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Ein Wahlkampf mit Vaterland und Volkspartei

Meinung / von Moritz Moser / 24.08.2016

Alexander Van der Bellen wirbt massiv um ländliche Wähler. Er kämpft vor allem um die Wahlbeteiligung. Dazu braucht er die Unterstützung der Volkspartei.

Plakat für die Wiederholung des zweiten Wahlganges
Credits: Verein Gemeinsam für Van der Bellen

Alexander Van der Bellen hat im August ein beachtliches Besuchsprogramm hinter sich gebracht: Er hat mit dem ÖVP-Landeshauptmann der Steiermark ein Achtel Schilcher getrunken, mit dem ÖVP-Innenminister einen Bio-Betrieb eröffnet, mit dem ÖVP-Landeshauptmann von Oberösterreich ÖVP-Bürgermeister besucht und beim Grafenegg Festival den ÖVP-Landeshauptmann von Niederösterreich getroffen. Dazwischen gab es einen Termin mit dem SPÖ-Bürgermeister von Voitsberg.

Dass sich die Bemühungen von Van der Bellens Wahlkampfteam auf ländliche Gebiete konzentrieren, ist die strategisch richtige Entscheidung. Die Herausforderung ist, dabei nicht die Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Immer wieder ÖVP

Vor dem zweiten Wahlgang gewährten nur einzelne ÖVP-Granden wie Ex-Vizekanzler Josef Pröll Alexander Van der Bellen ihre Unterstützung. Mittlerweile trifft er sich reihenweise mit hochrangigen Funktionären der Volkspartei. Dass es sich dabei um rein zufällige Begegnungen handelt, wie es etwa beim Treffen mit Josef Pühringer hieß, ist allerdings wenig wahrscheinlich.

Van der Bellen sucht die Nähe der ÖVP und ihrer Wählerschaft gezielt. Einmal dirigiert er eine Musikkapelle, dann schüttelt er der Winzerkönigin die Hand. Seine neue Plakatreihe zeigt ihn vierfach vor einer riesigen rot-weiß-roten Flagge und einmal mit Landschaft und Referenz auf die dritte Strophe der Bundeshymne: „Für unser vielgeliebtes Österreich.“

Die Patriotisierung der bisher bereits sehr heimatverbundenen Kampagne schreitet weiter fort.

Van der Bellen führt einen Wahlkampf um Volk und Vaterland, wie ihn kein Präsidentschaftskandidat der Volkspartei besser liefern könnte. Die Überlegung hinter dieser Strategie ist klar: Die städtischen Eliten werden ihn ohnehin wiederwählen, ihre Motivation ist relativ hoch. Hofer wird es gleichzeitig schwer haben, das urbane Bildungsprekariat ein drittes Mal an die Urnen zu bringen.

Die Wahl wird am Land entschieden

Die Wahl wird also am Land gewonnen oder verloren. Hier hat Hofer einen enormen Vorsprung. Van der Bellen wird diesen nicht aufholen können, aber er muss dafür sorgen, dass die Wähler, die ihm bereits in der aufgehobenen Stichwahl zum Teil eher widerwillig ihr Vertrauen geschenkt haben, noch einmal ihre Stimmen für ihn abgeben.

Um die FPÖ-skeptischen Teile der konservativen Wählerschaft erneut zu mobilisieren, braucht Van der Bellen die ÖVP, beziehungsweise die funktionstüchtigen Strukturen der Landesorganisationen.

Drei der vier Bundesländer, in denen Van der Bellen im aufgehobenen zweiten Wahlgang die Mehrheit der Stimmen erreichen konnte, sind ÖVP-regiert. Gleichzeitig sind es auch die von ihm gewonnenen Länder, die den höchsten Anstieg der Wahlbeteiligung vom ersten auf den zweiten Wahlgang zu verzeichnen hatten.

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei vielen dieser Wähler weniger um euphorische Anhänger Van der Bellens handelt, als um Gegner Hofers mit geringerer Motivation erneut wählen zu gehen. Darauf deutet auch eine SORA-Umfrage hin, nach der die Verhinderung Hofers im zweiten Wahlgang das stärkste Motiv war, für Van der Bellen zu stimmen.

Kampfgebiet Wahlbeteiligung

Da mit Wanderungsbewegungen zwischen den beiden Kandidatenlagern nur in geringem Ausmaß zu rechnen ist, dürfte sich die Wahl vor allem über die Beteiligung entscheiden. Wähler mit niedriger Wahlmotivation erneut zu gewinnen, die zwar im zweiten Wahlgang für Van der Bellen, aber im ersten gar nicht oder für einen danach ausgeschiedenen Kandidaten gestimmt haben, ist deshalb die eigentliche Herausforderung.

Schwierig ist das auch deswegen, weil der ehemalige Bundessprecher der Grünen gerade in Gegenden mit traditionell eher niedriger Wahlbeteiligung gut abgeschnitten hat. Das gilt vor allem für den Westen, wo Van der Bellen im aufgehobenen zweiten Wahlgang hervorragende Resultate erzielte.

Sackt die Wahlbeteiligung in Vorarlberg und Tirol bei der Wahlwiederholung auf das Niveau des ersten Wahlganges zurück, könnte ihn das den Sieg kosten. Auch deshalb muss Van der Bellen nochmals verstärkt auf die dort vorherrschende konservative Wählerschicht zugehen.

Was hat die ÖVP davon?

Warum viele ÖVP-Funktionäre Van der Bellen nun bereitwilliger unterstützen, ist indes nicht ganz klar. Einerseits mag es sein unzweideutiges Bekenntnis zur Europäischen Union sein, das vor allem Politiker wie Othmar Karas dazu bewegt, für den Kandidaten zu trommeln. Andererseits denken einige womöglich bereits über die nächste Nationalratswahl hinaus.

Für manchen schwarzen Landeshauptmann ist die Aussicht, die Volkspartei könnte dann auf Bundesebene Juniorpartner der FPÖ sein, wenig erfreulich. Das gilt vor allem für Pühringer und Schützenhöfer, deren Posten für die Freiheitlichen ebenfalls in Griffweite scheinen. Gleichzeitig wären im Fall einer nicht verhinderbaren FPÖ-Regierungsbeteiligung die Konditionen für den zweiten Koalitionspartner unter einem Bundespräsidenten Van der Bellen besser.

Ist das alles glaubwürdig?

Plakat für die Wiederholung des zweiten Wahlganges
Credits: Verein Gemeinsam für Van der Bellen

Wie bürgerlich kann ein Grüner Kandidat werden, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben? Van der Bellens ehemaliges Manko, seine Außenseiterstellung in seiner eigenen Partei, ist zwar zum Vorteil geworden, für viele konservative Stammwähler ist er dennoch zu gesellschaftsliberal. Sie versucht man nun über emotionale Bezugspunkte wie Heimat und Verlässlichkeit abzuholen.

Das ist umso schwieriger, als der Boulevard und die Freiheitlichen mit der Flüchtlingsdebatte ein Feld beackern, auf dem es für Van der Bellen nichts zu gewinnen gibt. Schon die Frage, wie er zu einer möglichen Notverordnung der Bundesregierung steht, ist für ihn heikel genug. Ob er am 2. Oktober eine Chance hat gewählt zu werden, entscheidet nicht zuletzt die emotionale Momentaufnahme beim Thema Migration.

Die Positivkampagne weiter auf das Thema Heimat zu konzentrieren beziehungsweise sie um eine klare Europa-Linie zu erweitern, scheint daher schlüssig. Trotzdem muss Van der Bellen aufpassen, durch die Verländlichung seines Wahlkampfes nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Bisher gelingt die Gratwanderung des Stadtmenschen in der Provinz. Van der Bellen taucht bei Lederhosenveranstaltungen noch ohne Lederhosen auf.