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Bei dieser Wahl wird auch der ORF abgewählt

Meinung / von Michael Fleischhacker / 24.04.2016

Jetzt ist es auch schon wieder eine Woche her, dass der ORF seine Gebührenzahler mit der „Romy-Gala“ beglückt hat. Bei der Gala, die gemeinsam vom ORF und der Tageszeitung Kurier veranstaltet wird, werden Schauspieler und Journalisten ausgezeichnet, die beim Publikum besonders beliebt sind. Und ein bisschen feiert sich die Medienszene auch selbst.

Als „Laudatio“ für die beliebtesten Info-Stars hatte man bei der Gruppe maschek, deren Programm „In Wahrheit Fake“ seit einer Woche im Wiener Rabenhof-Theater läuft, einen Sketch bestellt. Und maschek hat geliefert, was maschek immer liefert: einen Sketch, in dem die Regierungsspitzen karikiert werden, in diesem Fall gemeinsam mit den fünf Nominierten.

Wer am Donnerstag in der Premiere des maschek-Programms im Rabenhof war, hatte das Ergebnis bereits gesehen, wer am Samstagabend die „Romy-Gala“ im Fernsehen verfolgte, sah es nicht. Denn die Nummer, die Tags zuvor aufgezeichnet worden war, wurde kurzerhand aus dem Programm gekippt. Sie habe nicht in das dramaturgische Konzept der Show gepasst, lautete die offizielle Begründung der ORF-Verantwortlichen.

Lächerliche Begründung

Diese Begründung ist lächerlich und lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder waren vollkommene Dilettanten am Werk, die im Rahmen ihres dramaturgischen Konzeptes bei maschek eine maschek-Nummer bestellen und ein paar Stunden vor der Show feststellen müssen, dass eine maschek-Nummer nicht in ihr dramaturgisches Konzept passt. Oder es wurde Zensur geübt. Weil kurz vor der Präsidentschaftswahl  die Regierungsspitzen, nicht aber die Oppositionsparteien durch den Kakao gezogen wurden, oder weil die Privatsender, deren Info-Leute nominiert waren, zu prominent vorkamen, oder warum auch immer.

Faktum ist, dass im Block Info-Stars der Kurier-Chefredakteur eine Rede über die Notwendigkeit und über die Bedrohungen der Pressefreiheit hielt und, ohne dass das Publikum es wissen konnte, nach dieser Rede ein aktuelles Beispiel von Zensur als Leerstelle präsentiert wurde. Natürlich ist das kein Skandal wie der sogenannte Böhmermann-Skandal, weil es ja nicht um eine geopolitische Angelegenheit und den autoritär agierenden Staatschef der Türkei ging, sondern nur um die Besorgnisse einer ORF-Führungsmannschaft, deren Mitglieder in einigen Monaten in der einen oder anderen Form wiederbestellt werden wollen.

Eine Leerstelle

Faktum ist auch, dass der Vorgang in der Woche, die seither vergangen ist, medial mit dröhnendem Schweigen in Form einer pflichtschuldig publizierten Nachricht quittiert wurde. Keine Einordnung, keine Kommentierung, keine Fragen. Wir leben eben in Österreich. maschek haben an verschiedenen Stellen Ihre Verwunderung über das Vorgehen der ORF-Führung zum Ausdruck gebracht, haben aber an einer Skandalisierung kein Interesse, weil sie sich erstens nicht als Alpenböhmermänner inszenieren wollen und zweitens vom ORF abhängig sind.

Der Kurier-Chefredakteur hat zwar auch leichte Verwunderung erkennen lassen, möchte aber vermutlich auch im nächsten Jahr Mitveranstalter der „Romy“-Gala sein, er musste ohnehin um seinen Auftritt kämpfen. Und alle anderen Printmedien möchten es sich mit dem ORF auch nicht verscherzen, man riskiert Auftritte in vielen ORF-Formaten – wäre auch wirklich schade um die gerade erst wiederbelebte „Runde der Chefredakteure“ –, die man im Interesse der eigenen Reichweite nicht leichtfertig aufs Spiel setzen möchte.

Ein Skandal? Nein. Eines der Mosaiksteinchen im größeren Bild, das immer mehr Bürger einfach nicht mehr sehen möchten? Ja. Dass man den Eindruck haben muss, die Parteien könnten sich im ORF inhaltlich und personell zu viel wünschen; dass der ORF massiv den Eindruck erweckt, er halte wenig von der Idee, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender gegenüber den Gebührenzahlern eine Begründungspflicht für inhaltliche Entscheidungen wie die Ausladung eines Präsidentschaftskandidaten von den Zweierkonfrontationen oder die Streichung eines Satirebeitrags aus einer Samstagabend-Weihestunde hat: All das wird an diesem Sonntag bei der Präsidentschaftswahl gemeinsam mit den beiden Kandidaten der Regierungsparteien abgewählt werden.

Gutsherrenmentalität

Es hat sich im politmedialen Komplex, angeführt von Parteien und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, eine Gutsherrenmentalität eingeschlichen – wir geben Aufträge, wir können sie auch mit läppischen Begründungen jederzeit und bis zum letzten Moment widerrufen –, die von der Illusion geleitet wird, dass man sich dort Eigentumsrechte untereinander aufteilt, statt getrennt voneinander Sorgfaltspflichten wahrzunehmen.

Es wäre vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angezeigt, vom hohen Ross zu steigen und sich den Tatsachen der gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen. Es wird dann noch immer genug Raum geben, sich aus guten Gründen den gefühlten und tatsächlichen Wünschen und Begehrlichkeiten einer banalisierten Erregungskultur zu widersetzen – die man durch die Banalisierung des eigenen Programms mitgeprägt hat.