Über kleinere Wohnungen sollte Wien durchaus nachdenken

von Georg Renner / 30.12.2014

Mehr hat es nicht gebraucht: Ein Vertreter der Immobilienmakler in der Wiener Wirtschaftskammer – sonst, siehe Sonntagsöffnung, ohnehin nicht unbedingt eine Institution, die ihren Zwangsmitgliedern das Leben allzu einfach macht – regt an, es sollten doch lieber wieder mehr kleinere Wohnungen gebaut werden: Immerhin sei die Tatsache, dass vor allem größere Wohnungen am Markt seien, für die steigenden Wohnpreise in Wien mitverantwortlich.

Die hämischen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, der solcherart zitierte Fachgruppenobmann ward flugs der „sollen sie doch Kuchen essen“-Fraktion zugeordnet – die Frage inklusive, wo denn „der Herr Pisecky“ so wohne, denn schließlich diskutieren in entwickelten Demokratien (und auf Twitter) ausschließlich Menschen, die selbst ohne Fehl sind.

Jetzt kann man Fragen des Wohnens natürlich auf dem „Da der Pöbel, dort die Bonzen, hängt sie höher“-Niveau angehen (immerhin ist Wirtschaftskammerwahlkampf) und davon ausgehen, dass die Kammer automatisch das Schlechteste für die Verdammten dieser Erde will. Man könnte sich aber auch fragen, ob die Makler qua Kundenkontakt nicht vielleicht doch ein bisschen Ahnung von der tatsächlichen Situation des Wohnungsmarktes haben. Sehen wir uns doch einmal an, wie sich die Wiener Wohnungssituation in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat.

Zunächst einmal: Die Wohnfläche in Wien ist enorm gewachsen, in weit höherem Ausmaß als die Bevölkerung. Fanden 1,62 Millionen Wiener 1971 noch auf 44,5 Millionen Quadratmetern Wohnnutzfläche das Auslangen, hatten 1,71 Millionen Einwohner 2011 komfortable 69,2 Millionen Quadratmeter zur Verfügung. Anders gesagt: Die Nutzfläche pro Kopf stieg über diese 40 Jahre von 27,5 Quadratmeter auf 40,4.

Wohnfläche Wien
Wohnfläche Wien
Wohnnutzfläche in Wien 1971 gegenüber 2011.<br /> Quelle: Statistik Austria, Grafik: Gerald Gartner

Korrespondierend mit dem gestiegenen Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte sind es vor allem größere Wohnungen – also 90 Quadratmeter aufwärts –, die zahlenmäßig zugelegt haben.

Zurückgegangen ist dagegen die Zahl kleinster Wohnungen bis zu 45 Quadratmeter, jene zwischen 45 und 60 ist nur marginal gestiegen.
Im selben Zeitraum massiv gestiegen – und das ist durchaus ein signifikanter gesellschaftlicher Wandel – ist dagegen die Zahl der Einpersonenhaushalte in Wien, auch im Vergleich zum Bevölkerungswachstum der Stadt.

Jetzt kann man natürlich finden, dass alle Menschen ein Anrecht auf 100 Quadratmeter plus hätten (zumindest das Nachhaltigkeitsargument zieht dagegen kaum – eine nach modernen Standards gebaute Großwohnung frisst weit weniger Ressourcen als ein 30-Quadratmeter-Altbau, bei dem der Wind durch die Fensterritzen pfeift). Dass die Zahl der Single-Haushalte in absehbarer Zeit abnehmen würde, ist bis auf Weiteres – Stichwort steigende Lebenserwartung einerseits, spätere Familiengründungstendenz andererseits – nicht abzusehen.

Der allgemeinen Lebenserfahrung nach, dass allein wohnende Menschen weniger Wohnraum brauchen (und in vielen Fällen auch wollen), ist der Wunsch nach mehr verfügbaren kleineren Wohnungen zur Marktentlastung also durchaus nachvollziehbar – und wert, ihn planerisch im Kopf zu behalten.