Inserat der Wiener Linien

Inserate zur Wienwahl

Wahljahr ist Zahljahr

von Julia Herrnböck / 19.12.2015

Wir haben die Werbeausgaben von 15 öffentlichen Wiener Stellen aus den Medientransparenzdaten herausgezogen und die Zahlen mit 2014 verglichen: Der Unterschied dieser Stichproben besagt, dass im Wahljahr 2015 11,3 Millionen Euro mehr an Steuergeld für Inserate ausgegeben wurden. 

Haben Sie auch den Eindruck, vergangenes Jahr über die Arbeit von Wiener Wohnen umfangreich informiert worden zu sein sein? Und dieses Jahr sogar noch etwas mehr? Laut Medientransparenzdaten hat Wiener Wohnen 2014 jedoch gar nichts inseriert – zumindest wurde in jedem Quartal ein Leerstand gemeldet. 2015 sind es mit 302.445 Euro bis September auch nicht gerade viel, wenn man die Werbebudgets anderer Stellen heranzieht.

Wiener Wohnen meldete 2014 keinen einzigen Euro für Werbeausgaben. Der Trick? Unregelmäßige Beilagen.

Spielt Ihnen die eigene Wahrnehmung einen Streich? Haben Sie am Ende von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) und den vielen geförderten Bauten nur geträumt? Mitnichten: Beilagen und Sondertitel sind nur von der Meldepflicht erfasst, wenn sie denselben Medieninhaber aufweisen wie das Druckwerk, dem sie beigelegt sind.

Erscheint ein solches Werbeheft weniger als viermal im Jahr oder unter anderem Namen, muss die darin enthaltene Werbung nicht gemeldet werden. So einfach ist das. Wie viel Wiener Wohnen tatsächlich für Inserate in den zahlreichen Beilagen ausgegeben hat, bleibt trotz Medientransparenzgesetz geheim.

Am Dienstag wurden von der Medienbehörde KommAustria die Daten für das 3. Quartal 2015 veröffentlicht, und wir haben stichprobenartig abgefragt, ob öffentliche Unternehmen im Wahljahr mehr inseriert haben als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Und siehe da – genauso ist es in vielen Fällen.

Die Werbeausgaben vieler öffentlicher Stellen in Wien sind 2015 massiv gestiegen.
Credits: Fabian Lang

Neben der Kuriosität, dass Wiener Wohnen 2014 nur Leermeldungen gemacht hat, sind einige weitere interessante Aspekte bei der Recherche aufgekommen: So ist die Medienbehörde KommAustria mit rund 7,6 Millionen Euro im Jahr selbst einer der größeren Inserenten der Republik. Die Stadt Wien hat ihre Ausgaben von 17,3 Millionen Euro auf 23,3 im Wahljahr hochgeschraubt.

Eine der größten prozentuellen Sprünge machen die Wiener Stadtwerke Holding Antwort aus dem Pressebüro der Wiener Stadtwerke: „Wie den 2014er-Zahlen zu entnehmen ist, werben die Wiener Stadtwerke seit Jahren nur in sehr sehr bescheidenem Maße. Ausnahme: die Bewerbung der Langen Nacht der Wiener Stadtwerke. Eine solche fand im Frühjahr 2015 statt, im Jahr 2014 nicht. 2016 lassen wir aus, 2017 soll es nach aktueller Planung wieder eine geben. Unsere ‚Lange Nacht‘ ist eine Leistungsschau des gesamten Konzerns (Wiener Linien, Wien Energie, Wiener Netze, Bestattung und Friedhöfe, Wipark, Wiener Lokalbahnen..), uns als Holding obliegt hier die Bewerbung. Wie Sie der sehr breiten Streuung der eingesetzten Mittel laut Medientransparenz-Datenbank entnehmen können, versuchen wir möglichst alle WienerInnen zu erreichen. Nachdem zehntausende Menschen zur Langen Nacht kamen, fühlen wir uns bestätigt.“ (2014: 13.644 Euro, 2015: 459.398 Euro), die Wirtschaftsagentur der Stadt Wien Erklärung aus der Presseabteilung der Wirtschaftsagentur: „Die Zahlen für den von ihnen angegebenen Zeitraum stimmen überein. Die erhöhten Ausgaben 2015 ergeben sich vor allem aus der einmaligen Standortkampagne die wir gemeinsam mit der Industriellenvereinigung Wien und 15 großen Wiener Unternehmen durchgeführt haben. Die Gesamtkampagne wurde gemeinsam – 50:50– finanziert, allerdings alleine von der Wirtschaftsagentur abgewickelt. Das bedeutet auch, dass das gesamte Schaltvolumen von der Wirtschaftsagentur ordnungsgemäß gemeldet und dargestellt wurde. In diesem Gesamtvolumen ist daher auch der Anteil der Unternehmen beinhaltet, die sich an der Kampagne beteiligt haben. Außerdem hat die Wirtschaftsagentur im September 2015 am großen Wiener Forschungsfest rund 40 Wiener Forschungsunternehmen und Forschungseinrichtungen mit ihren Projekten präsentiert. Diese Großveranstaltung findet nur alle 2 Jahre statt.“ (2014: 96.710 Euro, 2015: 1.187.232 Euro) und die Wiener Gebietskrankenkassen (2014: 76.385 Euro, 2015: 371.822 Euro).

Es gibt keine Deckelung bei der Werbeausgaben von öffentlicher Hand, und es ist auch nicht verboten, mehr zu inserieren, weil zufällig Wahlen anstehen. Der Unterschied in den Ausgaben der 15 untersuchten Rechtsträger beträgt allerdings 11,3 Millionen Euro – ein Betrag, bei dem man doch darüber reden sollte, ob das Steuergeld richtig eingesetzt ist, und ob das nicht indirekte Wahlwerbung darstellt.

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