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Übergriff in der U6? Wegschauen ist feige

Meinung / von Wolfgang Rössler / 10.05.2016

Thomas Rottenberg hat sich für drei Minuten in die U6 gesetzt. Mehr Mumm brachte er nicht auf. Als neben ihm eine Frau misshandelt wurde, hat er weggeschaut. 

Der Moderator, Journalist, Jogger und Blogger Thomas Rottenberg hat einen Text verfasst, der am Wochenende in den sozialen Medien unter heftigem Schaudern weitergereicht wurde. Rottenberg schildert Szenen einer frühmorgendlichen U-Bahn-Fahrt zwischen den Stationen Gumpendorfer Straße und Burggasse-Stadthalle. Drei Minuten Höllenritt. „Dreck, Dealer, Scherben, Lachen am Boden“, schreibt er. Und das ist erst der Anfang einer besonders abenteuerlichen Erlebnisreise.

Wahlkampf in der U6“ soll illustrieren, wie die Situation in Wien kippt, weil Drogensüchtige, Dealer und Zuhälter in der Öffentlichkeit zunehmend aggressiv auftreten. „Was zählt, sind Wahrnehmungen“, schreibt der Autor, „nicht die Wirklichkeit.“

Seine Wahrnehmungen bestärken das Unbehagen vieler, die zwar die FPÖ nicht wählen möchten, doch angesichts der zuletzt gehäuft publik gewordenen Gewaltakte in Wien mit ihren Überzeugungen hadern. Rottenberg präsentiert sich als einer von ihnen. Urban. Links. Liberal. Für leiwand.

Er schreibt:

Ringsum das Übliche. Ich schaue weg. Auf den Boden. Durch die Leute. Tue, als sähe ich Dealer, Dreck, Scherben, Lachen am Boden und Junkies nicht. Rede meiner Nase ein, nichts zu riechen. Bemühe mich, nicht zu bemerken, was da von Hand zu Hand gereicht geht. Sehe die drei nicht einmal 16-jährigen Mädchen, die durch den Mix aus Drogen, Übermüdung und Elend einer zu langen Nacht (und vieler davor) kaum stehen können, nicht. Höre den vierschrötigen Mit-Dreissiger mit fast ebenso elendem Auftreten nicht, der die Mädchen anfährt. Dass die sich beim Anschaffen halt mehr anstrengen müssten. Und ignoriere, wie er eine der Frauen dabei an den Haaren reisst und gegen die Wand drückt. Feig? Ja. Aber: Nichts, was ich ändern könnte. Nicht, ohne mich selbst zur Zielscheibe zu machen. Und es würde Nichts ändern.

Rottenberg hat sich offenbar verhalten wie viele andere Menschen, die wegschauen, wenn sie Zeuge einer Gewalttat werden. Eine Entschuldigung ist das nicht. Und nein: Wäre er eingeschritten, hätte er sehr wohl etwas ändern können. Übergriffe wie der von ihm beschriebene geschehen in aller Öffentlichkeit, weil die Täter auf die Untätigkeit jener zählen können, in deren Macht es stünde, dem Treiben ein Ende zu setzen.

Der Einzelne, die Einzelne ist selbstverständlich in der Lage, diese Schockstarre zu durchbrechen. Sei es, indem man den Täter aus sicherer Entfernung anspricht. Sei es, indem man sich mit anderen Passanten zusammentut und gemeinsam eingreift. Sei es, indem man zumindest die Polizei ruft, die nach eigenen Angaben in solchen Situationen binnen weniger Minuten zur Stelle ist. All diese Formen der Zivilcourage sind mit überschaubarem Risiko verbunden. Wegschauen ist nicht mit Selbstschutz zu begründen. Wer wegschaut, will bloß keine Scherereien haben.

Update: Thomas Rottenberg hat auf Twitter auf unseren Kommentar reagiert: