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Pragmatisten-Feministen wählen Griss

Meinung / von Leopold Stefan / 22.04.2016

Feministinnen haben das gleiche Problem mit Irmgard Griss wie Rudolf Hundstorfer: Sie will sich nicht so recht deklarieren. Sie betont immer wieder, sie wolle sich kein Etikett aufkleben – auch kein frauenpolitisches. Pragmatische Feministen wählen sie trotzdem.

In ihrem Wahlkampf betont Griss, dass sie sich immer für Gleichberechtigung von Frauen eingesetzt hat. Sie spricht von gleichem Lohn für gleiche Arbeit und thematisiert die Probleme von Alleinerzieherinnen – sie selbst zog ihren ersten Sohn anfangs alleine auf.

In ihrem Wahlprogramm befürwortet Griss sogar Frauenquoten von 50 Prozent in Führungsetagen staatsnaher Betriebe. Auch fordert sie Ganztagsschulen und den flächendeckenden Ausbau von Betreuungsplätzen. Wenn man diesen Einsatz für Gleichberechtigung meint, sei sie Feministin, betont Griss immer wieder.

Die ideologische Etikettiermaschine

Die bürgerlich-konservative Präsidentschaftskandidatin tut gut daran, sich kein Scheinetikett zu verpassen. Bekennende Feministinnen wie Profil-Kolumnistin Elfriede Hammerl haben Griss das Label bereits verweigert, auch wenn sie als Rollenvorbild trotzdem nicht schlecht sei.

Schließlich steht der politische Feminismus in enger Verbindung zu linken Ideologien, mit einem Fokus auf Machtverhältnissen und sozial konstruierten Geschlechterrollen. Dass Irmgard Griss die ideale Aufsteigerbiografie, von der Bauerntochter zur Höchstrichterin, hingelegt hat, exkulpiert sie aus feministischer Sicht nicht von Ansichten wie: Traditionelle Geschlechterrollen seien nicht nur kulturell, sondern auch biologisch begründet.

Pragmatisch betrachtet

Aus rein pragmatischen Gründen spricht jedoch einiges dafür, eine konservative Kandidatin zu wählen, um gesellschaftliche Diskriminierung gegenüber Frauen abzubauen.

Schließlich verortet der Feminismus die negativen Vorurteile gegenüber Frauen vor allem bei rechten und konservativen Wählerschichten. Ein Präsident aus dem linken Lager, der theoretisch die „richtige“ Frauenpolitik vertritt, aber in seiner Amtsgebarung wenig dazu beitragen kann, nutzt der erhofften Emanzipation in den Köpfen wenig – vor allem bei jenen Menschen, die einen bürgerlichen Kandidaten bevorzugt hätten.

Umgekehrt haben Studien gezeigt, dass Frauen in politischen Führungsrollen unbewusste Vorurteile vor allem bei Männern reduziert haben.

Frauenquoten auf dem Land

Ausgerechnet in Indien, wo die Frauen in der Gesellschaft an sich sehr ungleich behandelt werden, hat eine Quotenregelung ein großangelegtes Sozialexperiment ermöglicht.

We find that male villagers show no bias against women leaders in villages previously exposed to a female leader …

In indischen Gemeinderäten wird seit Anfang der 1990er Jahre ein bestimmter Anteil der Sitze und Vorsitze per Los für Frauen reserviert. Ein Team an der Harvard University hatte daher die Möglichkeit, Vorurteile der Dorfbevölkerung mit männlichen Vorsitzenden mit jenen zu vergleichen, die eine weibliche Kandidatin wählen mussten.

Zu diesem Zweck spielten die Forscher den Dorfbewohnern Tonaufnahmen einer fiktiven Gemeinderatssitzung vor, wobei der exakt gleiche Text der Vorsitzenden einmal von männlichen und einmal von weiblichen Schauspielern eingelesen wurde.

In Dörfern, die noch nie eine Frau an der Verwaltungsspitze hatten, waren die Vorurteile gegenüber den weiblichen Politikern beträchtlich. In Dörfern, in denen bereits Politikerinnen den Gemeinderat leiteten, waren die Vorurteile unter den männlichen Dorfbewohnern kaum noch vorhanden – bei den Frauen hingegen hielten sie sich hartnäckiger.

Obwohl sich die bewussten Angaben zu gesellschaftlichen Rollen, die in direkter Befragung der Dorfbevölkerung – nach dem Motto: Sollen Frauen an den Herd? – erhoben wurde, kaum verändert hatten, zeigt der Tonbandversuch, dass Politikerinnen in Führungspositionen die unbewusste Wahrnehmung weiblicher Kompetenzen deutlich verbessert haben.

Mit der richtigen Zielgruppe zur Wahl

Bei der Bundespräsidentschaftswahl am Sonntag tritt nur eine Kandidatin an. Wer gesellschaftliche Vorurteile gegenüber weiblicher Führungskompetenz abbauen will, sollte daher erwägen, sie zu wählen.

Selbst bei einer weiteren Kandidatin, die hauptsächlich eine linke Wählerschaft anspräche, würde eine konservative Frau an der Staatsspitze stärker gegen Vorurteile wirken: Denn was in der Psychologie als „confirmation bias“, zu Deutsch Bestätigungsfehler, bezeichnet wird – also das auszusuchen, was die eigene Meinung noch weiter bestätigt –, würde dann auf die erfolgreiche konservative Wählerschaft zutreffen.

Die bürgerlichen Wähler hätten zwar nicht wegen – oder sogar trotz – des Geschlechts für eine Kandidatin gestimmt, aber dafür verbinden sie mit der persönlichen Favoritin im Amt mehr Positives. Jene Gruppe mit den ausgeprägteren Vorurteilen erlebt somit durch „ihre“ Frau im höchsten Amt eine Selbstbestätigung. Diese Einstellung färbt auf andere Politikerinnen ab.

Bei jeder Wahl gibt es etliche Aspekte, nach der die Kandidaten beurteilt werden sollten. Gleichberechtigung ist einer davon. Wer darauf baut, dass die erste Bundespräsidentin Österreichs gesellschaftliche Vorurteile abbaut, sollte mehr an die Zielgruppe des gewünschten Effekts denken. Und konservativ wählen.