Lilly Panholzer /ALLDSGN

Private versus öffentliche Schulen

Schule in Österreich: Fehler im System

von Julia Herrnböck / 09.04.2016

In Wien gibt es mehr als 200 Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht. Der Fall einer Mutter, die sich beim Stadtschulrat über ausbleibenden Lernerfolg ihres Sohnes beschwert hat, wirft die Frage auf, wie viel Kontrolle in diesem Bereich notwendig ist, ähnlich wie bei privaten Kindergärten. Und seit wann ist eigentlich Spaß am Lernen und Persönlichkeitsentwicklung in der Regelschule die Ausnahme? 

Am Ende siegte die Angst. Die Angst, dass PaulDie Namen wurden auf Wunsch der Familie geändert. doch nicht mehr aufholen wird. „Von Buchstaben hab ich schon gehört“, steht in seinem „Zeugnis“. Paul hat seiner Mutter selbst beschrieben, wie er seine Leistung am Ende des ersten Volksschuljahres einschätzt. Die Selbstreflexion ist Teil des freien Konzepts seiner Schule.

„Aber die Sibine (sic!) hat uns nie was beigebracht, in Deutsch“, diktiert Paul. Seine Mutter Anneliese H. schrieb auch diesen Satz auf – und verfiel „in Schockstarre“, erzählt sie heute, zwei Jahre später.

H. und ihr Mann hatten lange nach der richtigen Schule gesucht. Paul sollte sich nach seinem individuellen Rhythmus entwickeln können. Das Regelschulsystem kam ihnen starr und phantasielos vor. Die Wahl der Eltern – zwei Akademiker im politischen Umfeld – fiel auf das Schulkollektiv im WUK, eine Privatschule mit Fokus auf freies Lernen. Im September 2013 wurde Paul dort eingeschrieben.

Die Freiheit, die ich meine 

Soziales Lernen hat einen zentralen Stellenwert, steht im Schulvertrag. Die Kinder lernen zu entscheiden, wann sie sich mit Mathe beschäftigen wollen und wann lieber durch den Turnsaal hüpfen. Es erschien den Eltern H. ideal. Jedes Kind brauche seine Zeit, sich an diese Freiheit zu gewöhnen, wurde ihnen zu Schulbeginn vermittelt.

Doch nach Monaten sei nicht erkennbar gewesen, was Paul den ganzen Tag so macht. Familie H. wurde unruhig. „Er kannte keinen einzigen Buchstaben.“ Im März 2014 gab es ein erstes großes Gespräch mit dem Lehrer-Team über die offensichtlich fehlende Weiterentwicklung des Sohnes. Der sei noch nicht in der Schule angekommen, lautete das Feedback, die Eltern sollten sich keine Sorgen machen. Er stehe kurz vor dem Durchbruch.

Paul spielte aber weiterhin lieber Fußball. Es gab keine Hausübungen und keinen Druck seitens der Lehrer. So erzählt es Anneliese H.: „Kritik am System wurde in der eingeschworenen Gemeinschaft der anderen Eltern total abgewehrt.“ Über die Sommerferien lernte sie mit Paul. Mit den Verantwortlichen der Schule wurde ein intensiverer Lernplan beschlossen, doch geändert habe sich nichts.

Auch im zweiten Jahr konnte Paul weder lesen noch schreiben. Im Winter wechselte er an eine andere Schule, wo er bald in die erste Klasse zurückgestuft wurde – er konnte dem Unterricht nicht folgen, sei aber seinem Alter entsprechend intelligent. Er habe einfach ein ganzes Schuljahr lang nichts beigebracht bekommen, lautete das Urteil der Pädagogen an der neuen Schule. „Pädagogisch fahrlässig“ sei das, meinte Anneliese H. – und meldete das dem Stadtschulrat.

Unterrichtserfolg muss gewährleistet sein

Die WUK-Schule ist zwar privat, besitzt aber seit 1986 Öffentlichkeitsrecht. Sie muss gewährleisten, dass der „Unterrichtserfolg jenem an einer gleichartigen öffentlichen Schule entspricht.“ So steht es im Privatschulgesetz. H. ist richtig sauer. Die Schule könne ja machen, wie sie wolle – aber sie dürfe nicht das Öffentlichkeitsrecht führen, wenn sie nicht in der Lage sei, die Kinder auf vergleichbarem Niveau auszubilden.

In einem Telefonat und einem E-Mail schildert sie dem Stadtschulrat, dass der Sohn und auch andere Kinder die Kulturtechniken nicht beigebracht bekommen. Die Schule erfülle zwar formale Kriterien wie Fluchtwege, sei aber nicht in der Lage, die mit dem Öffentlichkeitsrecht verbundenen Lernziele einzuhalten.

Als sie einige Wochen später wissen will, was mit ihrer Beschwerde geschehen sei, wird sie abgewimmelt. „Wegen Amtsgeheimnis“ könne man ihr keine Auskunft erteilen. H. ist sich sicher, dass keine Überprüfung stattgefunden hat. In ihren Augen versagt die Kontrolle der privaten Einrichtungen in Wien.

Hell, bunt, frei – in der privaten Volksschule des Kulturzentrums WUK sollen die Kinder die Freude am Lernen selbstständig kennenlernen und behalten. Das funktioniert nicht immer.
Credits: Herrnböck

Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht unter der schulbehördlichen Aufsicht sind berechtigt, staatsgültige Zeugnisse auszustellen. Und: Sie haben Anspruch auf Förderungen von öffentlicher Hand. 217 dieser Bildungs-Einrichtungen gibt es aktuell in Wien.

Für Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht stellt der Bund bis zum Jahr 2018 Extramittel zur Verfügung. Grundlage dafür ist eine 15a-Vereinbarung über den Ausbau ganztägiger Schulformen. 55.000 Euro sind es beispielsweise pro Gruppe für Infrastruktur, 9.000 Euro für das Personal, die bei der Magistratsabteilung 56 beantragt werden können.

Von dort kommt auch die Auskunft, dass für das Schuljahr 2014/2015 rund 2,17 Millionen Euro an 35 Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht ausgeschüttet wurden. Für das laufende Jahr wurde ein Fördertopf von 2 Millionen Euro genehmigt.

Privat, aber mit Förderung

Ähnlich wie bei den privaten (islamischen) Kindergärten stellt sich die Frage, ob die Qualität von unabhängiger Seite ausreichend überprüft wird – in beiden Fällen finanziert der Steuerzahler die Einrichtungen über Förderungen und Anschubfinanzierungen mit.

Zuständig für die Anerkennung des Öffentlichkeitsrechts ist das Unterrichtsministerium, für die laufende Kontrolle die jeweilige Schulaufsichtsbehörde des Landes. Dass das nicht immer funktioniert, zeigen die Recherchen von Elisalex Henckel über eine islamische Privatschule in Wien: Obwohl Berichte über radikale Ansichten eingingen – auch von einem Lehrer – wurde lange nicht eingegriffen. Konfessionelle Einrichtungen bekommen den wertvollen Status automatisch verliehen.


→ Lesen Sie hier: Die Lieblingsschule der Fundamentalisten


Im Stadtschulrat verweist man zu dem Fall auf die Bezirksschulinspektion und umgekehrt. Die WUK-Schule reagiert hingegen sehr offen auf die Anfrage und lädt zu einem persönlichen Besuch und einem Gespräch zu den Vorwürfen ein.

Ein paar Eckdaten: 27 Kinder gehen derzeit in die private Volksschule des Kulturzentrums. Es handelt sich um eine selbstverwaltete Organisation. Für die Eltern bedeutet das mehr Engagement als in einer Regelschule: Sie helfen beim Kochen, bei der Aufsicht, treffen sich zu Arbeitsgruppen und fahren zusammen auf Klausuren. Das Schulgeld beträgt 315 Euro im Monat.

Was die Schule im 9. Bezirk so besonders macht, ist die große Freiheit, die Kindern bereits im Volksschulalter zugestanden wird. Der Lehrplan orientiert sich an den Methoden „Glocksee“ und „ Differenz-LehrplanSchulen, die das Öffentlichkeitsrecht mit anderen als dem österreichischen Lehrplan haben, benötigen einen Differenzlehrplan zusätzlich zu ihrem Lehrplan (im Fall der Neuen Schule der „Glockseelehrplan). Der Differenzlehrplan schafft die Verbindung zwischen dem öffentlichen Lehrplan und dem individuellen Lehrplan der Privatschule. “, der Tag teilt sich in Lerngruppen und freie Zeit, in der sich die Kinder eigenständig nach ihren Interessen und Lernzielen, die sie mit den Lehrerinnen jede Woche ausmachen, beschäftigen sollen. Im Klartext heißt das: Wer lieber Fußball spielt anstatt sich mit einem Buch in die Leseecke zu setzen, kann das tun.

Die Kinder vereinbaren mit den Lehrerinnen, woran sie in der kommenden Woche arbeiten wollen.
Credits: Herrnböck

Anders als in den meisten Regelschulen werden Kinder als gleichberechtigt angesehen, sie dürfen über die Gestaltung der Schule und das Zusammenleben genauso mitentscheiden wie die Erwachsenen. Sie sind auch schon für Aufgaben verantwortlich, etwa Blumengießen oder Beschlüsse des Plenums aufschreiben. Soziales Lernen steht an zentraler Stelle. Es gibt keine Noten, am Ende des Jahres wird gemeinsam über die Entwicklung reflektiert. So wie Paul das gemacht hat – wobei seine Eltern fast der Schlag getroffen hat.

Zu dem Termin im März im WUK sind die beiden Lehrerinnen Sabine Beck und Katharina Tschernitz erschienen, sowie Stefan Grasser, ein Vater. Sein Sohn geht hier in die Privatschule, seine Tochter in eine öffentliche.

Die Schulräume befinden sich im obersten Stock eines der rötlichen Backsteingebäude. Licht und Farben dominieren die Wahrnehmung, in den Ecken unter den hohen Zimmerdecken befinden sich die berühmten „Nester“ der Kinder, zu denen auch Erwachsene nur mit ihrer Erlaubnis Zutritt haben. „Volksschule soll Spaß machen“, sagt Katharina Beck. „Es geht darum, die Freude am Lernen zu erhalten.“

Allen Eltern werde klar kommuniziert, welche Ziele das Schulkollektiv verfolge. Doch dann gebe es immer welche, die plötzlich Stress bekommen, wenn das Kind nach einer bestimmten Zeit noch nicht lesen könne, erzählen die beiden Lehrerinnen. Es gehe auch darum, ob Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder vertrauen, ob sie ihnen die Zeit geben, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt, um etwas Neues anzuwenden. Der Großteil der Kinder wechsle später auf ein Gymnasium.

„Viele Kinder leiden darunter, beurteilt zu werden“, sagt Sabine Beck. Der Druck steige dann massiv gegen Ende der vierten Klasse, wenn es plötzlich darum geht, die besten Ergebnisse zu erzielen. „Mittlerweile gilt ein Zweier nicht mehr als Gut und reicht vielleicht nicht fürs Gymnasiums“, sagt die Pädagogin. Das alleine sei schon eine absurde Entwicklung.

Unsicherheit bei Eltern

Stefan Grasser räumt ein, dass auch er sich zwischendurch gefragt habe, ob die Entwicklung zu langsam sei. „Aber das sind Phasen, und auf einmal machen die Kinder Sprünge.“ Das Engagement für Eltern an der WUK-Schule sei in Summe gleich hoch wie bei Regelschulen, wo mehr Zeit in Hausaufgabenmachen und Lernen für Tests fließe. Hier werde der Zusammenhalt gestärkt und das Selbstbewusstsein der Kinder. Den Vorwurf, hinter der Backstein-Fassade werde Heile Welt gespielt, kontern die beiden Lehrerinnen: Auch hier gebe es Auseinandersetzungen und Frustration – nur werde den Kindern mehr Raum zugestanden, damit umzugehen.

Ist es elitär und verträumt, wenn Eltern selbst an der Schulzeit teilnehmen, hier und da ein Essen für die Klasse kochen, mitgehen zu einem Ausflug ins Museum? Oder fehlt genau dieses Engagement von privater Seite, um die Bildungsmisere in den Griff zu bekommen?

Die Frage, ob eine alternative Privatschule das Augenmerk zu stark auf die Sozialkompetenz legt, wirft auf der anderen Seite die Frage auf, warum diese in den Regelschulen des österreichischen Bildungssystems so gut wie gar keinen Platz hat. Warum darf Schule nicht generell ein Ort sein, der allen Spaß macht? Und zwar nicht nur den Schülern, sondern auch den Lehrern?

Im Plenum legen die Kinder die Themen fest, sind für Moderation, Entscheidungsfindung und Aufgabenverteilung verantwortlich. Eine faszinierende Mischung aus Pippi Langstrumpf und Manager-Seminar.
Credits: Herrnböck

Auch Martin Prem hat zwei Kinder, von denen eines weiter an die WUK-Schule geht, das andere mittlerweile auf eine öffentliche. Er hat die Unterschiede im Bildungssystem also direkt vor Augen. „Es hat mich überrascht, wie starr an standardisierten Tests und der Anhäufung von unnützem Wissen festgehalten wird, das für Prüfungen ins Kurzzeitgedächtnis gespeichert und danach vergessen wird“, meint er.

Soziales Lernen sei auch eine Forderung der Wissenschaft, welche Kompetenzen in Zukunft gebraucht werden. Seine Tochter habe sich in der WUK-Schule zu einem umgänglichen und offenen Menschen entwickelt. Die „Lernkatastrophe“, dass sie im Gegenzug weniger fit sein könnte in den Kulturtechniken, sei eingeplant gewesen, aber nicht eingetreten. Der Sohn geht aus drei Gründen auf eine Regelschule: zeitlicher Aufwand als Eltern in der selbstorganisierten Privatschule, das Schulgeld, „und er war im Gegensatz zur Tochter nicht der Typ für das ganz freie Lernen“.

In der öffentlichen Volksschule in Rudolfsheim habe er nur Einser – was nicht alleine an seinem Eifer liege. Das Niveau der Klasse sei merkbar anders, sagt Prem. 80 Prozent der Mitschüler haben Migrationshintergrund. „Das ist kein Wunder, wenn alle wegdrängen in Eliteschulen.“

Übrig blieben in den ganz normalen Schulen Kinder, deren Eltern nicht die Ressourcen für eine bessere Ausbildung haben. Ein unfairer Teufelskreis. Ganzheitliche Bildung, die über das Schreiben, Lesen und Rechnen hinausgeht, sollte aber allen Kindern mitgegeben werden, nicht nur den Privatschülern, deren Eltern sich das finanziell und vor allem zeitlich leisten können.

Superfrei und superintelligent – ein Widerspruch?

Für Eltern sei es oft schwer anzuerkennen, dass sich das eigene Kind eben frei und in seiner Persönlichkeit entwickeln darf, wie das in der WUK-Schule mit dem Fokus auf Sozialkompetenz vorgesehen ist, im Normalfall aber nicht gleichzeitig zum absoluten Genie entwickelt wird. Daher komme auch der Druck, wenn die Kinder in alternativen Konzepten mit der verlockenden Freiheit nicht so umgehen, wie sich das die Eltern wünschen.

„Es sind eben Kinder. Und wenn die Erwachsenen alle Entscheidungen an sie abgeben, sind sie überfordert“, sagt eine Wiener Volksschuldirektorin, die nicht namentlich genannt werden will. Sie habe vor Jahren ein Praktikum an der WUK-Schule absolviert und habe das nicht in bester Erinnerung. Wenn ein Kind wie Paul in einem ganzen Jahr gar nichts gelernt habe, laufe etwas falsch.

Nach einigen Wochen findet auch ein Gespräch mit der zuständigen Bezirks-Schulinspektorin Michaela Dallinger statt. Eine Überprüfung der Vorwürfe von Familie H. zur angeblich schlechten Ausbildung von Paul habe stattgefunden, sagt sie am Telefon. Sie habe mit den Lehrerinnen der Schule Kontakt aufgenommen und sei persönlich vor Ort gewesen. „Ich habe nichts feststellen können, was ein weiteres Handeln notwendig gemacht hätte. Das Lehrpersonal der WUK-Schule ist sehr engagiert“, führt Dallinger aus.

Freilich gebe es Schülerinnen und Schüler, die mit dem Konzept des freien Lernens weniger gut zurande kommen. In so einem Fall werde versucht, die Kinder an das Konzept heranzuführen. Wenn das im Rahmen der Möglichkeiten einer kleinen Schule nicht fruchte, sei ein Schulwechsel sinnvoll – wie im Fall von Paul. Dass Familie H. keine Informationen mehr bekommen habe, sei keine Absicht gewesen.

Stellt die Schulaufsichtsbehörde Fehler fest, gibt es üblicherweise eine Frist, diese zu beheben. Bei konkreter Gefahr könne eine Schule auch sofort geschlossen werden. Es sei in der Vergangenheit jedenfalls schon öfter vorgekommen, dass einer Privatschule das Öffentlichkeitsrecht entzogen wurde, sagt Schulinspektorin Dallinger.