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Randnotiz: Bundespräsidentenwahl

Als ich Andreas Khol interviewte und danach der Papst zurücktrat

von Barbara Kaufmann / 10.01.2016

Es war der 11. Februar 2013, 12 Uhr mittags, und ich auf dem Weg zu einem Interview mit ♦ Andreas Khol, Bundesobmann des ÖVP-Seniorenbundes. Ich arbeitete an einer Sendung über die Bedeutung von Religion in der österreichischen Innenpolitik, und Khol, der sich stets öffentlich als gläubiger Christ deklariert hatte, schien mir als idealer Gesprächspartner. Ich war etwas zu spät dran und so dirigierte mich eine seiner Mitarbeiterinnen mit sanfter Bestimmtheit unmittelbar von der Eingangstür in sein Büro. „Er wartet schon auf Sie.“

Ich schälte mich mit der einen Hand aus meinem Wintermantel, stolperte beinahe über meinen Schal und packte mit der anderen möglichst rasch mein Aufnahmegerät samt Mikrofon aus, nachdem er bei der Begrüßung einen unmissverständlichen Blick auf die Uhr geworfen hatte. Ich frage ihn gleich zu Beginn, welchen Stellenwert Religiosität und Katholizismus innerhalb der ÖVP haben und ob Spitzenkandidaten der Partei quasi den Kirchenbeitragsbeleg vorzuweisen hatten.

Khol verneinte kategorisch. Man müsse als ÖVP-Spitzenkandidat für welches Amt auch immer keinen Beichtzettel vorweisen. Viel wichtiger sei es, darauf zu achten, ob man ein intaktes Familienleben führen würde, ob es nicht irgendetwas gebe, „das anstößig ist.“ Khols Antworten kamen meist schnell, ohne dass er eine nennenswerte Pause zwischen meiner Frage und seiner Replik entstehen ließ. Sie waren präzise, und eher wiederholte er sich, als etwas unklar stehen zu lassen. Er spulte den Termin routiniert ab, nur einmal wurde er kurz persönlich: als ich meine Unkenntnis über den Ablauf eines katholischen Gottesdienstes eingestehen musste. Ich bin nämlich evangelisch. „Ah“, sagte Khol mit einem Funken Interesse, der dann jedoch sofort wieder erlosch. „Na ja, das macht ja nix.“

Den Einfluss der Kirche auf den Ausgang von Wahlen hielt er für unwesentlich bis gering. Zu große Nähe eines Politikers oder einer Partei zur Kirche oder eine bestimmten Religionsgemeinschaft hielt er sogar für schädlich. „Weil man dann identifiziert wird mit all den Krisenerscheinungen, die es dort gibt.“

Ausführlich, beinahe etwas ausufernd, wurde Khol bei der Frage, ob man Gott in der Verfassung verankern sollte. Er fühlte sich in der Vergangenheit in dieser Causa – Khol war stets dafür eingetreten – missverstanden. Nicht der Christengott wäre da gemeint oder der Gott der Juden oder der Gott der Moslems, „sondern es wird Gott angerufen. Als Rechtfertigung, aber auch als Geltungsgrund für diese Verfassung.“

„Nicht alles, was der Nationalrat als Verfassungsgesetz beschließt, kann in einer naturrechtlichen oder vom kategorischen Imperativ geprägten Ordnung Bestand haben. Es ist zwar Recht im Sinne der Bundesverfassung, aber ob es Recht im Sinne einer über die Zeit hinausgehenden Ordnung sein kann, ist in jedem Fall zu prüfen. Und daher erinnert die Gottesanrufung den Verfassungsgesetzgeber an seine Grenzen.“

Khol sprach noch über die Bedeutung des Gewissens für einen Spitzenpolitiker, die fehlende Ethik im Politalltag, und lobte ausdrücklich Papst Benedikt XVI., der schon als Kardinal Joseph Ratzinger immer wieder mahnende Worte für die Politik gefunden hätte.

Eben hatte ich mich verabschiedet und trat vor die Tür seines Büros, da eilte ein aufgeregter Mitarbeiter an mir vorbei zu Khol hinein. Seine Kollegin kam auf mich zu, um mich zu informieren. „Stellen Sie sich vor, der Papst ist zurückgetreten!“ Ich verstand zunächst gar nicht, was sie mir sagte. Ich hatte immer gedacht, Päpste und Iffland-Ringträger hätten ihr Amt bis zum Tod. Offenbar hatte ich mich geirrt. Plötzlich wurde mir das Glück des Zufalls bewusst. „Papst-Rücktritt live aus der ÖVP-Zentrale“ – das wäre ein Sendungstitel gewesen. Ich musste unbedingt noch einmal zurück zu Andreas Khol und seine Reaktion auf das seltene Ereignis einfangen. Doch seine Mitarbeiter versperrten mir leider den Weg. „Der Herr Doktor Khol muss jetzt dringend telefonieren.“

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich kurz und durch den Spalt erhaschte ich noch einen letzten Blick auf Andreas Khol, der tatsächlich telefonierte. Kurz glaubte ich, den Namen „Joseph“ aus seinem Mund gehört zu haben. Aber wahrscheinlich habe ich es mir eingebildet.