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Kurden in Wien

Türkische Innenpolitik in Österreich

von Katharina Egg / 14.08.2016

Rund 24.000 Kurden aus der Türkei leben in Wien. Die meisten sind als Gastarbeiter gekommen, ihre Kinder sind politisiert und fördern heute in Vereinen die eigene Kulturvermittlung. Eine Analyse der kurdischen Community.

Die Türkei ist seit dem Putschversuch im Juli im Ausnahmezustand. „Säuberungen“ und neue umstrittene Gesetze des türkischen Präsidenten beherrschen auch in Europa die politische und mediale Öffentlichkeit. Nicht zuletzt, weil die türkische Innenpolitik auch sichtbare Auswirkungen auf die in Europa lebenden Türken hat: In Köln demonstrierten nach dem gescheiterten Putsch bis zu 40.000 AKP-Anhänger für Erdoğan, und in Wien gingen ebenfalls Türken auf die Straße, um Solidarität mit dem türkischen Präsidenten zu zeigen.

Im Zuge der Demonstration wurde auf der Mariahilfer Straße der Gastgarten des Lokals Türkis zerstört. Die kurdischen Betreiber des Lokals wollten eine Woche später öffentlich zu diesem Angriff Stellung beziehen, die Pressekonferenz wurde jedoch nach Drohungen auf Facebook abgesagt. Nicht nur die Lokalbetreiber klagten über Drohungen in den sozialen Netzwerken. Auch kurdische Vereine befürchteten Angriffe nach Beschimpfungen im Internet. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist auf diese Konflikte konzentriert; die Identität der Kurden in Österreich ist jedoch weitaus vielfältiger.

Insgesamt leben zwischen 60.000 und 100.000 Kurden in Österreich, so der Politologe Thomas Schmidinger. Er ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie und Mitherausgeber der Fachzeitschrift Kurdische Studien. Das ist eine sehr breit gefächerte Schätzung, aber genauere Zahlen gibt es nicht. Die Statistik Austria und das Innenministerium erfassen nur Bevölkerungsdaten von anerkannten Staaten, so die offizielle Begründung.

Vereinskultur im Exil

Kurden werden oft als größte staatenlose Volksgruppe der Welt bezeichnet. Der Großteil ist über die Türkei, Syrien und den Irak verteilt. In Österreich stammen die meisten zugewanderten Kurden aus der Türkei, deshalb kommt eine Einordnung der kurdischen Community ohne den Bezug zu dem Land kaum aus. Zwischen einem Viertel und einem Drittel der 187.796 Austro-Türken sind Kurden, schätzt Schmidinger.

Die große Ungenauigkeit seiner Schätzung komme auch davon, dass gar nicht so einfach zu beantworten sei, wer sich aller zu der Volksgruppe zähle: „Es gibt zum Beispiel zazasprachige Menschen aus der Türkei, die sich als Kurden definieren, und solche, die sich als Zaza bezeichnen.“  Zaza ist ein in der Türkei stark verbreiteter kurdischer Dialekt. Insgesamt sind rund eine Million Kurden im Exil in Europa. Der militärische Konflikt zwischen der PKK und der türkischen Regierung begann 1984, in den 1980er und 90er Jahren flüchteten viele Kurden aus verschiedenen Gründen nach Österreich. Doch nicht alle sind aus politischen Gründen hier, die meisten sind als Gastarbeiter gekommen.

Diese Einwanderungsgründe spiegeln sich auch in der Vereinskultur wider. So entstanden in den 70ern die ersten kurdischen Arbeitervereine, um sich innerhalb der noch kleinen Community zu organisieren, einander mit Behördengängen zu helfen und Feste zu feiern. Angetrieben von Intellektuellen und Studierenden im Exil politisierten sich die Gruppierungen nach dem Militärputsch 1980 vermehrt.

Viele Kinder dieser ersten Zuwanderungsgeneration sind auch heute noch politisch aktiv. Ruken Eraslan etwa ist heute Vorstandsmitglied in der FEYKOM, der größten kurdischen Vertretung mit über 14 Mitgliedsvereinen in fast allen Bundesländern. Früher war sie ÖH-Referentin und macht keinen Hehl aus ihrer politischen Aktivität.

Kurdische Kämpfe in der Türkei

Die Situation in Österreich habe eins zu eins mit der Situation in der Türkei zu tun, sagt Eraslan. „Je stärker in der Türkei eine kurdenfeindliche Politik betrieben wird, desto mehr schlägt sich das auch in hier in der Atmosphäre nieder.“ Das erklärt die Anfeindungen in Wien, entwickelte sich doch die Beziehung zwischen der Regierung in Ankara und den südlichen kurdischen Gebieten nicht gut.

Bereits im Mai dieses Jahres wurde die Immunität zahlreicher Abgeordneter der linksgerichteten pro-kurdischen Partei HDP aufgehoben. Sie wurde auch als einzige Parlamentspartei bei der Großkundgebung am 7. Juli in Istanbul nicht eingeladen. Die Veranstaltung sollte die Einheit der Türkei und auch des Parlaments repräsentieren. Präsident Erdoğan begründete die Ausladung der HDP mit denselben Argumenten wie die Aufhebung der Immunität der Abgeordneten: Die Partei sei der verlängerte Arm der verbotenen Terrororganisation PKK. „Wir müssen nicht nur jene überprüfen, die an diesem Verrat beteiligt waren, sondern auch die Kräfte dahinter, die Motive, die sie dazu brachten, aktiv zu werden“, sagte Erdoğan bei einer Rede vor mehr als einer Million Türken.

Die offene Ablehnung kurdischer Vertreter ist nichts Neues. Bereits vor dem Putsch waren Gebiete im Südosten der Türkei einem offenen Bürgerkrieg nahe. Der Waffenstillstand zwischen der Regierung in Ankara und der im Süden des Landes stark vertretenen Terrororganisation PKK hat nicht gehalten. Bereits letzten Juli wurde die zweijährige Waffenruhe ausgesetzt. Die gegenseitigen Attacken wirken sich auch auf die Asylanträge in Europa aus. In Deutschland sind die Anträge aus den kurdischen Gebieten in der Türkei in der ersten Hälfte dieses Jahres fast so hoch wie jene aus dem gesamten Vorjahr. In Österreich zeigen die Zahlen keinen bestimmten Anstieg – im ersten Halbjahr 2016 wurden 166 Asylanträge aus der Türkei gestellt. Aus welchen Gebieten diese kommen, kann laut dem Innenministerium nicht festgestellt werden. Thomas Schmidinger spricht jedoch von einem Anstieg in Österreich.

Zwischen Assimilation und eigener Sprache

In der Türkei waren bis vor ein paar Jahren die kurdische Sprache, Kultur und Identität verboten. Übertretungen wurden mit Strafe geahndet. Diese Angst vor der Unterdrückung nahmen die Kurden nach Österreich mit: Hier durften sie ihre Sprache sprechen, die Folgen der jahrelangen Assimilationspolitik blieben jedoch immer im Hinterkopf. Heute ernte man in der Öffentlichkeit wieder schiefe Blicke, erzählt Eraslan über ihre Erfahrungen in den letzten paar Monaten. Einige Mitglieder trauen sich auch in Österreich nicht mehr, Kurdisch zu sprechen.

Dabei ist Sprache ein großer Faktor in der Bildung der eigenen Identität. Alle Vereine unter dem Dach von FEYKOM bieten Sprachkurse an und sehen das als Grundpfeiler ihrer Aufgabe. „Die kurdische Sprache ist immer weiter in Vergessenheit geraten“, erzählt Eraslan. Von den Kurden in der zweiten oder dritten Generation wird sie auch kaum mehr gesprochen. Sie selbst ist in der Türkei geboren, in Österreich aufgewachsen und sieht es als Aufgabe des Vereins, die kurdische Kultur zu leben und zu vermitteln – inklusive Folklore und Literaturvermittlung.

Ideologische Ausrichtungen

Neben der kulturellen Arbeit gehört auch die Kommunikation nach außen zu den Aufgaben des Vereins. Aber was wird kommuniziert? Im Vereinslokal hängen Fotos von gefallenen Soldaten im Kampf gegen den IS im Norden Syriens. Groß darüber stehen die Abkürzungen PKK und YPG. Das sei keine Überraschung, denn „die meisten Vereine der türkisch-kurdischen Diaspora sind PKK-nahe“, sagt Politikwissenschaftler Schmidinger.

Obwohl sich die kurdischen Vereine mit ihrer zunehmenden Politisierung und dem steigenden Selbstverständnis der kurdischen Identität immer weiter von türkischen Vereinen abgegrenzt haben, kooperieren sie heute mit Gruppen ähnlicher politischer Ausrichtung. So gibt es auch Kooperationen zwischen politisch linken türkischen Vereinen und der FEYKOM. In der Öffentlichkeit treten Kurden vor allem als linke, marxistische und aktionistische Gruppierung in Erscheinung. Doch es gibt es auch die andere Seite: Dschihadistische und konservative Kurden sind in der Öffentlichkeit nur nicht so gut sichtbar. „Teilweise können die sehr konservativen Kurden besser Kurdisch als die politischen“, sagt Schmidinger zu ihrer kulturellen Verortung. Sie seien dann nur in islamischen Organisationen organisiert und nicht in kurdischen Vereinen.

Steigt die Repression in der Türkei gegen die linke prokurdische HDP und PKK-Sympathisanten, wird das wahrscheinlich kaum Auswirkungen auf die konservativen und islamischen Vereine haben – sehr wohl aber auf die FEYKOM und ihre Partnervereine. Die türkische Innenpolitik überträgt sich schließlich auf die Stimmung innerhalb der Community in Österreich.