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Der Untergang der alten Weltordnung

Meinung / von Barbara Kaufmann / 25.04.2016

Der Wahlabend auf ATV war vorüber. Politologe Thomas Hofer und Meinungsforscher Peter Hajek, die im Laufe der Übertragung ebenso eloquent wie lustvoll diverse Untergangsszenarien kommentiert hatten, gaben ihre letzten Bonmots zum Besten. Moderator Meinrad Knapp beendete die Sendung und leitete zum Hauptabend über. Und da kam er. Durchschnitt dramatisch die Stille. Passend wie selten zuvor: der Vorspann von „Downton Abbey“.

Düstere Klaviermusik, die allein schon das nahe Ende einer Welt verkündet, deren Bilder die Titel illustrieren. Dienstbotenglocken, Herrschaftszimmer, Grundbesitz in fantastischem Ausmaß. Eine Herrlichkeit, die im Laufe der Familiensaga mehr und mehr verblasst und von einer neuen Gesellschaftsordnung abgelöst wird. Das Heute wird zum Gestern, und die hilflosen Hauptdarsteller des Dramas wissen sich nicht anders zu helfen, als sich an die Versatzstücke der Vergangenheit zu klammern und darauf zu achten, nicht unterzugehen.

Manchmal ist der Zufall der beste Regisseur.

An einem Wahlabend, an dem die beiden ehemaligen „Großparteien“ zusammen nicht einmal gleich viele Wähler mobilisieren konnten wie der Gewinner, ist oft vom „Untergang“ die Rede. Von einer historischen Niederlage. Vom Ende einer Epoche, einer Weltordnung, die im kleinen Österreich seit Kriegsende gilt. In einem Land, in dem selbst die Autofahrerclubs Parteizugehörigkeit symbolisieren, kann sich so mancher ein Leben jenseits von Rot und Schwarz nicht vorstellen. Egal ob bei der Kontoeröffnung, dem Grundstückskauf oder dem Ferialjob der Kinder, das Parteibuch war stets ein treuer Freund. Und nun soll plötzlich alles anders werden? Die Pfründe neu verteilt? Das Reißverschlussprinzip rot-schwarz-rot-schwarz bei Postenbesetzungen im öffentlichen Dienst durchbrochen? Naht tatsächlich das Ende von allem, was wir gekannt haben? Untergang, Ende, Todessehnsucht, liest und hört man in den Kommentaren. Und plötzlich versteht man wieder, warum man sich im Land von Schnitzler, Freud und Kraus befindet. Letzterer wird besonders gerne bemüht an einem Abend, den er zweifelsohne als Beobachter genossen hätte. „Die Österreicher sind das einzige Volk, das durch Erfahrung dümmer wird.“ Das angebliche Karl-Kraus-Zitat geistert als rot untermaltes Sujet durch die sozialen Netzwerke. Kraus als Sozialist? Nicht der einzige Witz des Abends.

Schon ist von „Lagerkampf“ die Rede, und man erinnert sich an die Geschichten der Urgroßmutter vom 34er-Jahr, den Unruhen auf der Straße, den spürbaren Hass, die sichtbare Gewalt zwischen den verfeindeten Parteien an öffentliche Plätzen. Und man öffnet das Fenster, blickt hinaus in die stürmische Nacht – alles ruhig. Die Straßen leer. Ein Fiaker biegt ums Eck. Würde nun aus der Nachbarswohnung ein Strauß-Walzer ertönen, niemand würde sich wundern.

Die Partei wird es also nicht mehr richten. Und wieder erweist sich ein Traditionsformat des sonntäglichen Fernsehabends als bester Kommentar zur aktuellen Lage. „Intelligenz ist die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren“, sucht Christian Ulmen als Tatort-Kommissar Zuflucht beim zweitbesten Zitat von William Faulkner.

Eine Bundespräsidentenwahl ist noch kein Auftakt für eine landesweite Revolution. Man lebt schließlich noch in den Wohnungen, die man durch die Partei bekommen hat, erhält verlässliche Aufträge von den Genossen oder dem Bauernbund, Inserate der öffentlichen Hand sichern die Zukunft vieler Medien des Landes. Da lehnt sich der gelernte Österreicher entspannt zurück, trotz aller Lust am Untergang, und unwillkürlich denkt man an das beste Faulkner-Zitat, das je nach Gemütslage Grund zur Hoffnung oder zur Verzweiflung über den Zustand dieses Landes gibt, weil es als Überlebensmotto des Operettenstaates ewig gültig ist:

„Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“


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