wie prognostiziert. Es ist ein möglicher Weg in die Zukunft. Politische Entscheidungen steuern diese Wege. Wenn statistische Prognosen antizipiert werden, erfüllen sich die Prophezeiungen. Die Basis für das Forschungsprojekt WIREL waren die Volkszählungen von 1971 bis 2001. Bis dahin wurde auch das Religionsbekenntnis erfasst. Das ist seit der Umstellung auf die Registerzählung nicht mehr der Fall. Auf Basis von Daten der Stadt Wien (MA 23) haben die Demografen die religiöse Landschaft im Jahr 2011 rekonstruiert. Anhand einzelner Datenpunkte, wie etwa die Rückmeldung der Kirche der Zahl der Katholiken in Wien, konnte die Rekonstruktion weitgehend bestätigt werden. Die islamische Glaubensgemeinschaft hat keine Daten weitergegeben.

Warum werden Sterberaten nicht miteinbezogen?

Üblicherweise sind auch Sterberaten ein wichtiger Faktor für demografische Projektionen. Für Unterschiede zwischen den Religionen gibt es aber keine ausreichende Datenbasis, weshalb sie die Berechnung nicht verändernd beeinflussen.

Details zur Methodik finden Sie hier
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