EXPA/ Michael Gruber / picturedesk.com

Mindestens 2.400 Euro netto, oder: Die beängstigende Fantasiewelt des Andreas Khol

Meinung / von Georg Renner / 05.02.2016

Eines muss man Andreas Khol zugestehen: Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern seiner Generation ist von ihm dokumentiert, dass er einmal in jenem fremden Universum gearbeitet hat, das viele in der politischen Blase gerne als „Privatwirtschaft“ bezeichnen. Wie viel der schwarze Präsidentschaftskandidat damals, während seines Studiums, als Reiseleiter verdient hat, ist nicht überliefert. Aber offenbar dürfte es wenig genug gewesen sein, um ein bleibendes Trauma zu hinterlassen – denn Khol ist offenbar der Meinung, dass Arbeitnehmer in Österreich viel zu wenig verdienen.


Credits: Screenshot / dasbiber.at

Nur so lässt sich ein Interview interpretieren, das Khol vor einigen Tagen dem Wiener Magazin biber gegeben hat – genauer gesagt, ein „Interview in Zahlen“, auf das man nur mit Zahlen antworten kann, nicht mit Differenzierungen, Erörterungen oder sonstigen Ergänzungen. Auf die Frage „Wie viel sollte ein Arbeitnehmer für einen 40 Stunden Job mindestens netto im Monat verdienen?“ antwortete Khol: „2.400“.

2.400 Euro also. Netto. Mindestens. Das ist so weit von der österreichischen Realität entfernt, dass man schon die Frage stellen kann, wie gut Khol das Land eigentlich kennt, dem er künftig vorstehen will. Weit mehr als die Hälfte aller Vollzeitbeschäftigten verdienen derzeit nämlich weit weniger als die 2.400 Euro (brutto rund 3.800 Euro), die der bisherige Seniorenbundchef da vorschlägt: Der Median, also das mittlere Einkommen aller Vollzeit-Arbeitnehmer in Österreich, lag 2014 bei 2.093 Euro, 13. und 14. Gehalt bereits inklusive.

Wenig begeistern dürfte eine solche Ansage die ohnehin nicht weiß Gott wie verwöhnten Unternehmer des Landes: Um ein monatliches Gehalt von 2.400 Euro auszuzahlen, müssten sie (Urlaubs- und Weihnachtsgeld bereits eingerechnet, monatlich rund 4.960 Euro pro Vollzeitstelle zur Seite legen – beziehungsweise erst einmal verdienen.

Und Mindestpensionen auch noch


Credits: dasbiber.at

Ähnlich absurd mutet Khols Wunsch im selben Interview an, die Mindestpension sollte 1.200 Euro betragen. Derzeit liegt der Betrag, auf den Kleinstpensionisten per Ausgleichszulage angehoben werden, also die aktuelle Mindestpension bei 886,28 Euro.

Deutlich weniger als ein Drittel der Pensionisten kommt aktuell auf eine solche Pension, die Khol als Minimum vorschwebt:

Und das, obwohl es um die auszahlenden Stellen ohnenhin nicht allzu gut bestellt ist: Allein in den nächsten fünf Jahren wird die Republik den Pensionskassen 12,54 Milliarden Euro zuschießen müssen, um das jetzige Niveau an ausgezahlten Renten halten zu können – eine etwaige Khol’sche Erhöhung noch nicht mitgerechnet.

Kurz gesagt: Ein Wunsch nach solchen Mindestgehältern und Pensionen ist aus heutiger Sicht völlig absurd – sie zu zahlen, wäre sowohl für Wirtschaft als auch den öffentlichen Haushalt ruinös. Man muss nicht, wie die NEOS das tun, in Bezug auf Khols Politikerpension untergriffig werden, um zu fragen, was dem Ex-Parlamentspräsidenten da eingefallen ist.

Zahlen aus der Luft gegriffen

Jetzt lässt die Interviewform, in der Khol diese Wünsche formuliert hat, freilich einiges an Interpretationsspielraum – auch die Frage „Wie viel sollte …“ kann man ja auf unterschiedliche Arten deuten. Meinem Verständnis nach gibt es jeweils drei Möglichkeiten, wie Khols Antworten einzuordnen sind:

  1. als Forderung nach Mindestlohn und -pensionsbestimmungen in absurder Höhe
  2. als Ausdruck, dass wohl genügend Geld da wäre und es schön wäre, wenn es Arbeitgeber und Pensionskassen freiwillig so verteilten
  3. als In-den-Raum-Stellen einer absoluten Fantasiezahl, die es halt nett wäre zu haben

Alle drei Auslegungen sind eigentlich nichts, was man sich von einem Bundespräsidenten erwarten würde, von dem man ja eine gewisse Verankerung in der Realität voraussetzen sollte. Aber was hat Khol gemeint?

Seine Pressesprecherin relativiert die Ansagen gegenüber NZZ.at:  Das biber-Interview sei „ein kreatives und lockeres Format, Khol habe das ganz klar als Wunsch formuliert. „Er weiß, dass viele Menschen mit ihrem Einkommen heute von diesem Betrag weit entfernt liegen.“ Und: „Andreas Khol ist völlig klar, dass die Wirtschaft anspringen muss, damit die Unternehmen diese Gehälter bezahlen können.“

Genauso sei auch der Wunsch nach einer Mindestpension zu verstehen: Die Fragen von biber seien ganz klar „Wenn Sie sich was wünschen können“ gewesen. „Andreas Khol war 10 Jahre Seniorenbundobmann und hat als solcher die jährlichen Verhandlungen geführt. Niemand wird annehmen, dass er diese Erfahrung jetzt plötzlich abgelegt hat. Genau deshalb ist dies logischerweise nicht als Forderung zu verstehen.“

Also keine Forderung, kein Eindruck, dass weit mehr Geld da sei, als derzeit verteilt würde – aber ein Präsidentschaftskandidat, der Zahlen in den Raum stellt, die aus heutiger Sicht völlig illusorisch sind. Na dann, ein wenig beängstigend halt, aber bitte. Man darf gespannt sein, was den anderen Kandidaten noch einfällt.