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Hofer, der ORF und die Reise nach Jerusalem

Meinung / von Georg Renner / 20.05.2016

Es dürfte zu den skurrilsten Wendungen dieses Wahlkampfs gehören, dass das intensivst diskutierte Thema zwei Tage vor der Wahl nicht mehr das Amtsverständnis beider Kandidaten ist – wen sie schon, nicht oder mit welcher Kopfbedeckung angeloben wollen oder ob sie jetzt bereit sind, einen Freihandelsvertrag abzuschließen oder nicht –, sondern die Frage, was Norbert Hofer vor zwei Jahren bei einer Reise nach Israel erlebt hat oder eben nicht.

Dazu einige Anmerkungen:

  1. Norbert Hofer hat sowohl seine Israel-Reise im Juli 2014 als auch den Vorfall am Tempelberg von sich aus in mehreren Interviews – etwa hier in der Presse oder hier im Standard in den vergangenen Wochen thematisiert. Mutmaßlich hat er das getan, um breitere Wählergruppen anzusprechen, die die historische Nähe der FPÖ zum Antisemitismus abschrecken würde, indem er deutlich macht, dass er wisse, wie schwer die Situation in Israel sei.
  2. In seinen Interviews stellte Hofer allerdings zwei Sachverhalte als Fakten dar, die sich inzwischen als falsch erwiesen haben.
  3. Erstens erklärte Hofer mehrmals, er sei „Teil einer Delegation des österreichischen Parlaments gewesen“. Wie sein Sprecher inzwischen bestätigt hat, war die Reise keine offizielle des Parlaments, sondern eine reine FPÖ-Reisegruppe, unter anderem bestehend aus dem heutigen Wiener Stadtrat David Lasar, dem Zweiten Landtagspräsidenten Johann Herzog und Hofer.
  4. Zweitens erklärte Hofer (in der Presse): „Als ich auf dem Tempelberg war, ist zehn Meter neben mir eine Frau erschossen worden, weil sie versucht hat, mit Handgranaten und Maschinenpistolen betende Menschen zu töten“. Inzwischen wissen wir aufgrund übereinstimmender Berichte von israelischen Medien: Am Tag von Hofers Besuch am Tempelberg hat es einen Vorfall mit einer Frau gegeben, auf die die Sicherheitskräfte geschossen haben. Aber weder war sie schwer bewaffnet, wie Hofer das schildert, noch ist sie bei dem Vorfall ums Leben gekommen.
  5. Dass beide Sachverhalte überhaupt Thema sind, ist Verdienst der Redaktionen des ORF.
  6. Zunächst hat die ZIB 2 Hofers Besuch in der Knesset aufgegriffen – im Interview am Mittwochabend konfrontierte Armin Wolf den freiheitlichen Kandidaten mit den Widersprüchen in seiner Version – etwa, dass in der Knesset nichts von einem offiziellen Besuch (den es, siehe 3., ja eben nicht gegeben hat) bekannt sei.
  7. Als Zweites nahm die Redaktion der gestrigen letzten Wahlkonfrontation Hofer-Van der Bellen den Ball auf – und versuchte, mehr über den Vorfall am Tempelberg herauszufinden. In einem zugespielten Beitrag von Israel-Korrespondent Ben Segenreich erklärte ein Polizeisprecher, Ende Juli 2014 habe es „keinen solchen Vorfall am Tempelberg gegeben, definitiv nicht“. Hofer war daraufhin empört, er wisse doch, was er erlebt habe.
  8. Gleichzeitig dokumentierten andere Journalisten – als erster Heute-Redakteur Erich Nuler – und FPÖ-Fans in den sozialen Medien, dass es eben doch einen Vorfall gegeben habe.
  9. Die Folge, offensichtlich: Die FPÖ fühlt sich einmal mehr von den Medien allgemein und dem ORF im besonderen verfolgt und sieht einen „unfassbaren ORF-Skandal“.
  10. Wie man die ganze Angelegenheit einordnet, hängt am Ende von den Erwartungen ab, die man an Politiker anlegt.
  11. Wer verlangt, dass jedes Wort, das ein Politiker im Interview sagt – und besonders ein Kandidat für das höchste Amt im Staat – genau überprüft und hundert Prozent präzise ist, für den ist Hofer spätestens mit dieser Angelegenheit unten durch: Denn weder war er auf offizieller Mission des Parlaments unterwegs, noch war die Frau, die er bei dem Zwischenfall am Tempelberg beobachtet hat, schwer bewaffnet. (Eine „islamistische Terroristin“, wie Heinz-Christian Strache sie gestern Abend noch beschrieben hat, war sie übrigens auch nicht, sondern Angehörige einer ultra-orthodoxen jüdischen Sekte.)
  12. Wer der Meinung ist, dass man es jemandem durchaus nachsehen kann, wenn er sich nicht mehr an Details einer Reise vor zwei Jahren erinnert oder diese falsch mitbekommen hat, wird eher keinen Skandal sehen. Zum Beispiel wäre durchaus denkbar, dass Hofer Schüsse auf eine Frau mitbekommen hat und dann später erklärt bekam, dass sie erschossen worden sei (das englische „was shot“ kann in der Angelegenheit bekanntlich trügerisch sein).
  13. Umgekehrt ist auch der Vorwurf an den ORF eine Sache der Interpretation. Denn ja, als Zuseher des gestrigen „Duells“ konnte man durchaus den Eindruck bekommen, dass Hofer den Vorfall am Tempelberg frei erfunden hätte.
  14. Das hängt wiederum damit zusammen, dass der israelische Polizeisprecher, das geht aus dem Wortlaut seiner Antwort ziemlich klar hervor, genau nach einem solchen Ereignis gefragt worden ist, wie es Hofer in seinen Interviews geschildert hat: Terrorangriff durch eine schwer bewaffnete Frau, die dabei erschossen wurde. Und genau so einen Vorfall hat es zum Zeitpunkt seines Besuchs am Tempelberg nicht gegeben, was Polizeisprecher und ORF richtigerweise festhalten.
  15. Sauberer wäre allerdings gewesen, anzumerken, dass es eben den schwächeren Vorfall – unbewaffnete Frau angeschossen – am betreffenden Tag sehr wohl gegeben hat, Hofers Geschichte also einen wahren Kern hat. Wer allerdings genau jene Parameter recherchiert, die Hofer in mehreren Interviews in den Raum gestellt hat, konnte das, was eine einfache Google-Suche an den Tag brachte, gar nicht erst finden.
  16. Fazit: Wer einen Skandal sehen will, kann einen sehen – sowohl aufseiten Hofers oder auch auf jener des ORF. Allerdings gibt es vernünftig betrachtet dafür, dass auf einer davon System dahinter steckt – absichtlich lügender Politiker oder absichtlich kampagnisierender Sender also – keinen Beleg.