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Verteilaktion am Praterstern

Wie schürt man gezielt Ängste? Eine Anleitung für die Wiener ÖVP

Meinung / von Julia Herrnböck / 22.01.2016

Studien zur Kriminalitätsfurcht und der Sicherheitsforschung geben Aufschluss darüber, wie sich eine strauchelnde Kleinpartei auf kommunaler Ebene im Sicherheitsbereich etablieren kann. Ein Leitfaden für die Wiener ÖVP: „Wie schürt man gezielt Ängste?“

  • Den größten Effekt erzielen Sie in der aktuell angespannten Lage, indem Sie subtil einen Zusammenhang zwischen Kriminalitätsstatistik, sexueller Gewalt und Asylwerbern insinuieren.
  • Überlassen Sie das Feld rechts außen nicht dem politischen Gegner; orientieren Sie sich an den Methoden (Wortwahl, Werbegeschenke, entschlossenes Auftreten, demonstrative Härte) des erfolgreichen blauen Konkurrenten.
  • Verteilen Sie Gegenstände zur Selbstverteidigung und sorgen Sie dafür, dass die Menschen auch wirklich den Eindruck haben, in Gefahr zu sein: Sprechen Sie Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe direkt an, solange Ihnen die Köln-Debatte dafür Rückenwind beschert.
  • Verschenken Sie Alarmgeräte an die Damenwelt. Demonstrieren Sie sowohl Lautstärke als auch den schrillen Ton. Legen Sie einen Zettel bei, auf dem geschrieben steht, Frauen seien in der Stadt nicht mehr sicher. (Pfefferspray oder Schlagstöcke sind möglicherweise etwas zu plump für das Zielpublikum einer konservativen Stadtpartei.)
  • Verknüpfen Sie sexuelle Übergriffe auf ganz unschuldige Art und Weise mit Asylwerbern, indem Sie im gleichen Atemzug „Wertekurse“ für Flüchtlinge fordern.
  • Zeigen Sie Betroffenheit, wenn Passantinnen nach einem Blick auf den Zettel mit angstgeweiteten Augen auf Sie starren. Überreichen Sie Ihnen ein Alarmgerät.
  • Verwischen Sie die Grenzen zur FPÖ. Machen Sie sich in diesem neu entstandenen Raum breit, der sich zwischen den einzelnen Parteien aufgetan hat. Phasenweise werden Sie hier auf die SPÖ treffen.
  • Verwenden Sie auf jeden Fall das Wort „Waffen“ und überlassen Sie den Lesern die Schlussfolgerung.
  • Fordern Sie eine Stadtwache. 2003 wollte Ihnen niemand zuhören, jetzt sieht die Sache schon anders aus. Verwenden sie bewusst den Begriff „Wache“, auch wenn sie damit einen unbewaffneten und sinnlosen Ordnungsdienst meinen.
  • Wenn die Nachfrage von Journalisten kommt, wie denn Integrationsdebatte und sexuelle Übergriffe gemeinsam auf einem Forderungskatalog landen konnten, reagieren Sie in der Presseabteilung mit Entrüstung. Bestehen Sie darauf, dass ein solcher Zusammenhang nicht erkennbar ist.
  • Streuen Sie im Gespräch ein, dass es „ganz viele Berichte“ über Asylwerber gibt, die für Gewalt- und Sexualdelikte verantwortlich sind. Nennen Sie auf Nachfrage nur einen: den Vorfall im Prater. Der hat genug emotionales Potenzial.
  • Lassen Sie umgekehrt nicht zu, dass die Verantwortung für die von Ihnen präsentierte steigende Kriminalität beim ÖVP-geführten Innenministerium gesucht wird. Schließlich ist Ihre Partei erst seit dem Jahr 2000 für das Thema Sicherheit auf Bundesebene zuständig.
  • Verwenden Sie nur Zahlen, die Ihrer These entsprechen. Wenn die Anzeigen in den vergangenen Jahren Laut Landespolizeidirektion Wien wurden im Jahr 2013 gesamt 332 Vergewaltigungen angezeigt, im Jahr 2014 waren es 317 Fälle. Das macht ein Minus von 4,5 Prozent. Insgesamt sind die Straftaten gegen die sexuelle Integrität um 12,7 Prozent in diesen beiden Jahren zurückgegangen. Die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor. zurückgegangen sind, sagen Sie das bloß nicht.

Credits: Sreenshot von www.oevp.wien.at

→ Kommentar „Wien braucht keine Stadtwache“