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Schrödingers Wahl, oder: Wer wie viel braucht, um zu gewinnen

von Georg Renner / 23.05.2016

Also, Stand der Dinge Montagfrüh: Wer Heinz Fischer am 8. Juli als Bundespräsident nachfolgt, steht schon fest – wir wissen es nur noch nicht.

Heute um 9 Uhr beginnt in den Bezirkshauptmannschaften und Magistraten des Landes die Auszählung der Briefwahlstimmen, die bis Wahlschluss am Sonntag dort angekommen sind. Am Abend, zwischen 17 und 19 Uhr, werden die Ergebnisse vom Innenministerium verkündet – erst dann werden wir wissen, ob Norbert Hofer oder Alexander Van der Bellen in die Hofburg einzieht.

Die Frage, die da heute zu beantworten ist, lautet: Haben unter den Briefwählern so viel mehr Menschen für Van der Bellen gestimmt, dass dieser bei der heutigen Auszählung seinen Rückstand von 144.006 Stimmen gegenüber Hofer aufholen kann – oder nicht?

Alles, was Sie hören, ist geschätzt

Verlässlich beantworten kann das zur Stunde niemand. Zwar zeigt die Erfahrung, dass grüne Kandidaten regelmäßig bei Briefwählern deutlich besser abschneiden als beim Urnengang – die Menschen, die per Briefwahlkarte abstimmen, sind in der Regel gebildeter und urbaner; das sind Gruppen, die auch gestern überdurchschnittlich stark Van der Bellen gewählt haben – aber bei allen Prognosen handelt es sich um Schätzungen, Hochrechnungen auf Basis schon ausgezählter Ergebnisse der Briefwahl gibt es mangels solcher nicht.

Die Schätzungen der diversen Prognostiker unterscheiden sich nur im Promillebereich: SORA schätzt für den ORF, dass am Ende Van der Bellen 2.888 Stimmen vorne sein wird, die ARGE Wahlen sah zuletzt einen knappen Vorsprung für Norbert Hofer. Aber wie gesagt: Alles Schätzungen auf Basis komplexer Rechenmodelle (die, weil Know-How der jeweiligen Institute, nicht veröffentlicht werden), jeweils mit einem Schwankungsbereich, der alles offen lässt, für beide Kandidaten.

Sprich: Alles das, was die Briten einen „educated guess“ nennen.

Die Fakten: Es wurden für diesen Wahlgang 885.437 Wahlkarten ausgegeben; ein – noch unbekannter – Teil davon wurde allerdings dafür verwendet, gestern in einem anderen Wahllokal als dem eigenen die Stimme abzugeben: Die Ergebnisse dieser Wahlkarten sind bereits im Ergebnis von gestern Abend – das Hofer mit 144.006 Stimmen vor Van der Bellen bzw. bei 51,9 Prozent sieht – berücksichtigt.

Van der Bellen braucht 60,2 Prozent – geschätzt

Wie viele Wahlkarten also schon eingerechnet sind und wie viele heute noch ausgezählt werden, ist zurzeit noch genauso Schätzung: Die Prognostiker rechnen mit knapp über 700.000 Stimmen, die heute noch dazukommen werden.

Die ARGE Wahlen zum Beispiel rechnet mit 707.000 gültigen Stimmen, die heute noch dazukommen werden. Von diesen müssten dann 60,2 Prozent auf Van der Bellen entfallen, damit er Hofer im Endergebnis noch überholen kann – kommt dieser umgekehrt auf mehr als 39,8 Prozent der Briefwahlstimmen, ist er Bundespräsident. Werte, die sich allerdings ändern, wenn die Zahl der gültigen Stimmen anders sein sollte: Sind mehr Stimmen als die geschätzten 707.000 gültig, reicht Van der Bellen beispielsweise schon ein kleinerer prozentueller Vorsprung.

Schrödingers Wahl, quasi: Das Ergebnis steht schon fest – aber wissen werden wir es erst, wenn wir in die Box hineingeschaut haben.

 

Übrigens: Die Briefwahl ist demokratiepolitisch nicht unproblematisch, wie Kollege Neuhold vergangenes Jahr im profil belegt hat.