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Gudenus wäre der logischere Kandidat

von Moritz Moser / 27.01.2016

Weder Ursula Stenzel noch Johann Gudenus hätten eine Chance auf das Präsidentenamt, das weiß auch die FPÖ. Gudenus aufzustellen, wäre für die Partei trotzdem die bessere Entscheidung gewesen.

Johann Gudenus ist adrett, gebildet und vor allem jung. Im Kandidatenfeld für die Bundespräsidentenwahl stäche er besonders deshalb hervor. Die übrigen Bewerber entstammen allesamt seiner Elterngeneration und liegen jenseits des präsidialen Mindestalters von 35 Jahren. Pensionistenvertreter Andreas Khol hätte schon zur Bundspräsidentenwahl antreten können, bevor Johann Gudenus geboren wurde. Auch die mutmaßliche FPÖ-Kandidatin Ursula Stenzel ist schon 70.

Jung und herzeigbar


Credits: APA / Pfarrhofer

Gudenus entspräche dem Image, dem sich die Partei seit Haider verschrieben hat: jung, partytauglich, heimatverbunden. Die FPÖ will das „Saturday Night Fever“-Publikum ansprechen, ohne so zu sein wie sie. Die Kernwählerschaft sind Männer unter 40 Jahren mit niedrigem bis mittlerem Bildungsstand. Heinz-Christian Strache, der heuer 47 wird, scheint diese Gruppe immer weniger zu erreichen. Ursula Stenzel hingegen hat auf diese Wählerschaft so viel Anziehungskraft wie der Zwergplanet Pluto auf den Gasriesen Jupiter.

Johann Gudenus, dem man seine 39 Jahre noch nicht ansieht, könnte den Jugendlichkeitsverlust an der Parteispitze kompensieren. Die Bundespräsidentenwahl wäre für den nicht amtsführenden Wiener Vizebürgermeister die Gelegenheit gewesen, einen höheren bundesweiten Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Gleichzeitig böte Gudenus der FPÖ und den Wählern etwas, das Strache fehlt: formelle Bildung und Weltgewandtheit. Der Spross einer ehemals adeligen Familie war Schüler des Privatgymnasiums Theresianum, hat einen Masterabschluss der Diplomatischen Akademie und spricht fließend Russisch. Stenzel war zwar Journalistin und Europaabgeordnete. Ihre Kenntnisse in österreichischem Verfassungsrecht – eine politische Bananenschale, auf der Präsidentschaftskandidaten leicht ausrutschen können – sind allerdings begrenzt.

Der Jurist Gudenus verfügt über die Fähigkeit, publikumsadäquat zu sprechen, von Stenzel sind peinliche Partymitschnitte überliefert, in denen sie sich abfällig über arme Menschen äußert. Gudenus ist zwar ein strammer Freiheitlicher und schlagender Burschenschafter – aber er hat sich im Griff. Im Gegensatz zu seinem Vater, der wegen Wiederbetätigung verurteilt wurde, ist er bisher auch nicht mit dem Verbotsgesetz in Berührung gekommen. Nur einmal sorgte er mit einer geplanten Reise zu russischen Rechtsextremen für Aufsehen.

Keine Konsenskandidaten

Das Problem der FPÖ ist, dass sie als Partei am politischen Rand kaum über Personalreserven verfügt, die sich für die Bundespräsidentschaft eignen. Die meisten freiheitlichen Politiker polarisieren zu stark, um in andere politische Lager zu transzendieren. Unwahrscheinlich, mit solchen Kandidaten die nötige Breitenwirkung zu erreichen, um auf über 50 Prozent der Stimmen zu kommen. Politisch dezentere FPÖ-Vertreter tragen wiederum das Manko des Unbekannten.

Einzig Rechnungshofpräsident Josef Moser wäre ansonsten gemäßigt und namhaft genug, um als aussichtsreicher Kandidat gehandelt zu werden. Dass sich Moser aber nicht in ein Kandidatenfeld begibt, in dem sich mit Khol, Griss und Van der Bellen bereits drei Bewerber um die bürgerliche Mitte schlagen, ist verständlich.

Als Ausweichkandidatin wurde nun Stenzel gefunden, die man mit ihrer ÖVP-Vergangenheit als Konsenskandidatin für das bürgerliche Lager präsentieren wird. Dass Stenzel, die im Bezirkswahlkampf um die Wiener Innenstadt 2015 auf dem dritten Platz landete, allerdings mehr als die Hälfte der österreichischen Wählerschaft auf sich vereinen wird können, darf berechtigterweise bezweifelt werden.

Welche Möglichkeiten hätte die FPÖ noch gehabt? Sie hätte auf eine Kandidatur verzichten oder einen anderen Bewerber unterstützen können. Das wäre allerdings strategisch wenig ratsam. Die Bundespräsidentenwahl ist der letzte große politische Stimmenfang vor der Nationalratswahl 2018. Für die Parteien geht es nicht nur darum, ihre Kandidaten in die Hofburg zu hieven, sie wollen auch ihre Mitglieder und Sympathisanten mobilisieren. Positionen sollen abgesteckt und die Präsenz in der öffentlichen Debatte erhalten bleiben.

Warum Gudenus?

Die Flüchtlingskrise trägt den Freiheitlichen zwar die potenziellen Wähler zu wie ein politischer Winterschlussverkauf, für sie ist es aber dennoch wesentlich, ihre Standpunkte immer wieder zu artikulieren. ÖVP und SPÖ haben beim Thema Migration und Asyl eine schärfere Gangart eingeschlagen, die FPÖ wird sich von der Regierung nicht den Rang als oberste Zuwanderungskritikerin ablaufen lassen. Sie muss daher medial präsent bleiben. In einem Wahlkampf, an dem man selbst nicht teilnimmt, ist das nur schwer möglich.

Alledings besetzt Ursula Stenzel die klassischen Kernthemen der Freiheitlichen kaum. Johann Gudenus aufzustellen, wäre aus strategischer Sicht die bessere Entscheidung gewesen. Mit ihm hätte die FPÖ einen wesentlich schärferen Wahlkampf fahren und so bewusst im konsensorientierten Dialog der Seniorenbewerber anecken können.

Dabei wäre allerdings auch sein Sieg mehr als unwahrscheinlich gewesen. Das Durchschnittsalter der Wählerschaft ist gerade bei Bundespräsidentenwahlen besonders hoch. Mit Khol steht den älteren FPÖ-Wählern ein weiterer rechtskonservativer Kandidat zur Verfügung. Gudenus wäre schlicht zu jung und in der Tagespolitik zu stark verhaftet, um für Anhänger anderer Parteien eine wählbare Alternative darzustellen.

Für die FPÖ geht es allerdings weniger um die Bundespräsidentschaft selbst, sondern um mediale Präsenz. Mit Ursula Stenzel wird sie ihre Zielgruppe der jungen, wütenden Männer, weder für diese Wahl mobilisieren, noch für 2018 vorheizen. Johann Gudenus hätte das gekonnt.