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Randnotiz

Wie ich ungewollt einen Shitstorm ausgelöst habe

von Wolfgang Rössler / 13.05.2016

Ich habe Thomas Rottenberg in einem Kommentar kritisiert. Daraufhin wurde er auf Twitter persönlich angegriffen. Das tut mir leid. 

Am Ende stand eine ausführliche Unterhaltung via Facebook-Chat. Thomas Rottenberg brachte seine Argumente noch einmal vor und nannte Beispiele. Ich erläuterte anhand eigener Erfahrungen, warum ich gegenteiliger Meinung bin. Ich habe meinen Standpunkt überdacht und mir überlegt, ob ich zu selbstgerecht war. Letzteres trifft zu. Mein Standpunkt hat aber in der selbstkritischen Prüfung gehalten: Besser eingreifen als nichts tun.

Es ging darum: Rottenberg wurde in der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße Zeuge, wie ein offensichtlicher Zuhälter eine Minderjährige, die offensichtlich für ihn auf den Strich ging, an den Haaren zog und mit dem Kopf gegen die Wand presste. Beide standen offensichtlich unter Drogen. Später bloggte er über den Vorfall. Dass er nicht reagiert habe, sei „feig“ gewesen. Andererseits hätte das nichts gebracht und die Sache eher zum Eskalieren gebracht. Ich kritisierte ihn für sein Verhalten. Das sei in der Tat feig, man müsste Zivilcourage zeigen und wenigstens die Polizei rufen.

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Wolfgang Rössler: Wegschauen ist feige

Das hätte in eine breite Diskussion münden können, in der beide Seite gleichermaßen die eigene Position schärfen ohne der anderen die Legitimation abzusprechen. Geworden ist es ein Shitstorm. Rottenberg bezeichnete den Vorfall auf Twitter als „Junkie-Zoff“. Ich habe ihn für diese Formulierung kritisiert. Frauen, die in der Öffentlichkeit Opfer von Übergriffen wurden, schilderten, wie demütigend sie die Ignoranz der Umstehenden erlebt hatten. Irgendwann zog ich mich in die Offline-Welt zurück. Später übernahmen andere, radikalere Stimmen und drehten den Sturmregler nach oben. Am Ende wurde es untergriffig.

Auf der Shitstorm-Skala waren die Ausschläge nicht außergewöhnlich. Nur, dass diesmal ich auf den Knopf gedrückt hatte und ohne es zu wollen das virtuelle Schiedsgericht über einen Kollegen eröffnet habe. Ich habe keine Diskussion über ein Thema angeregt, sondern über eine Person, die mit ihrem Klarnamen am Pranger stand. Das war eine neue verblüffende Erfahrung für mich.

Für Kollegen Rottenberg auch. „Die Web-Prügel halte ich schon aus“, schreibt er. „Was mir Angst macht, ist wie sich die Menschen hineinsteigern.“

In dem Punkt sind wir uns völlig einig.