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Allerheiligen

Das Bestattungsmonopol ist nicht umzubringen

von Leopold Stefan / 02.11.2015

Vor über zehn Jahren fiel das Bestattungsmonopol der Stadt Wien. Trotzdem dominiert der ehemalige Alleinanbieter, die Bestattung Wien GmbH, den Markt. Kleine Privatbestatter kommen gegen den gut vernetzten Riesen kaum an. Sie werfen dem Marktführer vor, den freien Wettbewerb zu behindern. 

Bis ins 21. Jahrhundert hinein war es den Gemeinden vorbehalten, anhand eines Bedarfsnachweises die Zahl der erlaubten Bestatter festzulegen. In Wien, der größten Gemeinde der Republik, war der Fall klar: Für die rund 16.000 Todesfälle im Jahr wird nur ein einziger Anbieter benötigt.

Somit wurde jedes Begräbnis und die begleitenden Dienstleistungen in Wien von dem gemeindeeigenen Unternehmen, der Bestattung Wien GmbHDie Stadt Wien konzentriert bereits 1907 durch Aufkauf der zwei größten Privatbestatter das Gewerbe in eigener Hand. Anfang der 1950er Jahre übernimmt die städtische Bestattung alle übrigen Privatanbieter und wird in die Wiener Stadtwerke aufgenommen. Nach mehreren Umstrukturierungen entsteht 2010 die Bestattung und Friedhöfe GmbH als Mutter unter anderem der separaten Gesellschaften Bestattung Wien GmbH und Friedhöfe Wien GmbH. organisiert. Diese staatlich festgelegte Bedarfsprüfung widersprach den Wettbewerbsregeln der EU und wurde auf Druck von Privatanbietern im Jahr 2002 schließlich aufgegeben.

Konkret war es das damals in Kärnten und der Steiermark tätige Bestattungsunternehmen Pax, das sich auf Kriegsfuß mit dem langjährigen Platzhirsch in Wien befand. Im Jahr 2003 entstand mit Pax, bald gefolgt vom Bestatter Perikles, zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder Konkurrenz im Wiener Bestattungsgewerbe.

Nach nur sechs Jahren kapitulierten sowohl die Eigentümer der Firma Pax als auch jene der Firma Perikles. Die Bestattung Wien kaufte beide Konkurrenten auf und sicherte sich laut damaligen Medienberichten wieder eine beinahe vollständige Kontrolle des Gewerbes mit einem Marktanteil von 97 Prozent.

Die ehemals privaten Anbieter werden weiterhin als separate Einheit unter dem Namen „PAX diebestattung GmbH“ im Besitz der Bestattung Wien geführt, um den Anschein einer größeren Angebotsvielfalt zu erwecken. Die Bestattung Wien setzte 2010 damit auf eine „Mehrmarkenstrategie“, um jene Kunden anzusprechen, die eine Alternative zum scheinbaren Ex-Monopolisten suchten, wie die Tageszeitung Die Presse aus dem Unternehmen erfuhr.

Neue Herausforderer

Der größte Bestattungsmarkt Österreichs lockte trotz des Scheiterns der ersten Mitbewerber weitere Unternehmer an. In den vergangenen fünf Jahren erhielten die Wiener dank zahlreicher privater Kleinunternehmen neue Möglichkeiten, sich von verstorbenen Angehörigen zu verabschieden. Laut Wirtschaftskammer operieren neben den Gemeindeanbietern 15 weitere Bestattungsunternehmen in Wien. Viele davon führen eine sehr geringe Zahl an Begräbnissen durch, oder sie sind überhaupt nur auf Überführungen der Leichname ins Ausland spezialisiert.

Laut Branchenkennern kontrolliert die Bestattung Wien derzeit noch rund 80 Prozent des Marktes. Etwa zehn private Firmen bestreiten das übrige Fünftel – mehr als 3.000 Begräbnisse. Obwohl sie dem Branchenprimus langsam aber doch zu Leibe rücken, beklagen sich viele der privaten Bestatter über Wettbewerbsverzerrungen, mit denen das Gemeindeunternehmen dank seiner Sonderstellung die Konkurrenz ausbremst.

Das Pietätsmonopol bleibt

Bereits in dritter Generation bietet Heinrich Altbart mit seinem Penzinger Unternehmen Dienstleistungen wie Trauerfloristik für Begräbnisse an. Seit der Marktliberalisierung ist seine Firma zum größten privaten Bestatter in Wien aufgestiegen.

Ein weiterhin bestehendes Monopol ist Altbart aber ein Dorn im Auge: Gemäß des Wiener Leichen- und Bestattungsgesetzes müssen Verstorbene bis zur Beisetzung in einer Kühlhalle auf Friedhofsgelände liegen und dürfen nur in den dortigen Hallen aufgebahrt werden.

Sämtliche Aufbahrungshallen, auch jene auf Pfarrfriedhöfen, werden von der Bestattung Wien betrieben. Privaten Unternehmen bleibt sowohl die Verwendung eigener Kühlkammern verwehrt als auch die Aufbahrung und somit die Veranstaltung von Abschiedszeremonien im privaten Ambiente. Wird ein Begräbnis privat organisiert, fließen die Kosten für Kühlung und Aufbahrung von rund 500 Euro an die Friedhöfe Wien, Tochter der Bestattung und Friedhöfe Wien GmbH. Insofern lebt die ehemalige Monopolstellung in Teilbereichen weiter.

Im Frühjahr initiierte Altbart darum die bereits zweite Klage vor dem Verfassungsgerichtshof. Die erste Klage einer Wiener Bezirksrätin, die vorsorglich ihren Kindern ermöglichen wollte, sich selbst den Rahmen für ein Abschiednehmen auszusuchen, scheiterte.

Die restriktiven Vorgaben seien laut der Stadt Wien aus Gründen der Pietät und der Hygiene gerechtfertigt. Einen ähnlichen Vorbehalt gegen private Anbieter gibt es allerdings in den übrigen Bundesländern nicht. Außerhalb der Bundeshauptstadt betreiben private Bestatter Kühl- und Aufbahrungshallen in pietätvoller und hygienischer Weise.

Erste Tür Standesamt, zweite Bestattung Wien

Ende Oktober feierte Hermann Furtner sein dreijähriges Firmenjubiläum als Bestatter in Wien. Um neue Kunden zu gewinnen, ist sein repräsentativer Schauraum und positive Mundpropaganda wichtig. Als privater Bestatter sei man benachteiligt, wenn es darum geht, von Hinterbliebenen direkt nach einem Todesfall als potenzieller Ansprechpartner wahrgenommen zu werden, bestätigt Furtner einen häufig geäußerten Kritikpunkt. Die Bestattung Wien nutze ihre enge Verbindung zur Gemeinde, um sich vorteilhaft am Markt zu positionieren.

Werbung auf Friedhöfen ist aus Pietätsgründen verboten. Einzig die Plaketten der Bestattung Wien sind weiterhin an den Friedhofsmauern montiert. Ein Relikt aus der Zeit des gesetzlich abgesicherten Monopols. Die Beanstandungen der privaten Anbieter liefen bislang ins Leere.

Vorwürfe, in Spitälern und Pflegeheimen der Gemeinde würden Informationsbroschüren der privaten Konkurrenz entfernt, wies die Bestattung Wien bereits in der Vergangenheit zurück.

Hingegen ist ein augenscheinliches Privileg der Bestattung Wien die strategisch gute Lage der Servicestellen, von denen sich viele direkt in den Amtsgebäuden der Stadt befinden. Angehörige müssen daran vorbei, wenn sie die Sterbeurkunde auf dem Standesamt abholen.

Für Bestatter gilt außerdem, wie bei den Friedhöfen, ein Werbeverbot im Umkreis der Standesämter. Für viele Trauende führt also kein Weg an der Bestattung Wien vorbei. Die private Konkurrenz müsste man aktiv suchen. Im emotionalen Ausnahmezustand verzichten wohl viele auf eine intensive Marktrecherche.

Ausschreibungen nach Maß

Die ungewöhnlichen Bestattungswägen der Firma Himmelblau, die statt der klassischen Schwarzlackierung in den Firmenfarben gehalten sind, überführen seit 2013 Leichen in Wien und Umgebung. Das junge Bestattungsunternehmen ist mit dem Ziel angetreten, eine Alternative zu den traditionell trist gehaltenen Angeboten zu liefern und dabei günstiger als die Bestattung Wien zu sein, erklärt Geschäftsführer Georg Haas.

Zu einem bedeutenden Geschäftsbereich hat derzeit, unabhängig von der Kostenstruktur, weder die Firma Himmelblau noch ein anderer privater Bestatter Zugang: Armen- beziehungsweise Sozialbestattungen sind ein weiteres De-facto-Monopol der Bestattung Wien, erklärt Haas.

Wenn sich eine Familie ein Begräbnis nicht leisten kann oder keine Angehörigen gefunden werden, übernimmt die Gemeinde die Kosten. In Wien ist die MA 15, der Gesundheitsdienst, dafür verantwortlich. Jährlich übernimmt die Stadt die Kosten für rund 900 solcher Bestattungen, die jeweils etwa 3.500 Euro kosten. Das ergibt ein Auftragsvolumen von über drei Millionen Euro.

Im Frühjahr 2013 hat die Stadt einen Auftrag auf unbestimmte Zeit für die Durchführung der Armenbestattungen ausgeschrieben. Die Kriterien für den gesuchten Dienstleister waren nur von der Bestattung Wien zu erfüllen. Für die Jahre 2010 bis 2013 mussten beispielsweise mindestens 1.600 Leichentransporte vorgewiesen werden. Angesichts der Tatsache, dass die Bestattung Wien im Jahr 2010 gerade die damalige Konkurrenz geschluckt hatte, war diese Auflage alleine für die privaten Anbieter kaum zu erfüllen. Kein Kriterium waren die zu erwartenden Kosten.

Die Privatbestatter hätten sich für die Ausschreibung zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um sämtliche Anforderungen zu erfüllen, doch die Frist war damals zu knapp bemessen. Da der Auftrag auf unbestimmte Zeit mit einer einjährigen Kündigungsfrist an die Bestattung Wien erteilt wurde, heißt es für die Privatanbieter seither wieder warten. Ein Monopol ist schwer zu brechen, aber das Geschäft mit dem Tod ist geduldig.


Gegenüber einer früheren Version des Artikels wurde präzisiert, dass sich die Kosten für Kühlung und Aufbahrung zum Großteil an die Friedhöfe Wien GmbH und nicht an die Bestattung Wien GmbH fließen. Zusatzleistung für die Aufbahrung werden von der Bestattung Wien GmbH zur Verfügung gestellt. Ein Begräbnis muss beiden Gesellschaften gemeldet werden.