APA/ROLAND SCHLAGER

Randnotiz: Bundespräsidentenwahl

Richard Lugner, wörtlich

Meinung / von Barbara Kaufmann / 14.02.2016

Sein Lieblingsessen ist Austern mit Ketchup, seine Frauen hören allesamt auf Tiernamen, seine Opernballauftritte sind ebenso legendär wie die Wutanfälle vor laufender Kamera. Der bekannteste Baumeister Österreichs ist amüsanter Fixbestandteil der Society-Kolumnen des Landes. Sieht man sich jedoch das Demokratieverständnis des Neopolitikers genauer an, kann einem das Lachen schon vergehen.

Will man sich ernsthaft mit dem Bundespräsidentschaftskandidaten Richard Lugner auseinandersetzen, erntet man ambivalente Reaktionen von Kollegen aus der Innenpolitik. Lugner, so der allgemeine Tenor, sei ein Clown, eine tragikomische Figur, ein Selbstdarsteller, der jedes Maß an Selbstachtung verloren hätte. Und weil er sich anscheinend selbst nicht mehr ernst nimmt, muss man es als Beobachter auch nicht. Ein Trugschluss?

Tatsächlich hat der Mann vor laufender Kamera bereits alles gezeigt, was eine Reality-TV-Figur an Dramen hergeben kann. Zerwürfnisse mit Lebensgefährtinnen, das Ende seiner Beziehung mit seiner letzten Ehefrau Christina, Eklats mit Tochter und Schwiegersohn in spe, Botoxbehandlungen, Zurückweisungen, Einsamkeit, soziale Demütigungen von Proponenten der Wiener Gesellschaft, deren Nähe er trotzdem weiterhin suchte und sucht. Richard Lugners Wutanfälle flimmerten zur Primetime im heimischen Privatfernsehen ebenso ungeschnitten über den Bildschirm wie im deutschen. Meist waren sie ein Resultat von Ungeduld, Unbeherrschtheit und manchmal auch von Verzweiflung. Echter Verzweiflung. Darüber, dass ihm trotz aller Bemühungen jene gesellschaftliche und mediale Anerkennung vorenthalten wird, die ihm in seinen Augen – und nur diese Augen zählen – zustünde. Wenn Lugner leidet, dann leidet er authentisch.

Auch bei der Präsentation seiner Kandidatur für die diesjährige Bundespräsidentenwahl in seiner Lugner City ist er in manchen Momenten nahe daran, die Fassung zu verlieren. Vor allem wenn er über seine politischen Ziele spricht, wird seine Stimme laut, überschlägt sich an manchen Stellen. Als Präsident würde er die derzeitige Regierung „an den Ohren packen“, tönt er kämpferisch. Er würde „mal Tacheles reden“, damit sie „für Österreich arbeiten, nicht für ihre Partei“. Er könne die Regierung schließlich „entlassen, wenn sie nicht spurt“, redet er sich in Rage. Damit sie „regiert und nicht die Flüchtlinge ins Land hereinlässt.“

In solchen Momenten wird Lugners Demokratieverständnis transparent und einem als Zuseher ein wenig mulmig. Natürlich sind solche brachialen Phrasen nicht neu, sondern gehören zum Inventar populistischer Parteien. Man muss sich nicht erst an Jörg Haider erinneren, der von „roten und schwarzen Filzläusen“ sprach, die „mit Blausäure bekämpft werden sollten.“ Es ist aber nicht nur die martialische Sprache, die einen aufhorchen lässt. Sondern die Haltung dahinter. Da sitzt einer, dem das soziale Regulativ der Scham durch Jahrzehnte der Selbstentblößung abhanden gekommen ist. Der politische Würdenträger gerne austauschen würde, wie er die Frauen an seiner Seite über die Jahre immer wieder getauscht hat. Ein angry old man, der die Verächtlichmachung der Gesetze des Staates, dessen oberster Repräsentant er werden möchte, genüsslich zelebriert. So weist er etwa stolz darauf hin, dass er die Väterkarenz nicht nur ablehne, sondern seinem Mitarbeiter auch untersagt hätte. „Kriegt seine Frau halt weniger Geld, weil er nicht in Väterkarenz geht.“

Viele fragen sich, warum er sich eine erneute Kandidatur als Bundespräsident antut. Er könnte in Ruhe seinen Lebensabend mit seiner Frau Cathy genießen, er könnte weiterhin in seinem Einkaufszentrum schalten und walten, er könnte die nächste Reality Show über sich und sein Leben konzipieren, als Urlaubstester, Koch, Gourmet, Dschungelcamper, Pokerspieler. Noch sind nicht alle Soap-Formate erschöpft, noch nicht alle Rollen von ihm gespielt worden. Ist der Ausflug in die Politik die nächste, die wichtigste, die letzte? Mit der Frage nach dem Warum kommt man bei Richard Lugner nicht weiter. „Für das Herz“, heißt es in Knausgårds Sterben, „ist das Leben einfach. Es schlägt, solange es kann.“ Solange Richard Lugner ist, wird er Richard Lugner sein. Und zu diesem Sein gehört die öffentliche Existenz. Dass diese sich in Zeiten sinkenden Vertrauens in die Politik und einem steigenden Bedürfnis nach einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen ausgerechnet die politische Arena als Bühne gewählt hat, sollte man nicht als verspäteten Faschingsscherz abtun. Es haben schon andere vor ihm die fehlende Politerfahrung durch populistische Positionen ausgeglichen und sind durchaus erfolgreich gewesen. Und das mit schlechteren Voraussetzungen. In besseren Zeiten.