Wien-Wahl: Umsprengelungen führen zu spekulativen Analysen

Gastkommentar / von Erich Neuwirth / 04.11.2015

Nur ein Drittel der Sprengel ist seit der Wien-Wahl 2010 gebietsmäßig gleich geblieben. Trotzdem werden direkte Vergleiche zu den Ergebnissen von 2015 gezogen. Der Statistiker Erich Neuwirth erklärt, warum Wählerstromanalysen und Hochrechnungen in Wien immer besonders schwierig sind.

Wählerstromanalysen beruhen auf einem Vergleich von Wahlergebnissen in kleineren regionalen Einheiten. In allen Bundesländern außer Wien sind das die Gemeinden. Es gibt in diesen Bundesländern für statistische Zwecke ausreichend viele Gemeinden, nämlich von 96 in Vorarlberg bis 573 in Niederösterreich (insgesamt gibt es derzeit 2.100 Gemeinden in Österreich).

Wien selbst ist allerdings nur eine einzige Gemeinde. Es gibt 23 Bezirke, aber 23 Subeinheiten sind für statistische Zwecke etwas wenig. Bei Wahlen ist die feinere Unterteilung die in Wahlsprengel. Bei der Gemeinderatswahl 2015 gab es 1.469 Sprengel. Die Wahlberechtigtenzahlen in diesen Sprengeln schwankten zwischen 174 und 1.413. Dazu kamen dann noch 76 „virtuelle“ Sprengel, unter anderem für Briefwahlstimmen.

Nicht immer die gleichen Wähler

Bei der Wählerstromanalyse geht man davon aus, dass in den kleineren Gebietseinheiten bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen jeweils dieselben Wähler wählen. Das stimmt zwar nicht genau, weil ja zwischen zwei Wahlen Wähler sterben und Erstwähler und neue Staatsbürger dazukommen, aber dieser demografisch verursachte Unterschied bewegt sich typischerweise im Bereich von fünf Prozent. Man kann annehmen, dass das die Analysen nicht zu stark beeinflusst.

Schwieriger ist es schon mit den Wahlkartenstimmen: Die können den kleinen regionalen Einheiten (Gemeinden oder Sprengel) nicht zugeordnet werden und daher nicht als zuordenbare Daten in die Analyse eingehen. In Wien wurden bei der Gemeinderatswahl 2015 159.011 von insgesamt 854.406 Stimmen, also 18,6 Prozent aller Stimmen, als Wahlkartenstimmen abgegeben. Bei der Gemeinderatswahl 2010 waren es noch 129.332 von 774.079, also 16,7 Prozent der Stimmen.

Das größte Problem in Wien sind aber Umsprengelungen. Von den 1.545 Wahlsprengeln der Gemeinderatswahl 2015 waren nur 539 (also etwa ein Drittel) gebietsmäßig dieselben wie bei der Gemeinderatswahl 2015. Diesen Sprengeln waren 386.402 von insgesamt 1.143.076 Wahlberechtigen (also ebenfalls etwa ein Drittel) zugeordnet.

Am besten sieht man das Problem auf einer Landkarte mit der Sprengeleinteilung:

In den Bezirken 2, 3, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 17, 18, 20, 21 und 22 ist ein Großteil der Sprengel nicht mit Sprengeln der Vorwahl identisch, und diese nicht vergleichbaren Sprengel umfassen jeweils mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten dieser Bezirke.

Von den insgesamt 1.143.076 Wahlberechtigten sind nur 235.064 Stimmen, also 20,6 Prozent, so in Wahlsprengeln abgegeben worden, dass sie mit den Stimmen der Vorwahl direkt und statistisch sauber in Zusammenhang gebracht werden können. Fast 80 Prozent der Stimmen müssen durch Annahmen über Zuordnungen virtuell zugeordnet werden. Diese rechnerisch zugeteilten Stimmenzahlen sind hinsichtlich der statistischen Qualität nicht mit echten Sprengelergebnissen vergleichbar.

Da der weitaus größte Teil der Stimmen dermaßen virtuell zugeordnet wird, hängt das Ergebnis der Wählerstromanalyse wesentlich von den Annahmen, mit denen die Zuteilungen durchgeführt wurden, ab. Diese Analyse ist in ihrer Qualität nicht mit einer Analyse, die tatsächlich die meisten Stimmen in zwischen den Wahlen nicht veränderten Gemeinden oder Sprengeln als Grundlage verwendet, zu vergleichen.

Frühere Modelle waren einfacher anzuwenden

Man könnte die Wählerstromanalyse dadurch rechtfertigen, dass schließlich auch die Wahlhochrechnung mit derselben Datengrundlage ganz gut funktioniert habe. Ganz so einfach ist es aber nicht.

Man kann durchaus respektable Hochrechnungen mit verschiedenen Modellen erzielen, die wesentlich einfacher als das Modell mittels einer kompletten Wählerstromanalyse sind. Die Simulation einer Hochrechnung mit einem drastisch vereinfachten Modell für die Landtagswahl in Oberösterreich findet sich beispielsweise auf meiner Website. Vereinfacht gesagt sind schiefgegangene Hochrechnungen ein Beleg dafür, dass das zugrundeliegende statistische Modell die Realität nicht gut beschreibt; funktionierende Hochrechnungen sind aber noch kein Beweis für die bis ins letzte Detail exakte Beschreibung der Wirklichkeit durch das verwendete Modell.

Wählerstromanalysen werden oft ohne Angaben von Schwankungsbreiten publiziert. Man erweckt damit bei der interessierten Öffentlichkeit den Eindruck, man könne die Wählerströme tatsächlich auf tausend Stimmen genau feststellen. Selbst bei Analysen ohne Umsprengelungsproblem sind die statistischen Unschärfen jedoch im Bereich von bis zu zehntausend Stimmen.

Die bei der Gemeinderatswahl notwendigen zusätzlichen und empirisch nicht überprüfbaren Annahmen führen dazu, dass die Wählerstromanalyse noch viel „weichere“ Resultate liefert. Das heißt nicht, dass man die Resultate nicht publizieren sollte; man sollte aber schon dazusagen, dass die Datenbasis deutlich anders beschaffen ist als bei Landtagswahlen in den anderen Bundesländern, und auch explizit erwähnen, dass man daher von dieser Analyse nicht dieselbe Aussagekraft erwarten darf wie bei anderen Analysen.

Falscher Eindruck von Exaktheit

Dieses Problem ist bei der jüngsten Gemeinderatswahl noch verschärft aufgetreten. Dieses Jahr wurden mehr als 200.000 Wahlkarten ausgestellt. Der größte Teil der entsprechenden Stimmen war am Wahlabend noch nicht ausgezählt. Die schon am Wahlabend publizierte ORF-Wählerstromanalyse hat diese Stimmen in Form einer Wahlkartenstimmenprognose inkludiert. Etwa 20 Prozent der möglichen Stimmen waren also nicht real ausgezählt, sondern fiktiv errechnet. Dann eine Wählerstromanalyse auf tausend Stimmen (also auf ein Promille) genau ohne Schwankungsbreitenangabe zu publizieren, heißt, die Gutgläubigkeit der interessierten Öffentlichkeit ziemlich weit auszureizen.

All diese Überlegungen zu Wählerstromanalysen illustrieren noch ein weiteres Problem: die bei veröffentlichten Wahlanalysen nicht gegebene Meinungsvielfalt. Statistiker wissen, dass die Glaubwürdigkeit statistischer Analysen auch dadurch untermauert wird, dass verschiedene Modellannahmen nicht allzu verschiedene Resultate erzeugen. Es gibt nicht nur ein Modell zur Wählerstromanalyse. Sinnvoll wäre es daher, wenn verschiedene Medien verschiedene Forschergruppen mit Wählerstromanalysen beauftragen würden und die Öffentlichkeit dann die Möglichkeit hätte, verschiedene Analysen zu vergleichen.

Vor langer, langer Zeit (vor 20 oder mehr Jahren) ist das in Österreich auch tatsächlich geschehen, jetzt geschieht das aber nicht mehr. Mittlerweile gibt nur der ORF eine Wählerstromanalyse in Auftrag, publiziert sie, und praktisch alle anderen Medien übernehmen dann diese Analyse, ohne sie weiter zu hinterfragen. Dass andere Analysen auch zu merkbar anderen Ergebnissen mit möglicherweise deutlich anderen politischen Implikationen kommen könnten, wird einfach ausgeblendet.

Meinungsvielfalt stelle ich mir anders vor.

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