APA/ROLAND SCHLAGER

Bundespräsidentenwahl

Das zerrissene Land

Meinung / von Barbara Kaufmann / 21.05.2016

Jene Stimmen, die schon vor Beginn des Bundespräsidentenwahlkampfes vor einem Lagerwahlkampf warnten, scheinen recht behalten zu haben. Kurz vor der Stichwahl geht ein Riss durchs Land, der selbst in Freundeskreisen und Familien spürbar ist.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, schrieb unlängst eine Bekannte auf ihrem Facebook-Profil, „ich habe eben erfahren, dass in meiner Familie jemand Hofer wählen möchte.“ Darunter entwickelte sich eine heftige Diskussion zwischen ihren Freunden, die Ähnliches zu beklagen hatten. „Meine Mutter will Hofer wählen“, gestand ein anderer Facebook-Freund. Nachsatz: „Ich rede seitdem nichts mehr mit ihr. Ist sinnlos.“

„Bist du für Hofer oder gegen Österreich?“ Wird auf einer anderen Seite gefragt, und die dazugehörigen Illustrationen lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, wofür der Fragesteller sich entschieden hat. Die Kommentare dazu sprechen von Van der Bellen als „Grünstalinisten“, der „das Land vernichten will“.

Auch abseits der digitalen Welt ist der Ton in den letzten Wochen rauer geworden. Die schachspielenden Pensionisten im Park um die Ecke, seit jeher ein Bild der Harmonie im Alter, stritten sich unlängst lautstark über die beiden Kandidaten, bis einer seiner Kappe nahm, den anderen zurief: Ihr seids anfach zu deppert! und ging. Im ehemaligen Spielelokal, in dem sowohl Bauarbeiter als auch Studierende aufgrund der niedrigen Preise gerne zu Mittag essen, schrie der sonst joviale Kellner unlängst zwei junge männliche Gäste an, er brauche keine Gutmenschen bei sich im Lokal. Er wolle auch keine Afghanen bei sich sitzen haben, die seine Töchter vergewaltigen. Sogar im Wartezimmer beim Hausarzt, das traditionell nach den Feiertagen immer überfüllt ist, wird plötzlich jede zwischenmenschliche Schwäche als politisches Statement verstanden. Als sich eine junge Frau mit bunten Haaren vordrängt, fährt sie ein älterer Patient wütend an: „Na, ihr werdets schon noch sehen, nach Sonntag ist das auch vorbei!“ Und im Bus beflegelt eine Gruppe Jugendlicher eine ältere Frau, die sich über die Lautstärke der Musik ihrer Handys beschwert hat, einhellig als „Nazi-Sau“, für die „der Hofer der neue Führer ist“.

Selbst in der NZZ.at-Redaktion verabschiedete sich ein Leser vor kurzem nach einem völlig unpolitischen Telefonat, in dem es um technische Probleme ging, mit einem unmotivierten „Ich wähle Hofer!“, bevor er auflegte. Als wäre dieses Bekenntnis eine Art neue Grußformel. Journalisten, die noch vor wenigen Wochen niemals auf so eine Idee gekommen wären, fühlen sich genötigt, öffentlich Wahlempfehlungen auszusprechen. Jugendfreunde, die sich seit über 20 Jahren kennen und alle erdenklichen Sorgen und Nöte miteinander durchlebt haben, brechen den Kontakt zueinander ab. Harmlose Familientreffen werden zum Battleground der Generationen.

Die Stimmung ist gespannt, aggressiv, apokalyptisch und erinnert ein wenig an die Jahre der schwarz-blauen Regierung in Österreich. Als es im öffentlichen Leben, ob in Kaffeehäusern, an der Bushaltestelle oder im Theater selbst beim Smalltalk mit Fremden nur darum ging, ob man sich als Teil der Regierenden oder ihrer Opposition verstand. Dazwischen gab es nichts.

Die Apokalypse, heißt es jedoch, bringt das Wesentliche in den Menschen hervor. Schließlich geht es nicht mehr um Befindlichkeiten, sondern um Sein oder Nichtsein, um das nackte Überleben. Vielleicht lässt sich so die Rigorosität erklären, mit der viele ihre Wahlentscheidung öffentlich als die einzig richtige präsentieren. Die Wut, mit der sie auf Andersdenkende reagieren. Das ungeduldige Unverständnis, mit dem sie der großen Masse an Zweiflern und Unentschiedenen begegnen. Vielleicht geht es ja wirklich um den Untergang der Republik und nicht bloß um das nächste repräsentative Staatsoberhaupt des Landes, und all die Skeptiker haben es nur noch nicht begriffen. Eines scheint jedoch sicher: Das Land ist so gespalten wie schon lange nicht mehr. Ob der neue Bundespräsident, wie auch immer sein Name lauten wird, es wieder zusammenführen kann, bleibt fraglich.